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Vereinsarbeit ist ein wichtiger Schlüssel gegen Anonymisierung und Vereinsamung von Menschen, sagt Landrat Christoph Göbel, der seit vielen Jahren Präsident des TSV Gräfelfing ist.

Interview nach Amoklauf von München

Landrat Christoph Göbel: "Wir müssen aus dieser Tat lernen"

Landkreis - Landrat Christoph Göbel berichtet im Gespräch, was er am Amok-Abend erlebt hat, welche Ängste ihn begleitet haben und warum die Tat ihn dazu veranlasst, an die Menschlichkeit zu appellieren.

Herr Göbel, wie haben Sie von dem schlimmen Attentat erfahren?

Mein Neffe hat mir per Handy eine Nachricht geschickt. Er war gerade im OEZ und hat die Schüsse sogar gehört. Er schrieb mir dann, dass da etwas Schlimmes passiert ist. Er konnte sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen, Gott sei dank.

Was waren Ihre Gedanken in dem Moment? 

Ich hatte furchtbare Angst, dass es sich um einen Terroranschlag handeln könnte. Das ist ja leider nicht auszuschließen. Wir alle wissen, dass auch Deutschland im Fadenkreuz von Menschen ist, die Gewalt ausüben wollen. Man wusste ja lange auch nicht, ob dort mehrere Attentäter unterwegs sind. Ich hatte riesige Sorge, dass eine große Panik ausbricht und die Lage unkontrollierbar wird. Im Nachhinein war ich schwer beeindruckt von der Arbeit der Sicherheitskräfte, auch von unseren Feuerwehren, in was für einer Geschwindigkeit alle agiert haben. Da hat ein Rad ins andere gegriffen. Das hat auch eine beruhigende Wirkung, wenn man weiß, dass unsere Einsatzkräfte in solchen Situationen perfekt funktionieren. 

Was war Ihre Aufgabe dann als Landrat an diesem Abend, was mussten Sie tun? 

Wir haben dann alle unsere Einsatzkräfte im Landkreis alarmiert. Zehn Feuerwehren aus dem Landkreis waren mit verschiedenen Gerätschaften entweder in Oberschleißheim oder auch vereinzelt in München. Aufgabe des Landkreises ist in so einer Situation hauptsächlich die Sicherung des fliegenden Personals, also am Hubschrauberlandeplatz in Oberschleißheim. Ich stand die ganze Zeit in Kontakt mit Kreisbrandmeister Josef Vielhuber und auch mit der Stadt München. Mit der Stadt haben wir uns dann relativ schnell dazu entschlossen, den Sonderfall auszurufen, weil die Lage zu dem Zeitpunkt auch noch sehr unsicher war und wir nicht wussten, ob es doch ein Terroranschlag war. Wir mussten vom Schlimmsten ausgehen. 

Welche Konsequenzen ziehen Sie persönlich aus dem Amoklauf? Wie schlägt sich das vielleicht auch im Landkreis nieder? 

Für mich steht fest: Wir müssen aus dieser Tat lernen. Ich bin seit vielen Jahren Präsident des TSV Gräfelfing. Wir haben heute unsere 90-Jahr-Feier veranstaltet und da stand der Amoklauf natürlich auch im Zentrum der Gespräche. Und da habe ich gesagt, dass gerade das Vereinsleben eine Gelegenheit ist, damit Menschen sich nicht in sich zurückziehen und nicht vereinsamen. Die Gesellschaft muss lernen, wieder mehr aufeinander Acht zu geben, aufeinander zu schauen. Wir können uns diesen Individualismus nicht leisten. Wir müssen auch aufarbeiten, wie es sein kann, dass ein junger Mensch an eine Waffe kommt und wie wir das verhindern können. 

Was kann der Landkreis dazu beitragen? 

Ein sehr wichtiger Punkt ist für mich die Jugendsozialarbeit an allen Schulen. Hier haben wir eben Profis, die das tun, was früher Vereine, gesellschaftliche Netzwerke oder auch Eltern leisten konnten: auf die Kinder zu achten und früh Veränderungen zu erkennen. Deshalb können wir da gar nicht genug investieren. Das Entscheidende ist, frühzeitig zu erkennen, wenn eine Gefährdung besteht, um es gar nicht so weit kommen zu lassen, wie es jetzt in München der Fall war. Wir müssen näher zusammenrücken. Wer sich allein fühlt, in dem kommt irgendwann die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit auf, danach, geliebt und wahrgenommen zu werden. Das bekommen wir nur durch echte Interaktion, kein Facebook und kein soziales Netzwerk kann das jemals leisten.

Das Gespräch führte Patricia Kania

Lesen Sie hier weitere Reaktionen aus dem Landkreis München.

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