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Das Marterl an der Ecke Peißer Straße und Mühlenweg erinnert an den Mord an Georg Schneider vor knapp 200 Jahren.

Historischer Fall gibt Rätsel auf

Ein Mord, über den man nicht spricht

Aying - Seit 27 Jahren lebt Thomas Buchsein mit dem Wissen, dass vor seiner Haustür ein Ayinger Bauer ermordet wurde – im Jahr 1824. Einigen im Ort sind die Hintergründe der Tat bekannt, nur reden wollen sie darüber nicht.

Die Römerstraße im Hofoldinger Forst, Keltengräber in Peiß und ein unterirdisches Tunnelsystem aus dem Mittelalter in der Ortsmitte: Begeistert man sich für Heimatgeschichte, ist Aying – immerhin 1225 Jahre alt – ein regelrechtes Paradies. Dass Thomas Buchsein (62) für die Ayinger Ortsgeschichte brennt, merkt man ihm sofort an. Wenn er über die 4400–Seelengemeinde spricht, in der er seit nunmehr 27 Jahren lebt, gerät er ins Schwärmen. Durchblättert er die Dorfchronik, springt er von Seite zu Seite, kennt zu fast jedem Kapitel, so scheint es, eine Anekdote. Nach einem Kapitel sucht Buchsein allerdings vergeblich in der sonst so ausführlichen Chronik. Ein Kapitel fehlt. Ein sehr blutiges Kapitel Ayinger Dorfhistorie. 

Der 17. Mai 1824 war ein Montag, ein sonniger Tag. Für Georg Schneider war es der letzte. Der Berdlbauer, wie man ihn im Ort nannte, wurde an eben jenem Tag brutal ermordet. Erschlagen mit einem Holzknüppel auf offener Straße. Genau dort, wo heute Thomas Buchseins Gartenzaun steht, an der Ecke Peißer Straße und Mühlenweg.

"Hier gab seinen Geist auf der Berdlbauer"

Ein unscheinbares Marterl, etwa 1,50 Meter hoch, erinnert heute an den Mord am Berdlbauern vor knapp 200 Jahren. Die Gedenktafel hat Buchsein erst aufmerksam gemacht auf die Tat – und seine Neugierde geweckt. Seine Nachforschungen zu den Hintergründen verliefen bis dato jedoch allesamt im Nichts. Weder Dorfhistoriker noch Alteingesessene konnten ihm auf der Suche nach Antworten helfen. Und auch im Gemeindearchiv ist nichts über den Fall hinterlegt. Alles, was ihm über den Mordfall bekannt ist, hat Buchsein der Inschrift auf dem Marterl entnommen. 

„Hier gab seinen Geist auf der ehrbare Georg Schneider, der Berdlbauer“, heißt es auf der Gedenktafel. Und weiter: „Er wurde an diesem Ort aus Rache seines Feindes erschlagen.“ Datiert ist die Bluttat auf den 17. Mai 1824.

Die Frage nach dem Warum

Doch was geschah an diesem Montag im Mai? Warum musste Georg Schneider sterben? War es eine hitzige Auseinandersetzung mit tödlichem Ausgang? Oder doch eine langwierige Fehde? Und wurde der Täter jemals gefasst? Fragen, die Thomas Buchsein seit geraumer Zeit beschäftigen. Nicht aus Sensationsgier, so versichert er, viel mehr, weil es eben genau vor seiner Haustüre passiert ist. „Kein sonderlich edeles Motiv“, sagt Buchsein, „aber es interessiert mich einfach.“ 

Neuerlich entflammt hat dieses Interesse unlängst die Restauration des Marterls. Seit seinem Umzug von München nach Aying hat Buchsein den Zerfall der Gedenktafel über all die Jahre mitangesehen und auf Fotos dokumentiert. Im vergangenen Jahr setzte sich Buchsein für das Aufhübschen des von Wind und Wetter geschundenen Marterls ein. Eine befreundete Restauratorin übernahm den Auftrag. 

Heute sieht das Marterl wieder aus wie früher. Das Moos ist vom Tuffstein-Sockel verschwunden. Der Ayinger Kirchturm auf der Gedenktafel ist wieder deutlich zu erkennen, genauso wie die Heilige Maria mit Kind. Hervorsticht jedoch das Rot der Blutlache auf dem Feldweg. Daneben: der erschlagene Georg Schneider und die Tatwaffe, ein blutverschmierter Holzknüppel. Was nach der Restauration übrig geblieben ist, ist die Frage nach den Hintergründen der Tat, die Frage nach dem Warum.

Buchsein: "Das ist ein Tabuthema im Ort"

Einmal, so erzählt Buchsein, war er der Antwort auf all seine Fragen ganz nah. Er stand gerade vor dem frischrenovierten Marterl, als eine ältere Dame, Buchsein schätzt sie auf Mitte 80, auf einen Rollator gestützt an ihm vorbeispazierte. Seine Frage, ob sie denn mehr über den Mord am Berdlbauern wüsste, wiegelte die Dame ab: „Do red ma heid nimma drüber“, habe sie gesagt. „Die Leid lebn ja heid no do.“ Wieder eine Sackgasse, aber immerhin hatte Buchsein fortan die Gewissheit, dass die Hintergründe der Tat im Dorf nicht gänzlich unbekannt sind. 

Also wand sich Buchsein im Gemeindeblatt an die Ayinger. Versteckt in der Nachricht über das renovierte Marterl bat Buchsein um Hinweise, Tipps, eine neue Fährte. Gemeldet hat sich niemand. Aufgeben will Buchsein trotz der vielen losen Enden nicht. Seine Hoffnung, das blutige Kapitel Ayinger Ortsgeschichte mit Inhalt zu füllen, lässt jedoch nach. Für Buchsein steht fest: „Das ist ein absolutes Tabuthema im Ort.“

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