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Seit Sonntag kriecht, robbt und klettert Erdstall-Experte Dieter Ahlborn durch das historische Ayinger Tunnelsystem.

"Nahe an archäologischer Sensation"

Rätselhaftes Gängesystem in Aying entdeckt

Aying - Bei den Bauarbeiten für den neuen Pfarrsaal in Aying ist ein Baggerfahrer auf ein Jahrtausende altes Tunnelsystem gestoßen. „Nahe an der Sensation“ sei dieser Fund, sagen Experten.

Etwa 1000 Jahre lang ist das künstlich angelegte Tunnelsystem vom Ayinger Friedhof aus bis hin zur Münchener Straße verlaufen, ohne dass jemand von seiner Existenz wusste. Am vergangenen Donnerstag legten Bauarbeiter dann einen Abschnitt des insgesamt etwa 50 Meter langen Systems frei. Seither ruhen die Bauarbeiten an dem neuen Pfarrsaal, und ehrenamtliche Forscher der Interessengemeinschaft Erdstallforschung (IGEF) untersuchen und dokumentieren den Ayinger Erdstall.

„Dieser Fund ist nahe an einer Sensation“, sagt Dieter Ahlborn. Der Erdstall-Experten wurde unmittelbar nach dem Fund informiert und freut sich gleich doppelt über die historische Entdeckung. Zum einen wohnt Ahlborn in Graß, einem Ortsteil von Aying, und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Tunnelanlage. Zum anderen zeigt er sich begeistert über den Zustand des Erdstalls. „Die Anlage ist fast komplett erhalten, normal findet man nur noch Fragmente“, sagt Ahlborn, bevor er an diesem Nachmittag ein weiteres Mal hinabsteigt in das Gewirr aus unterirdischen Gängen und Kammern.

Schlusskammer in Aying: "Einmalig in Oberbayern"

50 Meter land sind die Gänge unterhalb von Aying.

Eine dieser Kammern hat es Ahlborn besonders angetan: die Schlusskammer. Dieser circa drei auf drei Meter große und zwei Meter hohe Raum befindet sich an dem einen Ende des Tunnelsystems, etwa unterhalb der Burschenhütte an der Münchener Straße, und beherbergt drei Nischen in der Wand, Sitzbänke vermuten die Forscher. Eine derartige Schlusskammer sei „einmalig in Oberbayern“, erklärt Ahlborn. Bisher habe man sie nur in der Oberpfalz und in Österreich gefunden.

Um zur Schlusskammer zu gelangen, muss man jedoch erst einmal hinabsteigen in die kühle Dunkelheit tief unter Aying. Der offengelegte Abschnitt unterhalb der Friedhofsmauer ist nicht breiter als 80 Zentimeter und führt unweigerlich zu auf ein tiefes Loch, eine als „Schlupf“ bezeichnete Verengung, die den Einstieg zum Hauptgang markiert. Dort kann eine normalgroße Person aufrecht stehen, in allen anderen Gängen heißt es: kriechen, ducken, Kopf einziehen – und bloß keine Platzangst haben.

Bald schon rollen die Bagger wieder an - Stürzen die Tunnel ein?

Welchem Zweck diese in ganz Bayern verbreiteten Tunnelsysteme dienten, ist „eines der letzten Rätsel“ der Erdstall-Forschung, sagt Ahlborn. Zum Verstecken oder als rituelle Stätten sind hierbei die gängigsten Theorien. Neben dem Zweck ist auch unklar, wann der Erdstall im Ayinger Untergrund errichtet wurde. „1000 nach Christus, plus/minus 200 Jahre“, schätzt Ahlborn. Der Umstand, dass die Erdställen meist „fundleer“, also ohne Hinterlassenschaften aus der Erbauerzeit, sind, erschwert Ahlborns Arbeit.

Viel Zeit für die genauere Erschließung des Erdstalls bleibt Ahlborn nicht mehr. Schon bald rollen wieder die ersten Bagger an und graben weiter am Keller des künftigen Pfarrsaals. Ahlborn befürchtet, dass die Erschütterungen die Tunnel einstürzen lassen. Zusammen mit der Gemeinde und dem Pfarrverband arbeitet er nun an einer schnellen Lösung, um zumindest Teile dieses „fantastischen archäologischen Gebildes“ zu erhalten.

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