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Eine Kämpferin: Jutta Seliger (78).

Kämpferin, Kommunalpolitikerin und Kulturfreundin

Jutta Seliger: Das Gesicht von Baierbrunn

Baierbrunn –Kriegskind, Kämpferin, Kommunalpolitikerin und Kulturfreundin: Jutta Seliger kennt jeder in Baierbrunn. Sie verpasst keine Sitzung des Gemeinderats, keinen Termin, keine Veranstaltung.

Sie ist immer da. Beim Neujahrskonzert. Bei der Bürgerversammlung. Im Gemeinderat. Es geht in Baierbrunn praktisch keine Veranstaltung über die Bühne, ohne dass vor dieser Bühne nicht Jutta Seliger sitzt. Sie hört immer aufmerksam zu. Manchmal meldet sie sich auch zu Wort. 

Wenn sie einen kommen sieht, winkt sie einem fröhlich zu. Hinterher gibt es immer noch ein paar freundliche Worte. Sie kommentiert, was man soeben gehört, gesehen, erlebt hat. Sie sagt: „Wenn ich jünger wäre, würde ich mich engagieren.“ Sie ist aber schon 78 Jahre alt. 

Dabei, so wie sie aufgewachsen ist, hätte sie eher eine werden müssen, die immer schön brav im Hintergrund bleibt. Ja nicht auffällt. „Red nichts, frag nichts, sei froh, dass du lebst.“ Das hat die Mutter ihr eingeschärft, damals, als sie evakuiert worden sind aus der NS-Mustersiedlung in Pullach, wo Seliger aufgewachsen war. Als Tochter eines niederrangigen Parteifunktionärs, den die Bonzen um sie herum ohnehin nur einschüchterten, der dann auch noch in Ungnade gefallen war in den letzten Kriegstagen – und kurzerhand abgeschoben worden ist an die Ostfront. 

Während Mutter und Kinder irgendwann in einer Nacht an den Ammersee gekarrt und ausgesetzt wurden bei einem Schuppen. Im Nirgendwo. Jutta Seliger bettelte für die Familie. Der Vater kam nie zurück. Wie so viele Kriegskinder hat auch sie, die ältere Dame mit dem weißen Kurzhaarschnitt, über das Erlebte lange Zeit nicht geredet. Hat einfach ihr Leben aufgenommen, hat versucht, sich im Beruf zu bewähren. Sie wurde Bilanzbuchhalterin. Sie sagt, sie wollte „immer mehr können als die anderen“. 

Bis vor Kurzem die Historikerin Susanne Meinl eine Ausstellung zusammengetragen hat über die vermeintliche Nazi-Idylle namens Sonnenwinkel auf dem heutigen BND-Gelände – und Jutta Seliger ermunterte, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Viele Tränen sind dabei geflossen. Heute sagt Jutta Seliger: „Dieses Kapitel ist jetzt eigentlich abgeschlossen.“ Und: „Frau Meinl ist mein Schutzengel.“ 

Nicht zu reden, nicht zu fragen – die Weisung der Mutter hatte sie schon vor der Ausstellung hinter sich gelassen. Wobei sie und ihr Mann, die 1967 nach Buchenhain gezogen waren und noch schnell geheiratet hatten, um ein Wohnung zu bekommen, erst „sehr zurückgezogen“ lebten. Als Protestanten im „katholischen Dorf“. 

Irgendwann gingen sie zu den Trachtlern, weil sie beide Volkstanz mögen, waren schließlich im Heimatverein. Und sie saßen dann bald, auch wenn es Jutta Seliger schon gesundheitlich nicht mehr so gut ging und die ersten von insgesamt 24 Operationen anfielen, regelmäßig im Gemeinderat. Sie mochten in den 1980er Jahren die damalige Rathauschefin Christine Kammermeier. Auch wenn die von der SPD war und Seliger bei der ÜWG ist. „Sie hat sich sozial engagiert, sie war eine Kämpferin.“ 

Heute, meint die 78-Jährige, die wohl wie niemand sonst die Entwicklung im Kommunalparlament verfolgt hat, würde sie manchmal am liebsten „aufspringen und was sagen. Aber natürlich halte ich mich an die Regeln“. Es ärgert sie, dass öffentlich kaum mehr Diskussionen ausgetragen werden. Das meiste werde so lang vorberaten in nicht-öffentlichen Ausschüssen, bis die Sache entschieden ist. 

Vergangene Woche hat man Jutta Seliger wieder zweimal getroffen: beim Info-Abend zum neuen Schulstandort – obwohl sie gar nicht betroffen ist. Sie wohnt nicht in der Nähe eines möglichen Standorts und hat auch keine Enkel. Trotzdem hat sie die Veranstaltung ausgesessen – wie immer. In einer der vorderen Reihen. Neben ihrem Mann, der sie fahren muss. 

Aber Seliger ist nicht nur politisch interessiert, sie besucht auch gern Kulturveranstaltungen. Das Bürgerhaus Pullach, sagt sie, ist „meine zweite Heimat“. Sie liebt Musik,. Wenn man sie darauf anspricht, leuchten ihre Augen. Sie zeigt auf den CD-Turm neben dem Esstisch. 

Dann fährt sie wieder mit der flachen Hand über die Tischdecke und erzählt, wie damals der Vater, den sie noch begleitet hat zum Zug, zu ihr sagte: „Du bist jetzt verantwortlich für die Familie.“ Der Mutter hatte er den Ehering gegeben. Er wusste, dass er fallen würde. Jutta war damals sechs Jahre alt. Jetzt, so viele Jahre später, sagt sie: „Ich lass mich nicht unterkriegen."

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