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Der Entscheider: Landrat Christoph Göbel (CSU) hat viele schwierige Situationen gemeistert.

Sommerinterview mit Landrat Christoph Göbel

„Wir hatten völlig den Überblick verloren“

Landkreis - Rückblick auf ein Jahr Flüchtlingshilfe: Im Interview spricht Landrat Christoph Göbel über das „geordnete Chaos“ im Flüchtlings-September, fehlende Alternativen und anonyme Hassbriefe.

Es ist der vierte Arbeitstag im Büro des Landratsamts nach drei Wochen Urlaub für Christoph Göbel. Auch für einen Landrat geht’s Ende August, in den Ferien, ruhiger zu. Weniger Veranstaltungen, weniger Termine. Doch ein Christoph Göbel kann nicht langsam. Er reißt die Tür auf, rauscht heraus und ruft: „Grüß Gott!“. Der Kapellmeister bittet in sein Büro.

Herr Göbel, hören Sie lieber Volksmusik oder Rock und Pop? 

Landrat Christoph Göbel: Rock und Pop. 

Was genau? 

Der Taktgeber: „Das liegt mir.“

Göbel: Herbert Grönemeyer ist mein absoluter Lieblingssänger. Aber ich höre generell sehr gern Musik. Ich habe früher viel Zeit im Auto verbracht. Dabei konnte ich die Anlage richtig aufdrehen. Jetzt werde ich gefahren. Das ist zwar schön. Aber das Auto ist nun auch mein Arbeitsplatz, wo ich E-Mails beantworte und Anrufe entgegennehme. Musik ist da nicht gerade förderlich.

Doch Sie dirigieren auch mit Elan den Tag der Blasmusik. Sehen Sie sich als Taktgeber? 

Göbel: Ich freue mich schon, einen Beruf zu haben, in dem ich wesentlich mitgestalten kann. Das liegt mir, aber ich bin nicht der alleinige Taktgeber.

Zuhause geben Sie sicher auch nicht allein den Ton an. Lässt Ihr Job Zeit für Privates? 

Göbel: Ja, und das muss er auch. Niemand kann auf Dauer Leistung bringen, wenn er sich keine Freiräume schafft, um die Batterie wieder aufzuladen. 

Ihre Frau hat gesagt, dass es manchmal schwierig ist mit Ihnen daheim. Können Sie nicht abschalten? 

Göbel: Natürlich wirkt die Arbeit nach, aber das geht wohl den meisten so. Wer schafft es schon, den einen Raum zu verlassen und den anderen zu betreten und ein anderer Mensch zu sein? Da muss man schon ein sehr dickes Fell haben, so dick ist mein Fell nicht. Aber ich habe Gott sei Dank eine Frau, die das zulässt und mir die Möglichkeit gibt, Dinge daheim zu besprechen. Ebenso wie umgekehrt. Das ist das Wesen einer guten Partnerschaft. 

Wenn Ihre Frau mit Ihnen das Haus verlässt, hat sie aber nicht mehr den Privatmann Christoph Göbel an ihrer Seite, sondern den Landrat Göbel. 

Göbel: Das stimmt. Aber es ist ein Unterschied, ob ich mich in der Stadt, im Landkreis München, in Ulan Bator oder Luzern aufhalte, der Heimat meiner Familie, wo ich gerade drei Wochen Urlaub mit meiner Familie verbracht habe. Ich hatte Zeit, mit meinen Kindern zu spielen und im See zu baden. Drei Wochen gemeinsame Zeit waren paradiesisch. Dort war ich nicht der Landrat. 

Aber wenn Sie daheim in Gräfelfing in den Supermarkt gehen, schon... 

Göbel: Ja, aber angesprochen zu werden, hat tatsächlich abgenommen. Das war als Bürgermeister deutlich massiver. Als Bürgermeister war ich 24 Stunden im Dienst, und wenn ich den Kopf zur Tür rausgestreckt habe, habe ich garantiert jemanden getroffen, der etwas von mir wollte. Das ist als Landrat anders. 

Aber beim Thema Asyl sind Sie der Ansprechpartner Nummer eins. Hier ein Bild vom Münchner Hauptbahnhof im September 2015. Ihr erster Gedanke? 

Der Ausnahmezustand: „Der Verantwortung muss ich mich stellen.“

Göbel: Ein absoluter Ausnahmezustand.

Damals haben Sie eine tragende Rolle gespielt und geschaut, dass die Flüchtlinge unterkommen, zunächst in der alten Tennishalle Keferloh. Sie haben einfach gemacht. Warum? 

Göbel: Weil mir klar war: Geschwindigkeit und Pragmatismus sind gefragt. Ich war im ständigen Dialog mit dem Oberbürgermeister Dieter Reiter und der Regierung von Oberbayern. Wir hätten das – unabhängig von Zuständigkeiten und rechtlichen Vorgaben – nicht anders bewältigen können. 

Sie hätten sich auch wegducken und sagen können: Nein, im Landkreis München ist eine schnelle Aufnahme von Flüchtlingen nicht möglich.

Göbel: Nein, das ist nicht meine Art von Amtsführung. Dieses Amt hat, so sehr man auch Takt an- und vorgeben kann, eine Kehrseite der Medaille – nämlich ein gewisses Maß an Verantwortung. Der muss ich mich stellen. Das ist mein Antrieb. 

Wie trifft man denn so eine Entscheidung, ganz spontan eine Notunterkunft wie die Tennishalle in Keferloh zu eröffnen? 

Göbel: Wir haben bereits vermutet, dass der Zustrom an Flüchtlingen steigt und nach Möglichkeiten gesucht, diese unterzubringen. Dabei kam die Tennishalle ins Spiel. Ich war bezüglich einer baulichen Nutzung mit der entsprechenden Abteilung im Haus in Kontakt. Man schilderte mir alles als „Europas größten Schwarzbau“. Es habe nie eine Baugenehmigung vorgelegen und sei höchst verfahren und schwierig. Man riet mir dringend ab, dort tätig zu werden. Der Eigentümer hatte sie einige Wochen zuvor als Asylunterkunft angeboten. Wegen der verfahrenen Situation haben wir das auf Eis gelegt. Als sich die Lage zuspitzte, rief ich den Regierungspräsidenten an und fragte, ob wir mit der Unterbringung dort helfen können. Konnten wir. 

Haben Sie diese Entscheidung allein getroffen? 

Göbel: Hausintern war sie abgesprochen. Ganz allein trifft man eine solche Entscheidung nicht. Für einen Kreistagsbeschluss war aber keine Zeit mehr.

Sie sind als jemand wahrgenommen worden, der pragmatisch Entscheidungen trifft, vorangeht, anpackt. Mussten Sie dabei Fronten überwinden? 

Der Widerstand: Herr Göbel, mussten sie Fronten überwinden? „Nein, überhaupt nicht.“

Göbel: Nein, überhaupt nicht. Eher hat mich diese große Welle an Hilfsbereitschaft fast schon ein bisschen abgeschreckt. Denn wenn Massen rennen, dann bin ich grundsätzlich skeptisch und begebe mich lieber auf einen anderen Weg. Mir lag es ein wenig im Magen, wie euphorisch die Menschen waren. Ich erinnere mich an die fliegenden Teddybären am Hauptbahnhof. Doch es kamen Menschen, die in Not vor Krieg geflüchtet waren. Das war für mich nicht positiv besetzt.

War das zuviel Willkommenskultur? 

Göbel: Nein, aber es war eine Notlage. Ich hatte den Eindruck, damals kamen Menschen, die eine furchtbare Fluchterfahrung hinter sich hatten. Sie brauchten weniger die Stimmung des „Herzlich Willkommens“ und etliche Freizeit- und Sportangebote, die es gab. Man muss sich einmal vorstellen, wir müssten hier alles hinter uns lassen, vielleicht sogar die eigene Familie: Da brauche ich weniger einen Teddybären und ein weniger spektakuläres Willkommen. 

Was denn dann? 

Göbel: Ein Dach über dem Kopf, Sicherheit, Zeit zum Nachdenken, um das Leben neu zu ordnen. Für mich war die drängende Frage daher: Geht das gut in den Hallen? Mangels Baugenehmigung wussten wir nichts über die Statik, den Brandschutz, die Infrastruktur. Heizen war nicht möglich. Das war nicht banal. Natürlich hätte ich gerne eine solche Entscheidung länger durchdacht. Aber dafür war einfach keine Zeit. 

Gab es einen Moment, in dem Sie gedacht haben: Das schaffen wir nicht? 

Göbel: Mir war immer klar, dass dies eine Ausnahmesituation ist, die nicht lange anhalten darf, weil wir sie dann nicht schaffen würden. Weniger in Keferloh, wo es sich von vornherein um eine Notlösung gehandelt hat. Aber in Dornach hatte ich manchmal das Gefühl, es nicht zu schaffen. Da haben wir völlig den Überblick verloren zwischenzeitlich. Wir wussten nicht mehr, wer da kommt und geht. Wir haben mit der Regierung teilweise nur noch festgestellt, dass hunderte Asylbewerber sozusagen verloren gegangen sind zwischen dem Versuch von Erfassung und Belegung. Das kann man schon als geordnetes Chaos bezeichnen. Viele Flüchtlinge hatten nichtmal einen Asylantrag gestellt und waren rechtswidrig im Land befindliche Ausländer. Ich hatte keine Antwort auf diese Herausforderungen. Die rechtsstaatliche Ordnung war verloren gegangen – und die galt es schnell wieder herzustellen. 

War der Landkreis stärker betroffen als der Rest Bayerns? 

Göbel: Die Stadt und der Landkreis München waren in einer Situation, in der kein anderer war. Es hat deswegen auch zunächst niemand verstanden, von was wir reden, nichtmal der Bundesinnenminister. 

Sie sprechen selbst von „geordnetem Chaos“. Wenn Sie zurückschauen: Wo sind im Landkreis Fehler gemacht worden? 

Göbel: Wir haben keine Fehler gemacht, weil es keine Alternative zum Handeln gab. Vielleicht haben wir uns in der Öffentlichkeit zu lange und intensiv mit der Unterbringung und den Zuzugszahlen befasst. Die eigentliche Herausforderung ist die Integration. Sich dieser Debatte zu stellen, ist sehr viel wichtiger als die Frage, ob es richtig ist, der einen oder anderen Gemeinde zehn Flüchtlinge mehr oder weniger zuzuweisen. Wir müssen aber aufpassen, dass unter den Gemeinden keine Ungleichheiten in der Verteilung entstehen. Das wäre ein Fehler. Denn das könnte die Diskussion fatal verändern. 

Und was ist gut gelaufen? 

Göbel: Gut gelaufen ist der Schulterschluss. Es ist uns gelungen, alle am gleichen Strang in dieselbe Richtung zu ziehen – über alle 29 Kommunen hinweg. Es war jedem klar: Es gibt eine Aufgabe, der wir uns stellen müssen. Dass wir den Zeitplan halten können, die Traglufthallen nach zwölf Monaten zu schließen und die Flüchtlinge in festen Unterkünften unterzubringen, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass es keinen Zuzug gibt derzeit. 

Darüber sind viele Politiker erleichtert. Denn nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln ist die Stimmung in der Bevölkerung gekippt. Auch Sie mussten plötzlich für eine Willkommenskultur kämpfen, auch gegen massiven Widerstand, zum Beispiel gegen die Unterkunft am Kathi-Weidner-Weg in Ottobrunn. 

Göbel: Ja, dann schon. Die Reaktion der Bevölkerung ist zurückzuführen auf Angst. Und das macht es so schwierig. Denn Angst kann man nicht rational erfassen und verarbeiten. Das ist ein Zustand, der – wenn auch manchmal grundlos – besteht. Das muss man akzeptieren. Zunächst war es eine Angst vor Veränderung, vor dem Unbekannten. Damit konnte man umgehen und dieser begegnen. Die Angst hat sich dann aber plötzlich konkretisiert: zu einer Angst vor weniger Sicherheit. 

Wie begegnen Sie als Landrat dieser Angst? 

Göbel: Erstmal muss ich diese Angst akzeptieren und darüber offen reden. Denn sonst gibt es auch keine Chance zu sagen: Wir tun alles dafür, dass nichts passiert. Zum Beispiel haben wir uns viele Gedanken zur Asylsozialbetreuung, zu Sicherheitskonzepten, Integrationsarbeit gemacht. Und unmittelbar ist bei uns ja nichts passiert. Natürlich gibt es Straftaten und Vorfälle, aber in der Regel innerhalb der Gruppe der Asylbewerber. Köln hatte Symbolcharakter. Die Vorfälle wurden als Referenz genommen: Es ist das eingetreten, was immer befürchtet worden war. 

Sie konnten vielen die Angst nicht nehmen. Gab es in dieser Phase Momente, in denen Sie befürchtet haben, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Asylpolitik nicht mehr mitträgt? 

Göbel: Ich bin nicht mit der rosaroten Brille ausgestattet. Mir war immer klar, dass das ein schwieriger und steiniger Weg wird. Aber mir war auch immer klar, dass wir diese Aufgaben bewältigen müssen. Wir müssen sie angehen, dazu gibt es keine Alternative. Die echte Aufgabe ist die Integration. Was ich mich gefragt habe: Gelingt sie uns? Das geht zum Beispiel nicht ohne Beschäftigung. Natürlich habe ich ganz konkrete Zweifel, das betrifft auch Fragen der Kultur, der Grundwerte. 

In dieser Phase haben Sie sich nicht nur Freunde gemacht. Gab es Anfeindungen? 

Göbel: Ja. Anonyme Briefe verunsichern mich nicht so, die bekomme ich immer wieder mal. Aber was neu war: Dass mir eine beachtliche Menge von Menschen mit Namen, Adresse und auch akademischem Titel geschrieben und mich angesprochen und sehr deutlich Kritik geübt hat, zum Teil sehr unter der Gürtellinie.

Zum Beispiel? 

Göbel: Erst vor wenigen Tagen sind wieder Anfeindungen im Netz aufgetaucht. Da wird dann auch schnell meine mongolische Frau thematisiert und ich in eine bestimmte Ecke gestellt. Da werden Vorwürfe gemacht, die nahe an Straftaten gehen – oder sogar welche sind. 

Treffen Sie mit Ihrem familiären Hintergrund diese Anfeindungen persönlicher? 

Göbel: Ja, natürlich. Aber konkrete Anfeindungen gegen meine Frau hat es nie gegeben. Eher im Gegenteil. Das wurde sehr positiv gesehen. Ich sehe im Landkreis eine große Mehrheit sehr weltoffen. Wir haben auch als Ehepaar viel über Integration geredet und diskutiert. Ich kann mir unter Integration vieles vielleicht besser vorstellen als andere. Ihre Chancen und Grenzen.

Trotzdem: Hatten Sie mal Angst um Ihre Familie?

Göbel: Ja. Es gab schon konkrete Drohungen bis hin zur Aufforderung, ich soll auf meine Kinder aufpassen. Gott sei Dank war die Drohung, die ich auch der Polizei gemeldet habe, nicht konkret. 

Wie haben Sie das verarbeitet? 

Göbel: Am Anfang habe ich meiner Frau nichts erzählt, um sie nicht zu verängstigen. Das habe ich dann aber für den falschen Weg gehalten. Gott sei Dank ist meine Frau eine sehr souveräne Persönlichkeit. Sie ist viel weniger schnell geschockt als ich. Letztlich hat sich die Sorge auch schnell wieder relativiert. 

Wir möchten Ihnen einen Brief zeigen, den wir von Kritikern bekommen haben. 

Göbel: (liest). Das ist jetzt also so ein anonymer Kritiker. (liest weiter) Er nennt nicht Ross und Reiter. Das ist (überlegt lange) normal. 

Normal? 

Der Hass: Auszug eines anonymen Briefes an den Münchner Merkur. Landrat Christoph Göbel hat solche Schreiben auch bekommen. „Ich habe mir angewöhnt, sie einfach wegzuschmeißen.“

Göbel: Ja, sowas gibt es. Mich erreichen keine Massen solcher Briefe, aber sie kommen – nach wie vor. Schon als Bürgermeister haben mich auch zu anderen Themen solche Briefe erreicht. Es gibt immer mal wieder Menschen, die niveaulos agieren. Die anonymen Schreiber sind übrigens einige wenige. Und dann oft keine „besorgten Bürger“ dem Landkreis München, sondern Profis, die von irgendwo aus diese Briefe sehr geschickt lancieren. Häufig sind sie in Netzwerken rechtspolitischer Art unterwegs. Die Anonymität macht es ja möglich. Beachtenswert ist, wenn Menschen mit Namen und Adresse schreiben – und zwar auch so etwas. 

Trauen sich diese Leute inzwischen mehr? 

Göbel: Ja. Die Debatte hat dazu verholfen, dass Menschen ihre Meinung sagen. An sich ist das positiv. Aber ich sorge mich darum, dass insgesamt die Gesellschaft bereiter ist, einen gewissen Grundkonsens an Anstand zu verlassen. Nach dem Motto: Das macht man zwar nicht, aber wir tun es trotzdem. Diese Menschen wenden den letzten Prüfungsmaßstab nicht an. Das kann man nicht verstehen. Ich habe mir früh angewöhnt, anonyme Briefe einfach wegzuschmeißen. 

Sie haben sicher auch wichtigere Dinge zu tun. Thema Wohnen: Anerkannte Flüchtlinge sollten eigentlich in eine eigene Wohnung ziehen. Das ist im Landkreis München aber schwierig. 

Göbel: Natürlich. Das ist nicht nur im Landkreis, sondern in der ganzen Region München schwierig. Das ist aber ein Thema, das völlig unabhängig vom Thema Asyl steht. Es gibt sehr viele Menschen, die das beschäftigt. Das sind nicht nur Sozialhilfeempfänger, sondern auch Menschen mit einem geringen Einkommen. Die Frage ist: Was machen wir mit diesen Menschen, die für ihren eigenen Unterhalt zu wenig besitzen, aber dennoch soviel verdienen, dass sie keinen Hilfeanspruch haben? Zum Beispiel Alleinerziehende mit vielen Kindern und geringem Einkommen. 

Oder Kindererzieher. 

Göbel: Niedrige Lohngruppen generell. Das sind übrigens genau die Fachkräfte, die wir in der Region brauchen. 

Und wie gewinnt man die? 

Göbel: Wir brauchen genau für dieses Klientel Wohnraum in öffentlicher Hand mit einer Mietobergrenze, der aber nicht sozial gebunden ist. Im Landkreis München sind das maximal zehn Euro pro Quadratmeter. Das wäre mit einem normalen Einkommen zu schaffen. 

Ist die Josef-Seliger-Siedlung in Ottobrunn für Sie ein Vorzeigeprojekt? 

Das Vorbild: Die Josef-Seliger Siedlung in Ottobrunn steht Pate für günstigen Wohnraum im Landkreis. Göbel findet: „Wir brauchen noch viel mehr davon.“

Göbel: Das ist ein sehr wichtiges Projekt, das Pate stehen kann, weil wir genau dort sowohl sozial gebundenen als auch frei finanzierten und belegbaren Wohnraum schaffen, der mit einer Miete von unter zehn Euro auskommen kann. Wir brauchen noch viel mehr davon. Ich mache mir aber überhaupt keine Hoffnung, dass wir die Menge an Wohnraum, den wir bräuchten, schaffen können. Es reicht nicht. 

Gibt es Zahlen? 

Göbel: Das Landratsamt hat eigentlich keine belastbare Zahl, weil Wohnungsbau Sache der Kommunen ist. Fakt ist: Es wird zunehmend schwieriger. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ich weise Baurecht an einer Stelle aus oder ich verdichte. In beiden Fällen wird es Widerstand aus der Bevölkerung geben und schon werden Gemeinderäte die Projekte nicht umsetzen. Ich erinnere an die Diskussionen um die Hochhäuser in Unterschleißheim und Haar. Die wurden abgelehnt. Aber das verstehe ich auch, weil die Identität der Kommune eine Rolle spielt. Es geht nur regional. Und das heißt verbesserter öffentlicher Personennahverkehr, um die Region zu erschließen. 

Sauerlachs Bürgermeisterin Babara Bogner sagt: Wir möchten ein idyllisches Dorf bleiben. Ist das bei diesem Wohndruck in der Region überhaupt noch zu verantworten? 

Göbel: Aber selbstverständlich. Das ist das hehre Ziel der kommunalen Planungshoheit. Das halte ich für sehr, sehr wichtig. Das ist ein Geheimrezept der städtebaulichen Struktur der Region München. Der Landkreis München ist doppelt so groß wie vor 50 Jahren. Zu diesem Wachstum haben auch die ländlichen Kommunen wie Sauerlach beigetragen. Dass es dabei um Identitäten geht, ist wichtig. 

Ist Identität wichtiger als Wohnraum? 

Göbel: Wir schätzen, dass wir 200 000 bis 250 000 Wohneinheiten in der Region München bräuchten. Die Stadt München geht davon aus, dass sie 60 000 bis 70 000 Wohneinheiten generieren kann. Wir schaffen es nicht, und wir sollten es auch nicht schaffen, weil München seinen Wert aus seiner Struktur zieht. Das Problem lässt sich nicht lösen, indem sich die Stadt vergrößert und den Landkreis vereinnahmt. Landkreis ist Landkreis und muss auch Landkreis bleiben. Das Wachstum funktioniert nur in der Metropolregion München, die von Buchloe bis hinter Landshut reicht. 

Und was bedeutet das? 

Göbel: Wenn heute Menschen aus der Region München – egal ob sie am Marienplatz, Starnberger See oder in Aying wohnen – irgendwo in der Welt sind, sagen sie, sie kommen aus München. Das sagt übrigens auch der Murnauer. Sie alle meinen die Stadt, das Oktoberfest, die Isar, das Fünf-Seen-Land und das Voralpenland – das ist alles gemeint mit München. Das ist eine Marke und zu dieser Marke gehört Identität. Identität hat damit zu tun, dass ein städtebauliches Erscheinungsbild erhalten bleibt. Aber das kann regional wachsen. 

Aber teilweise sind noch nicht alle Wohnkapazitäten erschöpft. In einigen Kommunen stehen unvermietete Wohnungen leer. Gleichzeitig leben Menschen in einem Trailerpark am Ortsrand von Höhenkirchen-Siegertsbrunn. 

Göbel: Es ist das Recht der Eigentümer, ihre Wohnung nicht zu vermieten. Wir sind ein Rechtsstaat und zu diesem Rechtsstaat gehören Grundrechte, auch Artikel 14 GG. Wir sollten uns ernsthaft Gedanken machen über die Schaffung von Wohnraum und nicht über die Frage der Enteignung. Das ist nicht meine Welt. 

Die Stadt München hat eine Satzung erlassen: Wenn Wohnraum über einen längeren Zeitraum leer steht, ist das Zweckentfremdung. Die Stadt verhängt dann ein Bußgeld. Wäre das ein Modell für den Landkreis? 

Göbel: Ich maße mir nicht an, Bürgermeistern etwas vorzugeben. Ich als Bürgermeister hätte es nicht getan. Ich stehe solchen Modellen sehr kritisch gegenüber. Es geht um Eigentum. 

Es heißt aber auch, Eigentum verpflichtet. 

Göbel: Tut es auch. Aber das heißt nicht, dass ich in das Eigentum willkürlich eingreifen darf. Und das löst unsere Probleme in der Region München nicht. Unser Thema ist die Schaffung von Wohnraum, der passgenau dort funktioniert, wo Menschen dauerhaft arbeiten und leben wollen. Dafür müssen wir uns anderer Instrumentarien bedienen. 

Die Baugesellschaft München Land ist am Limit. Sie kann keine Aufträge mehr annehmen. Auf der anderen Seite beklagt die AWO, dass das Genossenschaftsmodell kaum angenommen wird. 

Göbel: Es gibt aber auch sehr viele Genossenschaftsmodelle, die sehr gut angenommen werden. Nicht nur die öffentliche Hand muss bauen. Wichtig ist, dass Wohnraum entsteht, der von der öffentlichen Hand genutzt werden kann und eine Mietobergrenze hat, die bezahlbar ist. Dass diesen Wohnraum private Bauherren errichten, die mit den Mieteinnahmen ihre Rente finanzieren, halte ich für vollkommen legitim. Wie schaffen wir das? Mit Förderprogrammen, mit denen sich auch ein Privater verpflichtet, Belegungsrecht einzuräumen. 

Oft scheint es so, als ob die Gesetze dem Bedarf entgegenstehen. Zum Beispiel hat eine Frau in Aschheim eine Einliegerwohnung gebaut. Doch das Landratsamt verbietet, dass jemand einzieht. 

Göbel: Das kann gut sein, wenn es kein Wohnraum ist. Es gibt schon auch Regeln. Wohnraum muss auch Qualität aufweisen. 

Aber bei der Flüchtlingsunterbringung war es doch auch kein Problem, relativ unbürokratisch Unterkünfte in Gewerbegebieten zu errichten. 

Göbel: Das sind Sondergebiete. Das ist kein dauerhaftes Wohnen. In solchen Notlagen muss das sein. Ganz bestimmt ist das nicht dauerhaft sinnvoll und nichts, womit wir das Problem Wohnungsnot lösen wollen. Es gibt eine Grenze. 

Sehen Sie also nicht den Bedarf, die Richtlinien der Lage anzupassen? 

Das Gespräch: Die Merkur-Redakteure Janine Tokarski und Thomas Radlmaier im Gespräch mit Christoph Göbel.

Göbel: Das sind kommunale Regeln. Und davon würde ich nicht abweichen. Eine Gemeinde entscheidet, ob und wie und was auf einem Grundstück gebaut werden darf. Daran muss man sich halten. Wenn ich mich daran nicht mehr halten muss, warum soll ich mich dann noch an andere Gesetze, zum Beispiel ans Strafgesetzbuch, halten? Natürlich gibt es ein Gesetz. Wieso sollte man dieses Recht außer Kraft setzen? Das ist eben Planungshoheit. Artikel 28 (2) GG – meisterhaft geschnitztes Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. 

Ist der Landkreis in 10 bis 20 Jahren überfüllt? 

Göbel: (lacht) Wir haben mehr Einwohner und werden es hoffentlich geschafft haben, uns regionaler aufzustellen und bessere Möglichkeiten haben, um zwischen Wohnort, Arbeitsplatz und Freizeitort pendeln zu können. Das heißt, wir werden es uns leisten können, dass Wohnort und Arbeitsplatz weiter auseinander liegen. Wir müssen infrastrukturell in Vorleistung gehen. Diese Region braucht unbedingt angebotsbezogene Mobilität, die es ermöglicht, Wohnen, Leben und Arbeiten regionaler wachsen zu lassen. Dann bewahren wir unsere Identität. Wir wachsen, gar keine Frage. Aber wir wachsen gesund. 

Wäre es so auch möglich, die Mieten wieder auf ein Niveau zu bringen, das sich Niedrigverdiener leisten können? 

Göbel: Das glaube ich nicht. Wir haben als öffentliche Hand die Verpflichtung dafür zu sorgen, dass die Gesellschaft sozial bunt durchmischt ist. Aber der freie Wohnungsmarkt wird teurer. Ich bin überzeugt davon: Die Mieten werden deutlich steigen. Wenn Sie andere Metropolregionen anschauen, wo dieser Druck noch größer ist: Paris, London, Zürich – da sind die Mieten schon jetzt deutlich höher. Die Mieten in München sind hoch, aber sie sind im Verhältnis zur Einwohnerzahl und im internationalen Vergleich gar nicht so hoch. Ich gehe davon aus, dass der Siedlungsdruck weiter anhält und regional bewältigt werden kann, aber dass das nicht zu einem Einbruch der Mieten führt. Im Gegenteil: Die Mieten werden steigen. 

Und was machen dann die Fachkräfte? 

Göbel: Mehr verdienen hoffentlich. Zudem müssen Modelle von Betriebswohnungen, von Wohnungen in öffentlicher Hand reaktiviert werden. Das alles hatten wir ja schon mal. Doch wir konnten es uns leisten, eine ganze Weile darauf zu verzichten. Aber allmählich wird es anders. Wenn BMW oder Siemens weiter Fachkräfte in München haben wollen, dann werden sie sich wieder mit Betriebswohnungen beschäftigen müssen. Kleinere Unternehmen machen das schon längst. Andererseits werden wir auch über Gehälter nachdenken müssen, gerade im öffentlichen Sektor. Zum Beispiel für Pflegekräfte. Der Landkreis München ist mit im Schnitt 44 Jahren noch ein äußerst junger Landkreis. Wenn ich 20 Jahre vorausschaue, frage ich mich: Wer soll die immer älter werdende Gesellschaft wo pflegen? Die Pflegekräfte müssen irgendwo wohnen. Da werden wir mehr aufwenden müssen. 

Wenn Sie persönlich ein Bild malen dürften: Wie sieht der Landkreis in 10 bis 20 Jahren aus? 

Göbel: Sie wünschen sich nicht, dass ich ein Bild male (lacht). Ich wünsche mir sehr, dass der Landkreis München seine Spitzenposition hält, und zwar nicht nur in Hinblick auf wirtschaftliche Prosperität, sondern auch in Hinblick auf seine demografische Struktur. Ich erhoffe mir, dass es uns gelingt, den Zuzug gut zu bewältigen. Und damit meine ich einen internationalen Zuzug. Im Landkreis leben heute schon 63 000 Bürger ohne deutschen Pass. Und das sind nicht nur Österreicher (lacht). Und für die Infrastruktur hoffe ich, dass wir eine möglichst gute Verflechtung in die Region haben. Wenn es eine Ring-S-Bahn um München geben würde, fände ich das hervorragend. Wobei in 20 Jahren...Das glaube ich eher nicht (lacht). 

Ein Blick in die Zukunft: Was macht Christoph Göbel nach den Wahlen 2020? Sind Sie Bezirkstagspräsident, Integrationsbeauftragter der Landesregierung oder Landrat? 

Göbel: (wie aus der Pistole geschossen). Landrat des Landkreises München natürlich. Das ist gar keine Frage. Ich bin sehr gerne Landrat und will das bleiben.

nine/rat

Janine Tokarski

Janine Tokarski

E-Mail:janine.tokarski@merkur.de

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