KZ-Überlebender Haakon Sörbye gestorben

„Er war ein begnadeter Erzähler“

Ottobrunn - In KZ-Außenstelle Ottobrunn kämpfte Haakon Sörbye ums Überleben. Jetzt ist der Norweger mit 96 Jahren gestorben.

Dreimal hat das Gymnasium Ottobrunn in den vergangenen Jahren Besuch aus Norwegen bekommen. Haakon Sörbye hieß der freundliche, humorvolle Mann, der Vorträge hielt an der Schule und sich dann auch von den Jugendlichen geduldig interviewen ließ. Im Krieg war er schon einmal längere Zeit in der Landkreis-Gemeinde gewesen: als Häftling im KZ-Außenposten Ottobrunn. Jetzt ist er gestorben mit 96 Jahren. 

Er war, vermutet Elisabeth Plank, ehemals Lehrerin an der Schule und mit Haakon gut befreundet, wohl der letzte Überlebende des Lagers. In das war er 1944 gekommen. Nachdem er schon 1941 von der SS festgenommen worden war, dann verschleppt wurde als „Nacht- und Nebelhäftling“, dem jeder Kontakt mit der Familie untersagt war, ins KZ Natzweiler. Das eines der berüchtigtsten Lager überhaupt gewesen ist, dort wurden die Leute mit Arbeit im Steinbruch umgebracht. 

„Die Häftlinge wurden dort fürchterlich behandelt, es war so schlimm wie Flossenbürg“, meint Elisabeth Plank, die als Geschichtslehrerin in Ottobrunn überhaupt erst die Beschäftigung der Gemeinde mit ihrer Vergangenheit vorangebracht hatte. Indem sie drei angehende Abiturienten ihre Facharbeiten über den KZ-Außenposten, der ab Mai 1944 rund um die Zeisigstraße eröffnet worden ist, schreiben hat lassen. Die wurden dann im Internet veröffentlicht und waren eine Zeitlang auch als Buch erhältlich. 

Für Haakon Sörbye, mit dem sie bald eine „wirkliche Freundschaft“ verband, sagt Elisabeth Plank, bedeutete die Verlegung nach Ottobrunn „die Chance, zu überleben“. In der Landkreis-Gemeinde war er „besser untergebracht“, die Arbeit an Turbinenaufbauten in der Luftfahrtforschungsanstalt bei Messerschmitt war wohl weniger hart. Und es gab, wie er selbst bei seinen Vorträgen sagte, „nicht so viel Geschrei von der SS“. Letztlich haben, weiß die Historikerin, alle Norweger, die in Ottobrunn interniert waren, überlebt. 

Als Haakon Sörbye dann befreit und nach Schweden überstellt worden ist in ein Auffanglager, war er trotzdem „sehr sehr krank“. Er hatte sich mit Typhus angesteckt. Erholte sich jedoch schnell, ging zurück in seine Heimat, machte sein Studium fertig – und wurde Professor für Elektrotechnik an der Universität Trondheim. Gründete eine Familie. Und wollte von den Jahren im Krieg, wie es klingt, was Elisabeth Plank erzählt, nicht mehr viel wissen: „Er verlor darüber kein Wort.“ 

Die schlimmen Erlebnisse ganz zu löschen aus seinem Gedächtnis – das war aber auch ihm nicht vergönnt. Er war schon emeritiert, als ihn die Vergangenheit doch noch einholte – bei einem Skiurlaub mit einem seiner drei Söhne, einem Kinder- und Jugendpsychiater. Jetzt endlich erzählte er, was ihm widerfahren war. Wie er überleben hatte können, was man eigentlich nicht überleben kann. Und wie gewitzt er dabei mitunter auch gewesen war, welches „Geschick“, so Frau Plank, er darin bewiesen hatte, sich „einzufinden in die Situation im Konzentrationslager“. Indem er zum Beispiel in seiner Arbeitsbaracke in Ottobrunn für sich und den russischen Kollegen heimlich eine Fußbodenheizung verlegte. Indem er schaute, dass er sich immer fit hielt. Und als er mal ein Paar Socken fand, trennte er das auf und strickte sich aus der Wolle Fingerhandschuhe. Obwohl er doch eigentlich gar nicht stricken konnte. 

Letztlich hat Haakon Sörbye zusammen mit seinem Sohn mehrere Bücher geschrieben über seine Geschichte, eines davon steht auch in Ottobrunn in der Schulbibliothek, einige Kapitel hat Frau Plank übersetzen lassen. Bald fuhr er jedes Jahr vier Wochen lang nach Auschwitz, wo er norwegische Schulklassen über das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers führte. Und kam dann eben auch, nachdem sein Sohn die Facharbeiten aus dem Leistungskurs von Elisabeth Plank im Internet entdeckt hatte, hin und wieder nach Ottobrunn. In der Gedenkstätte in Dachau, dessen Internationales Komitee ihn jetzt auch geehrt hat, sprach er 2005 seine Erinnerungen ebenfalls auf Band. 

„Er war ein begnadeter Erzähler“, so Elisabeth Plank. Hinterher hieß es, seine Beiträge seien die besten, die von allen norwegischen Ex-Häftlingen aufgenommen worden sind. „Rachegedanken oder Hass“ haben ihren Freund nie angetrieben. Er wollte nur, sagt die Lehrerin, den Schülern klarmachen, dass man lernen muss aus der Vergangenheit, dass man andere Menschen respektieren muss, sich nicht verführen lassen darf. 

Im Juli haben Elisabeth Plank und ihr Mann Haakon Sörbye zum ersten Mal in Norwegen besucht – bisher war ja er immer hier gewesen. „Ich hatte das Gefühl, dass wir nicht mehr warten sollten.“ Es ging ihm noch ganz gut, aber man merkte, er war müde. Im norwegischen Widerstandsmuseum sahen sie dann einen der Apparate, mit denen auch Haakon als junger Student Feindsender abgehört hatte. Er stand damals auch in Verbindung zum englischen Geheimdienst.

Rubriklistenbild: © Elisabeth Plank

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