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Momente von Schmerz und Schock hat Künstlerin Julia Wegat in ihren Märchen-Zyklus-Bildern abgebildet. Eines ihrer „Rapunzel“-Werke wurde jetzt von einer Fachzeitung mit dem Thema Kindesmissbrauch in Zusammenhang gebracht. Die Eltern des porträtierten Mädchens liefen Sturm und ließen die Veröffentlichung des Bildes gerichtlich verbieten.

Ottobrunner Künstlerin darf eines ihrer Werke nicht mehr zeigen

Das verbotene Bild

Ottobrunn - Julia Wegat darf ihr Bild „Rapunzel 4“ nicht mehr zeigen. Die Eltern eines porträtierten Mädchens hatten nachträglich gegen die Veröffentlichung geklagt. Es ist das erste Bild einer öffentlichen Ausstellung, das seit 1938 in Deutschland verboten wurde. Nun hat die Künstlerin und Mitbegründerin des Ottobrunner Kunstvereins Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt und löst eine Debatte über die Freiheit in der Kunst aus.

Julia Wegat malt nicht mehr. Bereits nach dem ersten Urteil des Amtsgerichts Halle/Saale im November 2015 hat sie aufgehört. Das Urteil untersagt der Künstlerin, das Bild „im Original, als Kopie, Foto, Fotokopie oder in jeglicher anderen Form, jeglichen Dritten gegenüber öffentlich zu machen oder zu verbreiten“. Außerdem musste sie es von ihrer Internetseite entfernen. Die Künstlerin, Jahrgang 1969, ging in Berufung, scheiterte vor dem Landgericht und ist seitdem „unter Schock“.

Grundsatzdebatte zur Meinungsfreiheit

Ihre Verfassungsbeschwerde legte sie wegen Verletzung der Grundgesetzartikel zur Kunstfreiheit sowie zur Berufsfreiheit ein. Das Landgerichts-Urteil gebe dringend Anlass für eine Grundsatzdebatte zur Demokratie und Meinungsfreiheit, sagt die Malerin und Konzeptkünstlerin. In Wegats Onlinepetition steht über dem komplett unkenntlich gemachten Bild: „Dieses Bild ist das erste Gemälde, das seit 1938 in Deutschland verboten wurde. Kunst ist ohne Freiheit nicht denkbar. Demokratie auch nicht.“ Wegat, Absolventin der Münchner Kunstakademie, hat vor allem als Porträtistin und mit diversen Projekten, von denen einige mit Preisen ausgezeichnet wurden, auf sich aufmerksam gemacht. 2009 war sie von Ottobrunn zunächst nach Gimritz, dann nach Frankleben in Sachsen-Anhalt gezogen. Im nicht weit entfernten Halle präsentierte die Christliche Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe vor drei Jahren Wegats 2005 entstandenen Zyklus „Märchenbilder“. In diesem hat Wegat „unter anderem Aspekte verarbeitet, die Angst und Schrecken der als unschuldig (unbekleidet) dargestellten Kinder zeigen, Momente von Schmerz, Schock und Agonie, die ich sehr deutlich in diesen Märchen abgebildet sehe“.

Rapunzel-Bilder mit Missbrauch verknüpft

In der Ausstellung war auch die Serie „Rapunzel“ von 2010 zu sehen. Diese Bilder hatte die Malerin „da sie sich sowohl zeitlich, als auch optisch und inhaltlich von den anderen absetzen, deutlich getrennt gehängt“. Die „Rapunzel“-Bilder zeigen im Gegensatz zu der Reihe von 2005 reale Mädchen, die Wegat mit kurzen Haaren und einem gebrochenen Arm gemalt hat. „Eine, meine eigene Tochter, wurde zweimal abgebildet. Für die Abbildung der beiden anderen Jugendlichen hatte ich die Genehmigung der Eltern und der Abgebildeten erhalten“, so Wegat. Um diese Genehmigung entbrannte schließlich der Streit: Im Internet erschien ein Presseartikel, in dem die Ausstellung mit dem Thema „Kindesmissbrauch“ in Verbindung gebracht und „Rapunzel 4“ abgebildet wurde.

Eltern gehen auf die Barrikaden

„Die Eltern der dort gemalten, inzwischen volljährigen Person haben sich dagegen verwehrt, und das Bild wurde aus dem Artikel entfernt“, berichtet die Künstlerin. Außerdem habe sie das Bild aus dem Zyklus nehmen sollen, sich aber geweigert: „Sowohl den Eltern als auch der gemalten Person war der Inhalt der Darstellung und der Kontext bekannt, in dem das Bild zu sehen sein würde. Die abgebildete Person wird dort weder namentlich genannt, noch lässt die Abbildung weitere Rückschlüsse auf ihre Identität zu.“

Die Interpretation war nicht gewollt

war nicht gewollt Wegat betont, sie selbst habe das Bild nie in Verbindung mit Kindesmissbrauch gebracht. Zudem sei das Märchen Rapunzel doch hinreichend bekannt. Man könne, so Wegat, mit diversen Deutungen spielen, die alle die Adoleszenz meinen: die Versuche, sich selbst zu retten aus dem Turm, ohne Hilfe, dabei verletzt werden oder Einsamkeit. Eine Deutung als Kindesmissbrauch könne sie nicht nachvollziehen. Das Landgericht dagegen verweist in der Urteils- Begründung auch auf die Einladung des Veranstalters, in der es zum Schluss heißt, gewünscht sei eine sachgerechte und sensible Auseinandersetzung mit den Arbeiten und „den darin aufgegriffenen Themen von Missbrauch, Gewalt, Verlassenheit und Sehnsucht“. In dem Urteil heißt es dazu: Das Bild, das das Mädchen „aufrecht mit einem Verband um einen Arm zeigte und bei welchem sich dem Betrachter jedenfalls nicht aufdrängt, dass die dargestellte Körpersprache auch nur unter anderem die letzten beiden Zustände (Verlassenheit oder Sehnsucht) thematisiert, war damit zu rechnen, dass ein Besucher der Ausstellung eben auch dieses Bild in Zusammenhang mit dem Begriffspaar Missbrauch und Gewalt brachte, und zwar auch dann, wenn das Bild in der Ausstellung in einem abgesonderten Bereich aufgestellt war“.

Gericht: Persönliche Würde ist verletzt

Die „Zuordnung einer bestimmten Person zu dem Themenkreis des Kindesmissbrauches“ berühre „in hohem Maß dessen persönliche und familiäre Identität“. Die durch das Grundgesetz geschützte persönliche Würde der Dargestellten sei betroffen. „In Abwägung der gegenläufigen Interessen nimmt die Kammer für den vorliegenden Einzelfall einen hinreichend wichtigen Grund für einen Widerruf der einmal erteilten Zustimmung an.“ „Möglicherweise“, so das Gericht, wäre die Entscheidung anders ausgefallen, hätte Wegat zeitnah die Bild-Präsentation außerhalb von Ausstellungen, die im Zusammenhang mit Missbrauch stehen, zugesagt. „Erschüttert“ zeigt sich Wegats Anwalt Jan Weber. So etwas habe er noch nicht erlebt. „Es handelt sich um einen einmaligen Fall, in dem ein künstlerisch geschmackvolles Bild verboten wurde, weil es in einem, einem Teil der Öffentlichkeit nicht genehmen Umfeld gezeigt wurde.“ Durch die Art der Begründung des Urteils und die Einstufung als Einzelfall habe sich der Richter einer Überprüfung durch ein höheres Gericht entzogen, ärgert sich der Jurist.

Petition im Internet gestartet

Unterdessen hat die Künstlerin Beschwerde beim Verfassungsgericht eingelegt und hofft, auch durch die Onlinepetition „Kunst darf nicht verboten werden“, öffentliches Interesse zu schaffen. Nur so bestehe die Chance, dass die Verfassungsbeschwerde behandelt werde. Es sei wichtig, dass es eine Gerichtsverhandlung zu dem Thema gebe und damit auch eine grundsätzliche Klärung. Das Verbot von Kunst sei ein unzulässiges Mittel, „nicht nur und besonders im vorliegenden Fall, sondern auch allgemein im Umgang mit Demokratie und Meinungsfreiheit“. Das Urteil betreffe nicht nur sie, sondern alle Künstler, die künftig alle nur denkbaren Deutungen ihrer Arbeit zu bedenken hätten, betont Wegat: „Eine solche Praxis würde im Namen des ,Schutzes der Persönlichkeitsrechte’ dem Verbot jeglicher Kunstwerke Tür und Tor öffnen, und zwar könnte alle Kunst wahllos verboten werden.“ Bei jedem anderen Prozess dieser Art müsse „man dem ,Täter’, also dem Verletzer dieser Persönlichkeitsrechte, nachweisen können, dass hier eine bewusste oder gewollte Verletzung vorlag – und bei Kunst soll das nun einfach so möglich sein?“, fragt Wegat.

Petition

Die Petition sowie ausführliche Infos zu dem Fall sind im Internet zu finden unter www.kunst-darf-nicht verboten-werden.de

Bernadette Heimann

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