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Kein Stüberl mehr, sondern ein Fräulein-Zimmer: Einkehrmöglichkeit am Staatsbahnhof in Großhesselohe.

Drei Monate lang renoviert

Kiosk "Isarfräulein": Berliner Charme an der Isar

Pullach - Kunterbunt zusammengewürfelte Bierbänke, Klappstühle, Hocker. Überall geblümte, gestreifte, gemusterte Kissen, die Tische: sind mal nur ein Brett auf Bierträgern, haben mal eine Mosaikplatte. Das „Isarfräulein“ ist ein besonders netter Kiosk in einer Ecke von Großhesselohe, die die Gemeinde schönerweise aufzuräumen vergessen hat, wie es scheint.

Hier, gegenüber vom aufgelassenen Staatsbahnhof, zwischen den unter Denkmalschutz stehenden Backsteingebäuden, sieht es noch immer aus, wie es hier schon in den 80er Jahren ausgesehen hat. Als die Grünen, damals gerade gegründet, davon geträumt haben, was man alles machen könnte mit dem Ensemble in erstklassiger Lage unterhalb vom Tennisclub und dem ehemaligen Restaurant Bittmann, das es damals noch gegeben hat. Andrea Engel hat einen Teil dieses Traums jetzt wahr gemacht – indem sie vor einem Jahr die Vorgängerboazn namens Paulaner Bierstüberl, auch „Großhesseloher Alm“ genannt, von Grund auf neu hergerichtet und in ein kleines Café mit fast Berliner Charme verwandelt hat. Nachdem Bierstüberl-Pächter Toni Holzer, dem auch die legendäre „Gruam“ in Thalkirchen gehört hat, gestorben war.

„Es war eigentlich eine Spinnerei“, sagt die nette 32-Jährige mit den blonden Haaren, die sie an diesem Tag zusammengebunden hat mit einem braunen Stirnband. Sie war ja eigentlich Werbekauffrau mit BWL-Studium, tätig im Marketing – aber sie hätte eben auch gern ein Café gemacht. Und dann musste sie sich plötzlich entscheiden. Und wählte das neue Leben. Seither arbeitet sie, wie sie sagt, um einiges mehr – in der letzten Woche, als sie drei geschlossene Gesellschaften hatte, waren es 80 Stunden. Aber: „Ich mach’s für mich, was rauskommt, ist eben jetzt mein Verdienst“, das sei ein gutes Gefühl. Wobei man sich die junge Frau nicht als jemanden vorstellen darf, der überschäumt vor Begeisterung. Sie ist eher ein stillerer Typ, man merkt ihr auch nicht an, dass sie aus München kommt, in Freimann ist sie aufgewachsen. So wie sie spricht – könnte sie auch ein Nordlicht sein.

Drei Monate lang haben sie und ihre Familie, auch Freunde, den kleinen Kiosk renoviert. Eine Woche lang schrubbten sie allein den Fliesenboden, sie bauten eine neue Küche ein, rissen eine Trennwand raus, schliffen die Theke ab und auch manche Stühle – und lackierten die Sachen, teilweise auch bunt. Und verwandelten so das heruntergekommene Stüberl in ein Fräulein-Zimmer. Mit alten Garderobenhaken. Mit frischen Blumen auf den Tischen. Und mit immer selbstgebackenen Kuchen auf der Theke. Wie auch an diesem Tag, an dem man sie besucht. Zur Auswahl stehen Kirschnuss, eine Schokotarte, ein russischer Zupfkuchen. Mohn-Käse ist noch im Rohr. „Gut läuft’s“, fasst die Chefin die Entwicklung der letzten Monate mit einem für ihre Verhältnisse schon breiten Lächeln zusammen. Am 27. Juni im vergangenen Jahr sperrte sie auf, vorher hatte es wochenlang geregnet. Jetzt schien wochenlang die Sonne. Und alle kamen vorbei, die Leute, die ihre Hunde Gassi führen, die Mütter auf dem Weg von der Krippe, die Radler, die Feierlustigen, die runter an die Isar wollen. Oder auch nur zum Baden gehen. Aber auch Linde-Leute, die in der Mittagspause hierherfahren, weil sie einfach einen ordentlichen Kaffee wollen.

Kleine Speisen bekommt man beim Isarfräulein freilich auch. Gegrilltes Bauernbrot mit Bergkäse und Speck gibt es immer, ansonsten mal eine Quiche, mal ein Ciabatta mit Mozzarella und Tomaten. Der Kiosk führt außerdem das Berliner Limo „Proviant“ - das kriegt man auch nicht überall. Die Preise sind Mittelmaß, ein Cappuccino kostet 2,60 Euro, der Kuchen 3,10. Es gibt auch griechischen Frappé. Am Sonntag kann man auch frühstücken hier am Isarhochufer bei der Großhesseloher Brücke. Wo Pullach noch nicht Pullach ist. Kann freilich sein, dass auch diese Ecke der Gemeinde irgendwann aufpoliert wird. Dann muss das „Isarfräulein“ den neuen Plänen Platz machen. „Das ist das Risiko, das ich trage“, sagt Andrea Engel.

Andrea Kästle

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