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"Meine Mutter ist bis heute eine interessierte, kritische Zuhörerin“, sagt Andrea Richter über Elisabeth Richter.

Pullacherin schreibt Biographie mit ihrer Tochter

Erinnerungen an das große Abenteuer

Pullach - Elisabeth Richter, die mit 103 Jahren drittälteste Pullacherin ist, blickt auf ein aufregendes Leben zurück.

Immer wieder bei diesem Gespräch kommt Elisabeth Richter auf ihre Reise zu sprechen. Auf diese große Reise, die sie um die halbe Welt geführt hat und die sie unternommen hat zu einer Zeit, in der die meisten Deutschen kaum aus dem eigenen Land gekommen sind. Sie war damals Anfang 20, in Deutschland regierten schon die Nazis. Seither sind 80 Jahre vergangen, und Frau Richter, eine zarte Frau mit weißen Haaren, die im Rollstuhl in ihrem Zimmer sitzt im zweiten Stock vom Haus am Wiesenweg in Pullach, kann sich noch immer sehr gut an manche Details erinnern. Die sie einem dann lachend erzählt. Im Sommer ist sie 103 geworden, sie ist die drittälteste Pullacherin und die langjährigste Bewohnerin des Heims.

An den Wänden hängen Aquarelle, die ihr Mann mal gemalt hat. In Kreta, in Portugal. Er ist 1979 gestorben, bei einem Autounfall in Nairobi. Auch Elisabeth Richter saß mit im Wagen. Fotos stehen auf dem Schreibtisch, die zeigen ihr zweites Baby, das nur fünf Monate alt geworden ist. Ein Fotokalender hängt gleich neben der Tür, so einen macht ihr alle Jahre wieder ihre Tochter Andrea Richter, die sie spät bekommen hat.

385 Seiten hat das Buch, das von zwei Leben erzählt

Vor zehn Jahren – da war Frau Richter auch schon gute 90 – hat sie begonnen, mit ihr zusammen ihr erlebnisreiches Leben, in dem ihr auch sehr traurige Momente nicht erspart geblieben sind, aufzuschreiben. 385 Seiten hat das Buch, das von zwei Leben erzählt, wie es darin heißt. Von der sorglosen Kindheit, dem Studium in Berlin, dann der wahnsinnigen Reise und dem zweijährigen Studienaufenthalt in Kanada und den USA zuvor. 

Die schlimmen Jahre begannen eigentlich schon kurz nach ihrer Rückkehr, als die Deutschen den Krieg anfingen. Elisabeth, gerade verheiratet, bald schwanger, flüchtete mit ihrem Mann nach Siebenbürgen, wo er herkam. Dort brachte sie ein behindertes Kind zur Welt – und das sie im eigentlich Ungewissen zurücklassen musste. Sie und und ihr Mann wurden von den Russen verschleppt und mussten jahrelang in zwei verschiedenen Steinbrüchen in der Ukraine schuften. „Sie waren gar nicht so weit voneinander entfernt“, sagt die Tochter, nur leider wussten sie das nicht. Erst 1950 trafen sie einander wieder, „und dass sie dann wieder zusammengefunden haben, das finde ich ganz erstaunlich. Sie haben sich wortlos verstanden.“ Sie bauten sich ein – ja: eigentlich drittes Leben auf, mit dem kranken ersten Kind, im Gedenken ans zweite Baby, das nur fünf Monate alt wurde, in Freude über die Tochter, die dann 1954 zur Welt kam.

Freilich, bei diesem Gespräch kann man das mit Frau Richter gar nicht alles durchgehen. Die Tochter hatte vor dem Treffen schon manches erzählt, und es gibt ja das Buch: In dem auch zu lesen ist, dass Adolf Hühnlein, der Vater von Elisabeth Richter, sich den Nazis angeschlossen hat aus Frust über den Versailler Vertrag, dass er beim Marsch auf die Feldherrnhalle dabei war, dann in Haft, später das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps gegründet hat. 1943 ist er gestorben. Auch ein Bild von Elisabeth mit ihrem Vater und Goebbels hat Andrea Richter mit aufgenommen ins Buch, sie wollte nichts auslassen.

In den USA lernt sie die Österreicherin Gretel kennen

Elisabeth hat Geographie und Sport studiert, die zwei Auslandsjahre in den USA und Kanada hat sie selbst und mithilfe eines Stipendiums finanziert, die Eltern, sagt sie, hätten ihr kein Geld geben können. Und dann traf sie eben in den USA diese Österreicherin, Gretel. Mit ihr machte sie dann aus, dass sie auf dem Landweg zurückkehren würden. Sie nahmen sich noch zwei junge Männer mit, „weil wir uns allein nicht getraut hätten“, erzählt Frau Richter und lacht fast schelmisch. „Das waren gute Kameraden.“ Mit einem Chevrolet für 50 Dollar fuhren sie Richtung Westen, nachts schliefen die Mädels im Auto, „die Männer haben wir rausexpediert aufs Trottoir“. Auch unterwegs war das Geld knapp, „wir wurden von einem Bekannten zum nächsten weitergereicht“. Im Yellowstone Nationalpark fingen sie Forellen, in Tokio kamen sie, die Mädchen bildhübsch, in die Zeitung, auf der Fähre nach Korea wurden sie von Flöhen gepiesackt. Sie durchreisten China, Indien, Ägypten. An Silvester 1936/1937 waren sie zurück. „Da ist meine Mutter dann in ein psychisches Loch gefallen“, hatte Andrea Richter im Vorfeld erzählt.

Sie heiratete einen Tag vor Ausbruch des Krieges

Elisabeth Richter hatte dann noch einmal schöne Zeiten, als sie auf dem Oktoberfest ihren Mann kennenlernte – und ihn zufällig wiedertraf im Stau auf der Hochalpenstraße zum Großglockner. Sie heirateten am 31. August 1939. Und in ihrer Hochzeitsnacht begann der Krieg. Ja, sagt Richter und lächelt wieder so warmherzig, sie habe eine glückliche Ehe geführt. Jungen Leuten, meint sie, würde sie raten, „sich etwas auszudenken, aus dem man was machen kann“. Und dann stellt man ihr zum Schluss doch noch diese eine, immer wiederholte Frage, die man eigentlich nicht hatte stellen wollen. Wie man es schafft, so lange zu leben? Dabei so aufgeweckt zu bleiben? Indem man „sich ums eigene Sein oder Nichtsein nicht so viele Gedanken macht“, meint Frau Richter. Auch dabei lacht sie. Es fällt einem dann fast schwer, sich von ihr zu verabschieden. Andrea Kästle

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