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Bernhard Rückerl arbeitet im Umweltamt der Gemeinde Pullach.

Ältestes Exemplar ist über 120 Jahre alt

Der Herr der Bäume

Pullach - Bernhard Rückerl katalogisiert in Pullach den Bestand der Bäume.

Momentan kann, wer in Pullach spazieren geht, auf einen Menschen treffen, der in Outdoor-Kluft vor Bäumen steht. In die Krone späht, ganz nah hingeht zum Stamm und dann etwas in einen kleinen Computer eingibt. Der Mensch ist Bernhard Rückerl, Diplom-Forstingenieur und angestellt beim Umweltamt der Gemeinde. Seit dem Frühjahr ist er damit beschäftigt, den Baumbestand der Gemeinde zu katalogisieren und in einem Baumkataster für die Kollegen leicht abrufbar zusammenzufassen.

Gemeinde in sieben Distrikte eingeteilt 

In sieben Distrikte hat er die Gemeinde eingeteilt, in dreien hat er schon sämtliche Bäume erfasst – beziehungsweise diejenigen, die auf öffentlichen Plätzen stehen, im Straßenbereich, aber auch im Wald am Rand von Wegen. Die also gut gepflegt werden müssen – um keine Sicherheitsgefährdung darzustellen. 1000 Stämme hat Rückerl bislang aufgenommen, ein Viertel des Gesamtbestands, wie er schätzt. Er hat ihnen eine Nummer verpasst und die mit einem Alunagel eingeschlagen. Hat ihre Höhe geschätzt, den Stammumfang gemessen, das Alter bestimmt, die Vitalität beurteilt. Den Standort über Satellit auf 30 Zentimeter genau eruiert. Und alles festgehalten in seinem mobilen Rechner.

Bernhard Rückerl, ein großer Mann mit Pferdeschwanz, ist in der Oberpfalz aufgewachsen, schon als Kind war er viel im Wald, erzählt er. Er hat ein paar Semester Medizin studiert, sich dann aber für Forstwirtschaft entschieden in Weihenstephan. Ehe er nach Pullach kam, hat er in einem „sozialen Forstbetrieb“ gearbeitet, zusammen mit Leuten mit Handicap. An sich ein guter Job – mit dem kleinen Nachteil, dass der Baum dort nicht als Individuum betrachtet wurde. Sondern als Wirtschaftsfaktor. Was sich jetzt, im Umweltamt in Pullach, wieder geändert hat.

Und schon steht man am Grundelberg, wo man sich mit ihm getroffen hat, vor ein paar, wie zu erfahren ist, glücklicheren und weniger glücklichen Bäumen. Vor einer Hainbuche etwa, Nummer 909 im Kataster, die hervorgegangen ist aus drei Stockaustrieben, die vor vielleicht 60 Jahren aus dem Baumstumpf eines gefällten Vorgängerbaums gewachsen sind – und von denen jedenfalls zwei bestens miteinander auskommen. „Die haben eine enge Freundschaft.“ Anders geht es einer Rotbuche in der Nähe, die habe, sagt Rückerl, vor 70 Jahren eine „falsche Entscheidung“ getroffen – damals hat sich ihr Stamm geteilt. An der Stelle, an der er sich verzweigt, dem sogenannten V-Zwiesel, ist der Stamm ein wenig rissig, dort hat sich jetzt ein Phytophthora-Pilz breitgemacht. Zudem konkurrieren die beiden Zwillingsstämme miteinander. Rückerl zeigt in die Krone, wo ein Ast der einen Stammhälfte in die Krone der anderen hineinwächst – kein Zeichen von gedeihlichem Zusammenleben.

Bei Birken faulen die Wurzeln

So geht man mit dem Experten von Baum zu Baum, Stamm zu Stamm. Bleibt hier wieder bei einer Rotbuche stehen, deren Stamm sich ebenfalls geteilt hat, die die beiden Teile aber verbinden konnte mit einem Ast - und sich damit quasi selbst stabilisiert. Besieht sich dort eine Eiche, die schon den ersten Weltkrieg erlebt hat (Nummer 948), schaut dann hoch in die Krone einer Traubeneiche (Nummer 971), die dringend ausgeschnitten gehört. „Es ist“, sagt Rückerl, „bei den Bäumen nicht anders als beim Menschen. Der eine kommt besser mit sich und der Welt zurecht, der andere nicht so gut“. Schließlich ist man bei einer der Birken angelangt, die sich überall als erstes ansiedeln, weil ihre leichten Samen so weit fliegen; der Baum ist vielleicht 40 bis 60 Jahre alt – und wird wohl nur noch etwa zehn Jahre leben, „ein Birkenleben kann man nicht hinauszögern“. Irgendwann fangen die Wurzeln an zu faulen.

Im Baumkataster finden sich einige imposante Exemplare

Zwar hat Pullach keine 200 Jahre alte Linde zu bieten wie etwa Grünwald. Aber einige imposante Bäume finden sich auch im Baumkataster der Pullacher. Allen voran wohl der berühmteste Baum der Gemeinde: Die 120 bis 140 Jahre alte Rotbuche beim Kriegerdenkmal an der Hochleite. Die ausladende Krone muss demnächst gesichert werden mit Seilen. Auch die Rotbuche hat einen auch hier einen Pilz, den sich der Baum vor zehn Jahren eingefangen haben mag. Den er nicht mehr loskriegen wird, der aber einigermaßen in Schach gehalten werden kann, wie es aussieht. Jedenfalls wächst rund um den Fruchtkörper des Pilzes wieder der Stamm. Man geht jetzt mit Bernhard Rückerl noch die Treppen zur Isar runter, um eine der Eschen in Augenschein zu nehmen, die hier fast alle mit einem aggressiven Pilz infiziert sind, von dem man nicht genau weiß, woher er kommt, der aber unvermeidlich zum Tod der Bäume führt. Drei Jahre können sie mit der Erkrankung leben, erst entwickeln sie weniger Blätter, dann auffällig viele Wasserreiser – und stehen am Schluss entkräftet, aber noch einmal mit soviel Früchten wie möglich da. Sie zu fällen, birgt durchaus Risiken: weil sich dabei die Sporen des Pilzes erst recht verbreiten. „Meines Erachtens ist die Esche ein Baum, der bei uns ausstirbt.“

10 bis 15 der 1000 inspizierten Bäume hat der Fachmann fällen lassen müssen. Nach dem bisherigen Stand ist der häufigste Baum in der Gemeinde die Winterlinde – sie macht 17 Prozent des bislang erfassten Bestands aus. Gefolgt von der Traubeneiche, dem Spitzahorn, der Hainbuche, dem Bergahorn und der Rotbuche, die wiederum sechs Prozent aller Stämme stellt. Angefangen hat Rückerl mit seiner Katalogisierung übrigens mit einer Rosskastanie – und zwar der vor dem Rathaus. Die ist die Nummer eins, etwa 50 Jahre alt, 14 Meter hoch,Vitalitätsstufe eins. Wenn das kein gutes Zeichen ist.

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