+
„Was denkt der sich eigentlich, wer er ist? Sie warten ja alle mit!“: Luise Kinseher, die versucht, die Ruhe zu bewahren. Auch wenn ihr Aufzugs-Schwarm ewig nicht anruft.

Aufführung in Pullach

Luise Kinseher muss die Ruhe bewahren

Pullach -  „Ich stell’ heute Abend überhaupt keine Anforderung an Sie“, eröffnete Luise Kinseher ihr Programm „Ruhe bewahren“ im Pullacher Bürgerhaus. Wichtig sei am Ende nur, „dass g’lacht wor’n is’“. Dazu hatten die Besucher im ausverkauften Saal reichlich Gelegenheit.

Dabei nimmt die Niederbayerin in ihrem sechsten Soloprogramm – auf leichte Art – auch schwerere Themen durch, und im Kleinen wird auch das große Ganze, das Leben an sich, verhandelt. Wenn am Ende ausgerechnet die dauerbeschwipste „Mary“ im geblümten Morgenmantel sich an einer Erklärung der Quantenphysik mit ihren „miniwinzigstkleinen Atomen“ versucht und zum Schluss kommt: „Die Wahrheit ist relativ. Die Welt ist so, wie Ihr sie seht. Wenn man nicht schon vorher wissen tät, dass es Deppen gibt, dann gäb sie’s ned.“ 

Rahmengeschichte ist derweil die, dass Kinseher, hier eine Singlefrau mit 46, die „seit 16 Jahren 30 ist“ und fürchtet, das nicht mehr allzulang durchzuhalten, im Aufzug einen Typen kennenlernt – und dabei „einen der ganz wenigen Momente im Leben“ erlebt hat, „in denen die Zeit stillsteht“. „Groß“ war er, „gutaussehend, kein Ehering, Lachfalten um die Augen“ – sie vermutet ihn im internationalen Kunsthandel. Hat ihm, ehe sie ausstieg im sechsten Stock und er weiterfuhr in den siebten (Himmel), ihre Handynummer gegeben – und wartet jetzt eben, dass er anruft. Was reichlich Gelegenheit bietet, zu sinnieren darüber, dass die Leute „früher schneller gealtert sind als heute, dafür aber mehr Zeit hatten“, dass in Niederbayern die Uhren nicht nur anders gehen, sondern überhaupt komplett stehengeblieben sind, und zwar um halb drei, dass Warten wie schlechtes Essen ist, „man isst’s halt, wenn man Hunger hat“ – und hinterher ist einem dann doch übel. Und zwischendurch kommen immer mal wieder schon erwähnte Mary, eine Bayerin, und Helga aus Hamburg zu kleinen Auftritten, zwei Bühnenfiguren, die die Kabarettistin schon für frühere Programme erschaffen hat – gute alte Bekannte also. 

Mary „aus Bavary“ ist umgeben von Yoga-wütigen Freundinnen, verbringt ihre Zeit aber am liebsten im Bierstüberl. Und Helga im beigen Staubmantel ist recht zufrieden in ihrer Ehe, die schon seit 50 Jahren besteht und immer besser wird, seit ihr Mann Heinz sich immer weniger merken kann. Kinseher singt auch in dem Programm, und einer der witzigsten Momente des Abends ist das Lied von Helga, in dem sie sich damit beschäftigt, „was man im Leben nicht alles vergisst“. Refrain: „Es war am 7. Mai, damals ist’s gescheh’n, es ist schon lange her, wie die Jahre vergeh’n. Es war am 7. Mai, wie legendär – doch was da gewesen ist, weiß ich nicht mehr.“ Klimawandel und Welthunger, der Wohnwahnsinn in München und die Absurdität der Moderne mit Google-Brille und Apple-Watch: wird alles, weil der Aufzugsheini natürlich nicht anruft, munter gestreift im Programm. 

Auch ein paar politische Anspielungen verkneift sich die „Mama Bavaria“ nicht, die schließlich weiß von ihren Bußpredigten auf dem Nockherberg, was dort alle „Emotionskiller“ nehmen: „Wieso sonst ist der Söder so schmerzfrei?“ und: Sonst könnte es ja wohl auch kaum sein, dass Sozialministerin Emilia Müller „drei Wochen gebraucht hat, bis sie gemerkt hat, dass sie beleidigt ist“. Und dann? Klingelt, nachdem Mary lallend die Welt erklärt hat in wenigen Sätzen („die Zeit verläuft zusammengefaltet, und dazwischen ist das Wurmloch“), eben doch noch das Smartphone. Nachdem Kinseher ihre Aufzugsbekanntschaft schon verflucht hat als vermutlich „verheirateten, rechtsradikalen Waffenhändler“, nachdem sie schon dachte, sie hätte sich die ganze Begegnung nur eingebildet, „ich muss in einer anderen Dimension gewesen sein“ – einer, in der es keinen Klimawandel gibt und auch keine CSU. Jetzt aber: ein Aufschrei des Entzückens. Sie hat jetzt nicht mehr viel Zeit, weil sie zu ihrem Date muss, aber sie sagt: „Man muss ned andauernd bloß blöd lachen.“ Und singt noch ein weiteres, lustiges Lied, das darum geht, wie oft im Leben das Glück einfach an einem vorbeirauscht. Sehr schön.

Andrea Kästle

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Trachtenkissen aus der Rosenheimer Dirndlwerkstatt</center>

Trachtenkissen aus der Rosenheimer Dirndlwerkstatt

Trachtenkissen aus der Rosenheimer Dirndlwerkstatt
<center>Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l</center>

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l
<center>Rehbockgehörn mit Strass</center>

Rehbockgehörn mit Strass

Rehbockgehörn mit Strass
<center>Schokoladen-Set zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Meistgelesene Artikel

Marode Turnhalle in Schäftlarn kostet Millionen

Schäftlarn - Neubau oder Sanierung? Die Antwort zur Turnhalle der Grundschule steht noch aus. Klar ist aber: Sie kostet mindest 2,5 Millionen Euro.
Marode Turnhalle in Schäftlarn kostet Millionen

Nach Unfallflucht: Autofahrer fliegt auf

Schäftlarn - Er kracht auf der A95 in ein Verkehrsschild und macht sich aus dem Staub. Wenig später steht die Polizei trotzdem vor seiner Tür. Der 45-Jährige hatte etwas …
Nach Unfallflucht: Autofahrer fliegt auf

Polizei warnt: Achtung vor Reifendieben

Unterhaching/Taufkirchen - Alle sechs Monate das gleiche Phänomen: Autoreifen verschwinden in alarmierender Zahl aus Tiefgaragen. Der Schaden ist enorm, der Diebstahl …
Polizei warnt: Achtung vor Reifendieben

Tutu und Turnschuh: Das passt

„First Step New York“, eine Tanzaufführung, die klassisches Ballett mit Hip Hop zusammenbringt: An dieses Experiment haben sich mehr als 100 Schüler der Ballettschule …
Tutu und Turnschuh: Das passt

Kommentare