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Lesung

Poetry-Slammer Pierre Jarawan in der Buchhandlung Isartal

Pullach - Ein libanesisches Sprichwort sagt, dass, wer meint, den Libanon zu verstehen, ihn nicht richtig erklärt bekommen hat. Warum sich dieses Land einem nicht leicht erschließt – davon bekamen rund 50 Besucher in der Pullacher Buchhandlung Isartal eine Ahnung. Wo Pierre Jarawan aus seinem schönen Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ las.

„Am Ende bleiben die Zedern“ ist sein erster Roman, und dessen Held Samir hat, wie es aussieht, einiges mit ihm gemeinsam. Auch Samir hat libanesische Eltern, auch seine Familie ist vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen. Der Junge wächst hier auf, fühlt sich zuhause, Idol seiner Kindheit ist der Vater, der ihm am Abend Geschichten erzählt, die klingen wie aus 1001 Nacht, der mit ihm auch auf der Straße lauthals libanesische Lieder singt, den er „tänzelnd auf den guten Nachrichten des Lebens“ erlebt. 

Aber dann verschwindet dieser Vater auf einmal. Da ist Samir acht. Später, als er längst erwachsen ist, macht er sich auf die Suche nach dem Mann, der ihm als Junge alles bedeutet hat. Und erlebt dessen Heimat, den Libanon, als Land voller Widersprüche, sieht auch die Schattenseiten dieses gerade mal 10 000 Quadratkilometer großen Fleckchens Erde – von denen ihm sein Vater freilich nie erzählt hatte. Auch den Pullachern berichtete Jarawan davon, wie schwer sich der Libanon damit tut, die Risse der Gesellschaft zu kitten, die 15 Jahre Bürgerkrieg hinterlassen haben. Was an sich schon deshalb unmöglich ist, als hier am Mittelmeer, zwischen Syrien und Israel, 18 Religionsgemeinschaften zusammenleben und all diese religiösen Splittergruppen auch Anspruch auf politische Vertretung im Parlament haben: „Das war der Geburtsfehler dieses Landes.“ 

Aber der Libanon ist ebenso modern. In Beirut kann eingekauft werden wie in der Maximilianstraße. Dort feiern die Jungen, als gäbe es kein Morgen, wie in Berlin. Romanheld Samir, als er dann ankommt in dieser bunten, verrückten Stadt, sieht verschleierte Frauen, die ungerührt an Werbeflächen vorbeigehen, auf denen sich leichtbekleidete Models räkeln. Setzt sich in ein Taxi. Will erstmal nur weg. „Der Libanon ist ein winziges Land, mein Lieber, wir können überall hin“, erklärt ihm gelassen der Fahrer. „Zu den Zedern“, sagt Samir, schließlich sind die Zedern, die 1000 Jahre alt werden können und doch vom Aussterben bedroht sind, ein Synonym für das Land. Später findet er seine Großmutter, trifft auch einen ehemaligen Arbeitskollegen des gesuchten Vaters, der zu ihm den kryptischen Satz sagt: „Du bist nicht der einzige, der ihn verfolgt.“

 Es wird jetzt, das ließ der Autor durchklingen, ziemlich spannend. Mehr verriet er aber nicht. Die Libanesen, sagte Pierre Jarawan in Pullach, sind „sehr gut darin, die Vergangenheit zu vergessen“. Noch immer werde nicht über den langen Krieg gesprochen, nicht über die 100 000 Menschen, die in diesem Krieg gestorben sind, nicht über die 10 000 Menschen, die während der 15 Jahre verschwanden. Geschnappt von der Miliz, weil sie die falsche Religion im Pass stehen hatten. Inzwischen gibt es aber ein Archiv, das wenigstens die Tageszeitungen sammelt von damals, die voll gewesen sind mit Vermissten-Anzeigen. Bei seinem letzten Besuch war Jarawan dort, und während er sich mit der Archivarin unterhielt, detonierte zwei Häuser weiter eine Bombe. Von der am nächsten Tag schon keine Rede mehr gewesen ist: „Die Libanesen haben gelernt, mit der selbstverständlichen Möglichkeit einer Eskalation zu leben.“ 

Auch sie habe nach der Lektüre des Buchs „den Libanon noch nicht verstanden“, hatte eingangs Gastgeberin Sophie von Lenthe gestanden. Aber nach dem Abend wusste man ein bisschen, wie schön und traurig es zugeht in diesem Land, wie dort gefeiert und gelitten wird. Andrea Kästle

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