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Eine Hochzeitsurkunde aus dem 18. Jahrhundert ist nur eines der raren Schätze, die das Kloster-Archiv beherbergt.

Blick ins Archiv der Benediktiner-Abtei

Die Rettung eines Stücks Klostergeschichte

Schäftlarn - Seit sieben Jahren verwaltet Pater Norbert Piller, Prior der Benediktiner-Abtei Schäftlarn, das Archiv des Klosters. Ein Archiv, das es fast nicht gegeben hätte – und unersetzliche Dokumente beherbergt. Dem Münchner Merkur hat der Pater jetzt seltene Einblicke in die Schätze der Kloster-Vergangenheit gewährt.

Ein wenig eng ist es in dem langgezogenen Raum mit seinem alten Deckengewölbe. Regale, Schachteln und Schränke füllen jeden Quadratzentimeter aus. Alt und neu bilden ein harmonisches Miteinander, die moderne Reprokamera und die antike Standuhr, der Kopierer und das an der Wand hängende alte Gemälde. Und mittendrin steht Pater Norbert Piller, selbst einst Schüler des Klosters.

Vom Pädagogen zum Archivar

Eigentlich ist Pater Norbert kein Archivar, sondern Pädagoge, gab unter anderem EDV- und Religionsunterricht an der zur Abtei gehörenden Schule. Während seines Studiums hatte der Prior Gelegenheit, bei einem Professor rund zwei Jahre lang Historische Hilfswissenschaften zu erlernen. „Das war absolut faszinierend. Man lernt, wie man echte von unechten Dokumenten unterscheiden kann und chronologisch ordnet.“ Und auch die alten Schriften sind dem Pater nicht fremd: Gotische Schrift, Schwabacher Antiqua, Fraktur – der 70-Jährige kann sie alle lesen und schreiben. Und das so gut, dass er noch heute den Schülern Kaligraphie- Kurse gibt. Ohne Benotung, versteht sich. Denn genau das konnte der ehemalige Leiter des Tagesheimes überhaupt nicht ausstehen. „Noten sagen nicht alles über einen Menschen aus.“ Um andere nicht weiter bewerten zu müssen, bat Pater Norbert, von den Pflichten als Tagesheimleiter entbunden zu werden und „eine andere vernünftige Aufgabe“ übertragen zu bekommen. Abt Petrus Höhensteiger verstand sein Anliegen und übertrug ihm 2009 die Verantwortung für das Archiv. „Und so stand ich plötzlich vor einem riesigen Berg an Urkunden, der vornehmlich aus den Nachlässen von Mitbrüdern stammte.“

Dokumente vor der Vernichtung bewahrt

Pater Norbert Piller kann alle alten Schriften noch lesen und schreiben. 

Eigentlich ist es ein Glück, dass das Archiv überhaupt existiert. Denn mit der Säkularisation 1803 wurden die Klöster aufgelöst, und mit ihnen auch die Archive. Viele Unterlagen und Dokumente wurden von Joannes Nepomucenus Silberhorn, geboren 1780, gerettet. Er trat im Oktober 1800 in den Orden ein und legte ein Jahr später die Profess ab. „Und als die Schließung der Klöster anstand, schaffte er an Dokumenten beiseite, was nur eben ging“, berichtet Pater Norbert. „Das war das Beste, was er tun konnte, da sonst noch mehr verloren gegangen wäre.“ In seinem Testament bestimmte Silberhorn, dass „wenn mein Kloster Schäftlarn in was auch immer für eine Weise wieder hergestellt würde, dasselbe meinem Rücklaß an Büchern, Musikalien und dergleichen als ewiges Eigenthum erhalten solle.“ Das Erbe traten dann 1842 die Englischen Fräulein an, die Benediktiner übernahmen mit der Übergabe des Klosters am 17. Mai 1866 durch Ludwig I. von Bayern den Nachlass.

Älteste Urkunde aus dem Jahr 1420

Die Sammlungen im Archiv beziehen sich nicht nur auf das klösterliche Leben, sie spiegeln das gesamte Leben in und um Schäftlarn wider. Pater Norbert hat die Unterlagen systematisch geordnet, „manche nach Zeit, manche nach Themen“. Mit eine der älteste Urkunde ist auf das Jahr 1420 datiert. „Viele denken immer, dass alles auf Latein abgefasst wurde. Aber das stimmt nicht – viele mittelalterliche Schriften sind in Deutsch.“ Der 70-Jährige zeichnet mit dem Finger schon fast liebevoll die Zeilen eines etwas jüngeren Dokumentes nach. Ganz klein ist die Schrift, für das bloße Auge schwer zu entziffern und für den Ungeübten so gut wie gar nicht zu lesen. „Das ist eine Hochzeitsurkunde aus dem 18. Jahrhundert“, so der Prior. „Und ich kann nur sagen, die Probleme der Menschen damals waren die gleichen wie heute. Wer bekommt was, wie sind Erbschaften zu verteilen, und so weiter.“ Und natürlich musste alles mit Unterschrift und Siegel beglaubigt werden. Ganze 15 Stück davon hängen am Ende der Hochzeitsurkunde. Doch nicht nur ganz alte Dokumente finden sich in dem Gewölbe, sondern auch Relikte der jüngeren Vergangenheit. So findet man unter „Schäftlarner Konzerte“ noch alte Programmdrucke. Im Jahr 1936 beispielsweise wurde ein zweiter Hausmusikabend gegeben. Zu Gehör kam dort der dritte Satz von Johann Sebastian Bach, an der Geige spielte Eugen Ebert und an der Violine Otto Wrener.

Ein Tagebuch geht unter die Haut

Ein alter Klosterdachziegel aus dem Jahr 1723. 

Eines der bewegendsten Dokumente sind die Abschriften des Tagebuches von Sigisbert Mitterer, dem Zweiten Abt von Schäftlarn. Pater Norbert nimmt ein kleines Buch aus dem Schrank. In Steno ist hier Seite um Seite beschrieben. „Pater Egino hat es sich dann zur Aufgabe gemacht, alles abzuschreiben.“ Entstanden sind dadurch lebendige Zeugnisse einer bewegten Zeit, die eine Spanne von 1929 bis Anfang der 60-iger Jahre umfassen. Auch während der NS-Zeit schrieb der Abt seine Beobachtungen nieder. „Da ist einiges, was einem unter die Haut geht“, so der 70-Jährige Archivar und zieht einen Band heraus. „Gestern zweimal Fliegeralarm...Kampfflieger überflogen unser Gebiet...man hörte Explosionen über München. Im Nordosten stieg Brandröte auf“, ist dort zu lesen und weiter: „Heute ist der 56. Geburtstag Hitlers. Goebbels hielt im Rundfunk eine Festansprache ... die Maiden singen...“. Ein anderes, offiziellen Schreiben der NS-Machthaber von 1943 untersagt den Religionsunterricht, der erste Bahn-Taschenfahrplan erscheint für 20 Reichspfennige zwei Jahre später. Und auch Kurioses ist im Klosterarchiv zu finden: So liegt hier aus der gleichen Zeit eine Beschwerde gegen Burschen vor, die auf einem Winterspaziergang Mädchen mit Tannenzapfen und Schneebällen bewarfen. Die dabei erlittenen Blessuren wurde als „Dienstunfall“ zu den Akten gelegt. Und so beherbergen all die Schachteln, Ordner und Schränke ungezählte Schicksale, denn schließlich stehen „hinter jedem Dokument auch Menschen“. Übrigens, gezählt hat Pater Norbert Piller all seine Schränke noch nie. „Ich habe sie nur immer bestellt“, sagt er und lacht. „Und ich könnte wieder mal ein paar neue gebrauchen.“

Sabine Hermsdorf

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