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Hubertus von Pilgrim in seinem Atelier in Pullach. „Im normalen Leben hat man Feierabend und fährt in Urlaub. Das waren immer Kategorien, die für mich fremd sind.“

Hubertus von Pilgrim

Der Schöpfer des Todesmarsch-Mahnmals wird 85

Pullach – Sein Todesmarsch-Mahnmal hat den Pullacher Bildhauer Hubertus von Pilgrim berühmt gemacht. Er feiert nun 85. Geburtstag, während seiner "schönsten Lebensstation". 

Sein Mahnmal, das eine Gruppe Menschen zeigt, die sichtlich am Ende ihrer Kräfte sind und das letztlich an 24 Orten aufgestellt wurde, ist, sagt er, „ein Stück Lebenswerk von mir geworden“. Vielleicht ist es sogar der wichtigste Teil seines Werks. Jedenfalls ist es das, was einem als allererstes einfällt, wenn man seinen Namen hört. Was in diesen Tagen öfters der Fall sein wird – heute, am 24. August, feiert er seinen 85. Geburtstag.

85. Geburtstag am 24. August

Man sitzt mit ihm in seinem Wohnzimmer an einem kleinen Tischchen. Schräg gegenüber eine Vitrine, bestückt mit Mini-Entwürfen seiner Skulpturen, mit Medaillen, die zu schneiden er Anfang der 90er Jahre auch angefangen hat. Er sagt: „Ich habe zwölf Lebensstationen durchlaufen in meinem Leben“, und: „Die letzte, die längste und schönste dieser Lebensstationen ist Pullach.“ In der Isartalgemeinde wohnt er seit 1978.

In Berlin geboren

Geboren und aufgewachsen ist er ja in Berlin, „in der Agonie der ersten Republik“, wie er sagt. Als er acht war, begann der zweite Weltkrieg. Bald war die Stadt nicht mehr sicher für ihn, er kam im Rahmen der Kinderlandverschickung aufs Land, und immer wieder wurde eine Schule, auf die er gerade ging, umgewandelt in ein Lazarett oder getroffen von einer Bombe. Was dazu führte, dass er letztlich auf sechs Schulen gewesen ist. Was er erzählt – um gleich abzuwinken: „Ich will da nicht viel drüber reden.“ Anderen sei viel Schlimmeres widerfahren.

Das Grünwalder Mahnmal. Die Inschrift ist auf der anderen Seite. Die Figurengruppen von Hubertus von Pilgrim, von denen letztlich 24 aufgestellt worden sind, variieren alle ein wenig.

Der Vater war Ingenieur – aber die Familie wusste Kunst zu schätzen, im Schlafzimmer der Mutter hing eine Lithographie von Käthe Kollwitz. Ein Urgroßvater war ein renommierter Archäologe, ein Urahn hatte für Leibnitz ein Gedenktempelchen entworfen in einem Herrenhaus in Hannover. Einerseits sagt von Pilgrim: „Ich wusste, was eine Lithographie ist, da konnte ich noch nicht schreiben.“ Und andererseits: „Sie müssen wissen, jeder Junge, der sich für die Kunst entscheidet, tut das gegen den Willen der Eltern.“  

Vielleicht war es am Ende bei ihm einfach so, dass es zwar nicht ganz leicht war, sich durchzusetzen mit diesem Berufswunsch, der auch eine Menge Unsicherheiten mit sich bringt. Aber er sich damit ja immerhin durchsetzen konnte. Wie auch immer – Hubertus von Pilgrim begann jetzt, als der Krieg endlich zu Ende war, einen ziemlichen Ausbildungs-Marathon. Und wurde am Ende ein ganz besonderer Künstler in Deutschland, dem in einer Zeit, in der man nicht mehr ans Denkmal glaubte, das Schaffen von Denkmälern ein großes Anliegen geworden ist. Und zwar Denkmäler in Kombination mit Inschriften – die er in der Regel auch selbst formuliert hat. Auch die Worte, die seine Figurengruppe begleiten, hat er während der Arbeit noch einmal umgestellt.

Drei berühmte Lehrer

Er habe, sagt er einem im Wohnzimmer, drei „berühmte Lehrer“ gehabt, die alle den Anfangsbuchstaben gemeinsam haben – ein „H“ nämlich. Nachdem er erst Böttcher, also Fassmacher, gelernt hatte, dann zu einem Bildhauer in die Lehre gegangen war, nahm er, während er gleichzeitig Literatur- und Kunstgeschichte und Philosophie in Heidelberg zu studieren begann, Privatunterricht bei Erich Heckel, dem „großen Expressionisten“. Wurde später an der Hochschule der Künste in Berlin Meisterschüler bei Bernhard Heiliger, dem seinerzeit „größten Portraitbildhauer Deutschlands“. Und ließ schließlich das „tote und enge“ Nachkriegs-Berlin hinter sich und ging nach Paris. Um dort im berühmten „Atelier 17“ von Stanley William Hayter auch noch die Kunst des Kupferstechens zu erlernen: „Dort waren 25 Studenten aus 15 Nationen, das war eine Befreiung in jeder Hinsicht.“ Mit jungen 32 Jahren wurde er dann selbst berufen an die neu gegründete Hochschule für bildende Künste in Braunschweig. „Dort hab ich 17 Jahre lang gelehrt.“ Ehe er schlussendlich an die Kunstakademie München berufen wurde. Und ins Isartal zog.

Adenauers Kopf

Hubertus von Pilgrim hat immer figürlich gearbeitet, von Anfang an. Seinen ersten Kopf formte er mit 16, aus Tonziegel. Modell hatte ihm der kleinere Bruder gesessen. Der die Arbeit noch immer aufbewahrt. Von Pilgrim sagt, die Büste sei zwar noch etwas linkisch, habe aber doch ein wenig eingefangen vom Wesen des Bruders. Auch als Ende der 70er Jahre ein Denkmal geschaffen werden sollte für Konrad Adenauer und es darum ging, die Leistungen des ersten Bundeskanzlers darzustellen und nicht die Person, da sagte er sich: Dass es ja doch die Person dieses Mannes gewesen ist, die die Leistungen erbracht hat. Und entwarf eine Kopfplastik – die letztlich den Zuschlag bekam.

Sein Werk verstehen KZ-Überlebende als eine Art Logo

„Ich habe verschiedenes Glück gehabt in meinem Leben.“ Einen Wettbewerb zu gewinnen: Das ist natürlich, sagt er, auch immer mit Glück verbunden. Ein anderer, ganz wichtiger Glücksfaktor für ihn war die Familie, die er früh gegründet hat. Seit 60 Jahren ist er verheiratet mit seiner Frau Barbara, er hat zwei längst erwachsene Kinder. Dann zeigt er einem noch sein Atelier, das er sich gebaut hat im Garten des Pullacher Anwesens. Er sagt: „Andere haben eine Yacht oder ein Haus in Tirol. Ich hab das hier“, und: „Das ist das Wichtigste von meinem Leben.“ Die Brosche? Haben sich einige KZ-Überlebende Mitte der 90er Jahre anfertigen lassen. Von 60 bis 70 Leuten weltweit würde die getragen, sagt Hubertus von Pilgrim. Als sie ihm sein Exemplar schenkten, sagten sie zu ihm: „You made our logo."

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