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Ein Mann trauert am Olympia Einkaufszentrum um die Todesopfer des Amoklaufs von München.

Notfallseelsorger Hermann Saur über seinen Einsatz am Stachus und Olympia Einkaufszentrum

Gemeinsam schweigen, "wenn es keine Worte gibt"

Taufkirchen – Hermann Saur arbeitet als Notfallseelsorger beim Kriseninterventionsteam München. In der Amok-Nacht kümmerte er sich um traumatisierte Menschen. Am Stachus erlebte er "eine verrückte Situation".

Bei den „stillen, leisen und persönlichen Katastrophen“ sind Hermann Saur und sein Team da. Oft „nimmt niemand von unserer Arbeit Kenntnis“. Beim Unfalltod des Kindes oder dem Suizid eines Familienmitglieds. Doch dieses Mal war es kein individuelles, stilles Unglück, bei dem der Taufkirchner einzelnen Menschen in schwerer Stunde beistehen musste. 

Eine ganze Region ist geschockt, fassungslos und trauert um neun Menschen, die ein Amokläufer am Freitagabend getötet hat. Es ist ein Einsatz, der „an mir knabbert“, sagt der Leiter der Notfallseelsorger der Erzdiözese München und Freising, der auch beim Kriseninterventionsteam München (KIT) tätig ist.

Die Angst ist subjektiv und unberechenbar

„Es geht darum, gemeinsam diese Sprachlosigkeit auszuhalten": Notfallseelsorger Hermann Saur.

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen am 24. März 2015, den Anschlägen in Paris am 14. November 2015 und dem Zugunglück von Bad Aibling am 9. Februar 2016 „bin ich nach einigen Tagen aus einem Einsatz rausgegangen“. Nun ist der Schrecken ganz nah, betrifft das eigene Umfeld, das eigene Leben. „Das greift die grundsätzliche Lebenssicherheit an“, sagt Saur. „Es macht etwas mit den Leuten.“ Der katholische Diakon fragt sich, „ob die Bevölkerung es schafft, diese Grundsicherheit wieder zu erlangen. Das sichere Gefühl zu haben, wenn ich morgens aus dem Haus gehe, komme ich abends wieder heim.“ Dabei geht es nicht um rationale Risiko-Wahrscheinlichkeiten, sondern um eine subjektive, unberechenbare Angst. 

Sie hat Hermann Saur am Freitagabend ganz deutlich gespürt unter den Menschen. Unter anderem arbeitete er als Abschnittsleiter der Seelsorger am Stachus. Als dort das Gerücht von weiteren Schüssen laut wurde, hat der Taufkirchner „eine verrückte Situation“ erlebt. „Einerseits Menschen, die in Panik um ihr Leben rennen, andererseits Menschen, die das ganze als Spiel sehen, mit dem Handy filmen und applaudieren, als die Polizei eintrifft.“

Die Menschen versuchten, das Geschehen zu begreifen

Auch um Bürger, die im Polizeipräsidium an der Ettstraße Unterschlupf suchten, hat er sich gekümmert und am Samstag den ganzen Tag Menschen am OEZ begleitet, die zum Trauern den Ort der Tragödie aufsuchten. Saur sah viele Menschen, „die mit teils versteinerten, teils sehr bewegten Gesichtern“ versuchten, das Geschehene zu begreifen. 

Und manchmal hat der Seelsorger etwas getan, was aus psychotraumatologischer Sicht „der absolute falsche Rat“ wäre. Nämlich den Menschen die Option aufgezeigt, umzukehren und später wiederzukommen, um Blumen niederzulegen. „Und wirklich sind viele umgekehrt.“ Denn nicht jeder kann damit umgehen, vor zig Kameras und in großer Gemeinschaft zu trauern. Seinen Schmerz mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die Notfallseelsorger und Kit-Mitarbeiter haben die Menschen darauf vorbereitet, „was sie erwartet, wenn sie um die Ecke gehen, um Blumen niederzulegen“. Eigentlich sollte niemand „die Gefühle auf morgen verschieben“, die in diesem Moment Ausdruck finden wollen, herausbrechen. Aber für manche ist es schwer, „diese Öffentlichkeit auszuhalten“.

Wie findet man Worte für eine Tragödie, für die es keine Worte gibt?

Ebenso wie die Sprach- und Fassungslosigkeit. Wie findet ein Seelsorger Worte für eine Tragödie, für die es keine Worte gibt? „Das müssen wir gar nicht“, sagt Hermann Saur. „Es geht darum, gemeinsam diese Sprachlosigkeit auszuhalten. Auszuhalten, dass es eben keine Worte gibt. Einfach zusammen zu schweigen kann schon stabilisierend wirken. Und zu zeigen: Ich bin da.“ Plattitüden kennen die Helfer nicht. „Wie geht es Ihnen?“ oder „Kopf hoch, das wird schon“: Solche Sätze kommen ihnen nicht über die Lippen. Sie signalisieren vielmehr: „Ich bin für Sie da, ich habe Zeit für Sie.“ 

Während der Einsatz für die Rettungskräfte ausläuft, „herrscht bei uns Hochbetrieb“, sagt der 60-Jährige. „Wir sind mittendrin, unser Einsatz dauert noch mehrere Tage.“ Saurs Diensthandy klingelt sehr oft. Beispielsweise rufen Vertreter von Schulen an und fragen, wie sie das Ereignis mit den Kindern aufarbeiten können. Zudem bieten die Seelsorger in den nächsten Tagen den Mitarbeitern von Geschäften im OEZ Einzel- und Gruppengespräche an. 

Ersthelfer für die Seele

Hermann Saur, die Seelsorger der Kirche und KIT-Mitarbeiter sind „die Ersthelfer für die Seele“, sagt der Diakon aus Taufkirchen. Nicht jede Verletzung können sie behandeln, dann braucht es Traumatologen und Psychologen. Aber viele Wunden können sie versorgen, Schmerz lindern und dem Einzelnen beistehen in einer Situation, die eine ganze Region sprachlos macht.

Lesen Sie hier Reaktionen aus dem Landkreis zum Amoklauf in München.

Das sind die Todesopfer, die eine Verbindung zum Landkreis München haben:

Dijamant Z. (20) aus Oberschleißheim.

Can L. (14) aus München. Er ging in die Mittelschule in Unterhaching.

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