Integrationsprojekte in Taufkirchen

Einige bleiben Deutschunterricht fern

Taufkirchen - 85 Nationalitäten sind in Taufkirchen zuhause. Um ihnen allen gleiche Chancen zu eröffnen, hat der Sozialausschuss mehr als 140 000 Euro bewilligt.

Einziger Wermutstropfen: Die Deutschkurse der VHS für Erwachsene gehen an der türkischen Bevölkerung in Taufkirchen komplett vorbei. „Warum sind keine türkischen Frauen in den Sprachkursen der VHS?“ Mit dieser Frage legte Renate Meule (ILT) in der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses den Finger in die Wunde. Seit sechs Jahren führt die Volkshochschule im Auftrag der Gemeinde Taufkirchen die Deutschsprachkurse für Erwachsene durch – und soll dies laut einstimmigem Beschluss des Sozialausschusses auch 2016/17 tun.

Insgesamt wird das Angebot in der Grundschule Taufkirchen Am Wald gut angenommen. Nur türkische Frauen – und auch Männer – blieben den Kursen fern. „Bei der ,türkischen community’ ist es sehr sehr schwer“, bekannte Andrea Nink von der ISA-Fachstelle (Integrationsbezogene Soziale Arbeit) in der Sitzung.

Eine Lösung haben die Experten nicht parat

Ein Grund sei, dass viele türkische Frauen auch vormittags ihre kleinen Kinder zuhause betreuen und sie nur „ungern abgeben“ würden. Zudem finden im Gebetsraum in Taufkirchen morgens und vormittags „Vorlesungen“ statt, wie Andrea Nink von Oguzhan Öktem erfahren hat, der an der Grundschule Am Wald Islamunterricht in deutscher Sprache gibt. Eine Lösung haben auch die Experten nicht parat. „Ich habe hier momentan kein Mittel“, sagte Sozialpädagogin Nink. Sozialreferent Andreas Bayerle verwies auf das neue Projekt „starke Eltern, starke Kinder“, mit dem künftig sowohl deutsch- als auch türkischstämmige Eltern erreicht werden sollen (siehe Familienbildung). Ein schöner Nebeneffekt wäre, wenn dieser Ansatz auch die Bereitschaft der türkischen Eltern fördern würde, die Deutschsprachkurse zu besuchen. 

Für die Fortführung des VHS-Angebots im Schuljahr 2016/17 stellt der Sozialausschuss 27 000 Euro bereit. Die Entscheidung fiel einstimmig.

Das sind die genehmigten Sozial-Projekte

Rund 95 000 Euro hat der Sozialausschuss der Gemeinde Taufkirchen für Integrations- und Teilhabeprojekte bewilligt, die vor allem auf Sport und Spracherwerb abzielen.

Sport

Das Ernährungs- und Bewegungsprojekt „stark und fit“ an der Grundschule Taufkirchen am Wald wird fortgeführt. Der Sozialausschuss der Gemeinde Taufkirchen hat die dafür erforderlichen Haushaltsmittel von 9300 Euro einstimmig genehmigt. Die Hälfte der Kosten wird durch das Landratsamt im Rahmen des „Teilhabe und Integrationskonzeptes“ refinanziert. Kooperationspartner von „stark und fit“ ist der SV-DJK Taufkirchen. Seit Projektbeginn im Schuljahr 2011/2012 schickt der Verein ausgebildete Sportlehrer an die Grundschule, die im Anschluss an den Unterricht ein Sportprogramm mit den Schülern der ersten bis vierten Klasse starten. Im Vorfeld gibt es für die Kinder einen gesunden Müsli-/Obst-/Gemüse-Snack, danach wird pro „Trainingsgruppe“ eineinhalb Stunden trainiert. Neu hinzukommen wird nach einstimmigem Beschluss die Reihe „stark und gesund“. Ab dem kommenden Schuljahr startet „stark und gesund“ mit dem Projekt „Lauf dich fit!“ für alle vierten Klassen an der Grundschule Am Wald. In diesem Schuljahr fand „Lauf dich fit!“ bereits in einer vierten Klasse statt. Die Initiative geht auf eine engagierte Lehrerin zurück und wurde in Kooperation mit dem Bayerischen Leichtathletikverband erfolgreich gestartet. Um das Projekt im nächsten Schuljahr auf alle vierten Klassen ausweiten zu können, stellt die Gemeinde 2500 Euro zur Verfügung.

Familienbildung

Um Eltern in der Erziehungsarbeit zu unterstützen, wird in Taufkirchen noch in diesem Jahr das neue Projekt „starke Eltern, starke Kinder“ gestartet. Hinter dem Motto stecken Bildungsangebote, die sich „sowohl an deutsche wie auch an türkische Eltern richtet“, wie Sozialreferent Andreas Bayerle im Sozialausschuss betonte. „Damit wollen wir die Eltern kriegen, die bislang noch nirgends organisiert sind“, so Bayerle. Angestrebt wird auch eine Zusammenarbeit mit den Schulen, Projektpartner ist das Integrative Familienzentrum Taufkirchen. „Starke Eltern, starke Kinder“ wird vom Deutschen Kinderschutzbund gefördert und zur Hälfte über das Kreisjugendamt refinanziert. Die Kosten von 2500 bis 3000 Euro in diesem Jahr hat der Sozialausschuss einstimmig genehmigt.

Sprachförderung

Seit zwölf Jahren gibt es Sprachförderung in den Kindertagesstätten in Taufkirchen – und von Jahr zu Jahr wird das Angebot mehr genutzt. „In diesem Jahr haben wir erstmals Wartelisten“, sagte Sibylle Vogt von der ISA-Fachstelle (Integrationsbezogene Soziale Arbeit) in der Sitzung des Sozialausschusses. Der Grund: „Es ziehen immer mehr Kinder in unsere Gemeinde, die zuhause wenig oder gar kein Deutsch sprechen.“ In den Taufkirchner Kitas sollen die Kindergartenkinder deshalb möglichst früh die korrekte deutsche Sprache lernen und bekommen dafür spezielle Förderstunden mit ausgebildetem Personal. Über den Erfolg der Sprachförderung berichtete die Leiterin der Integrativen Krippe am Köglweg, Beatrix Bossek. „Wir hatten drei Flüchtlingskinder bei uns. Eines von ihnen konnte überhaupt kein Deutsch und hat innerhalb von neun Monaten sehr schön unsere Sprache gelernt.“ Allerdings, so betont Bossek, richte sich das Angebot nicht allein an ausländische Kinder oder Kinder mit Migrationshintergrund. „Jedes Kind, das ein Problem mit der deutschen Sprache hat, erhält diese Förderung.“ Renate Meule (ILT) lobte die Arbeit in den Kitas ausdrücklich: „Sprache ist das Wichtigste“, sagte sie im Sozialausschuss. „Deshalb bin ich dafür, dass die Warteliste abgeschafft wird.“ Um mehr Förderstunden anbieten zu können, entschied der Sozialausschuss einstimmig, die veranschlagten 60 000 Euro auf 80 000 Euro zu erhöhen. „Sollte das Geld nicht vollständig abgerufen werden, fließt es wieder an den Vermögenshaushalt der Gemeinde zurück“, erklärte Sibylle Vogt.

soh

Rubriklistenbild: © Reinhard Kurzendorfer

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