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Zum 31. März 2017 schließt das Pelzgeschäft in der Münchner Straße in Unterhaching.

Pelzgeschäft schließt Nach 42 Jahren

Kein Nachfolger: „Es ist ein Jammer“

Unterhaching  -  Weil er keinen Nachfolger findet, wird Peter Neugebauer nach 42 Jahren sein Pelzgeschäft in Unterhaching zum 31. März 2017 schließen.

Er hat über 700 E-Mails verschickt, um innerhalb der Branche einen Nachfolger zu finden. Vergeblich. Nach 42 Jahren gibt Peter Neugebauer deshalb sein Pelzgeschäft in Unterhaching auf. Ein einzigartiges Geschäft. Für rund 6000 Kunden ist das ein herber Verlust.

Zwischen zwei Pelzmänteln fingert Peter Neugebauer ein Maßband hervor, zieht es stramm – die Daumen fixieren es bei 65 und 75 Zentimetern. „Wissen Sie, was das ist?“ Das Leben. Sein Leben.

Der 65. Geburtstag steht 2017 an, mit 75 Jahren beziffert Neugebauer nüchtern die durchschnittliche Lebenserwartung, auch seine Frau Christiana kommt ins Rentenalter. „Ich gehe in den Ruhestand“, sagt der Unterhachinger Pelzfachmann. Und, nach über vier Jahrzehnten, sei es so, „dass man müde wird“.

Von Müdigkeit ist in diesem Moment freilich wenig zu spüren. Als Peter Neugebauer uns modische Feinheiten zeigt und uns Nuancen ertasten lässt. Als er zwischendurch eine Stammkundin bedient, die sich für 6000 Euro eine Maßanfertigung (ein schwarzer Kaschmirmantel mit Nerz) hat machen lassen. Als er uns das Herzstück seines Geschäfts zeigt: die Werkstatt hinter dem Verkaufsraum.

Zwar mangelt es wahrlich nicht an Kunden im Unterhachinger Pelzgeschäft von Peter Neugebauer, aber trotz intensiver Suche hat der Fachmann keinen Nachfolger finden können.

Hier kümmern sich Helga Winzinger, Bernadette Fröhlich und Angelika Coring um klassisches Kürschnerhandwerk, ums Nähen und ums Fertigen. Sie erledigen Reparaturen, Änderungen, Maßanfertigungen. Erfüllen Sonderwünsche wie den vor einem halben Jahr, als jemand mit sieben geerbten Bisammänteln zu Peter Neugebauer kam. „So etwas trägt man heutzutage nicht mehr. Das einzige, was wir daraus machen konnten, war eine Decke“, erinnert er sich und zeigt auf seinem Smartphone ein Foto vom eindrucksvollen Ergebnis. „Man braucht halt Phantasie.“

Die Leidenschaft blitzt hinter der randlosen Brille in Neugebauers Augen auf, in solchen Momenten des kreativen Schaffens wäre er gern zehn Jahre jünger. Und müsste sich nicht plagen mit der Frage: Was wird nach 42 Jahren aus dem Geschäft, aus den Angestellten?

Das Problem: Niemand mag sich der Herausforderung annehmen. Die eigenen Kinder sind in anderen Branchen berufstätig, eine europaweite Suche bei Geschäftspartnern blieb ergebnislos. Einen bayernweit aktiven Lieferanten hat Neugebauer kürzlich gefragt, wohin er seine immerhin rund 6000 Kunden, die er alle über die Schließung zum 31. März 2017 per Post informiert hat, vermitteln könne? Der Kollege wusste keine Antwort.

Peter Neugebauer wundert das nicht, er hatte damit gerechnet. „Die Bundespelzfachschule“, weiß er, „hat in drei Lehrjahren nur noch sechs Lehrlinge.“ In ganz München gebe ein kein einziges Pelzgeschäft mehr wie seines, das vom Verkauf über die Sommeraufbewahrung bis zu Reparaturen das komplette Service-Spektrum anbietet. Eventuell würden Kunden bei der Suche nach Alternativen in Fürstenfeldbruck fündig – oder im Raum Nürnberg.

„Der Markt ist total ausgedünnt“, sinniert der gebürtige Münchner. Warum? Peter Neugebauer blickt zurück, auf die Anfänge 1975 bis zum heutigen Tag; versucht, den Wandel zu erklären. „Die Wertigkeit von Pelzen“, glaubt er, „spielt nicht mehr diese Rolle wie früher.“ Urlaube, ein schickes Auto: Derlei sei den Leuten heutzutage wichtiger.

Obwohl, schlecht läuft sein Geschäft nicht, im Gegenteil. „Ich habe alle Höhen und Tiefen erlebt“, zählt Peter Neugebauer auf. Die „gute Zeit“ habe er von 1975 bis 1990 genossen, „dann ging es los mit den aktiven Tierschützern“. Eine schwierige Phase, die bis 1995 dauerte. „Dann kamen die Samtnerze“, erläutert der 64-Jährige den Trend und präsentiert einige Beispiele: Weil der klassische Nerz als nicht mehr zeitgemäß ausgedient habe, wurde daraus einfach ein Samtnerz. Dabei wird dem Nerz das Wollhaar gelassen, das Kranenhaar indes gerupft. Die Optik: nicht mehr animalisch, sondern samtig. Federleicht zu tragen, genauso warm, topmodern. Solche Umwandlungen wurden immer gefragter – weshalb es spätestens ab 2000 mit dem Geschäft wieder steil bergauf ging.

Davon zeugen auch Dankesbekundungen prominenter Kundinnen. Unter dem Meisterbrief sind handsignierte Fotos von Carolin Reiber zu sehen und von den Kessler-Zwillingen; außerdem eine Kinderzeichnung mit Herzchen für eine Sonderanfertigung.

Beim kritischen Blick zurück vergisst Peter Neugebauer auch seine Zeit als Kürschnerlehrling nicht. Als er plötzlich einen Leoparden vor sich auf dem Tisch liegen hatte. „Ich dachte mir, mein Gott, so ein edles Tier, muss das sein? Ich bin froh, dass diese Zeiten längst vorbei sind.“

Auch, wenn Pelz heute im Vergleich zu früher an Relevanz eingebüßt hat, an Arbeit mangelt es Peter Neugebauer und seinen Angestellten nicht. Was für diese besonders traurig ist, weil sie hierzulande keine Alternative haben. „Wir stehen vor dem Nichts“, sagt Helga Winzinger, laut Neugebauer „die beste Kürschnerin, die ich in 40 Jahren erlebt habe“. Ihre Kollegin Bernadette Fröhlich ergänzt: „Unseren Beruf gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht hier – der wurde nach Asien verlagert, wo Tiere unter schlimmsten Bedingungen gezüchtet werden.“ Ihre Befürchtung, was die berufliche Zukunft angeht: „Wir sind menschliche Dinosaurier.“

Diese Entwicklung treibt Peter Neugebauer fast die Tränen in die Augen. „Es ist echt ein Jammer. Ich hätte so gern einen jungen, dynamischen Kürschner als Nachfolger gehabt.“ Dass sich doch noch jemand meldet? „Das wäre ein kleines Wunder.“ Daran glauben mag Peter Neugebauer kaum. Weshalb sein Zeitplan vorsieht, dass er nur noch bis Weihnachten Arbeiten annimmt. Und am 31. März 2017 zusperrt, nach 42 Jahren. Endgültig.

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