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Josef Wilfling hat etwa 100 Mordfälle bearbeitet.

Lesung mit Josef Wilfling

Die Faszination des Bösen

Unterhaching - Zum Abschluss der „Mordswochen“ ging es um die harte Realität. Denn im Gegensatz zu den Geschichten der Krimi-Autoren, die im Oktober in der Gemeindebücherei zu Gast waren, standen diesmal Fälle im Mittelpunkt, die tatsächlich passiert sind.

Es gibt Fälle, „die kann ein Autor gar nicht erfinden“, wie Josef Wilfling eingangs sagte. Der ehemalige Leiter der Münchner Mordkommission, einer der bekanntesten Ermittler Deutschlands, begann nach seiner Pensionierung mit dem Schreiben, wurde zum Bestsellerautoren. „Verderben. Die Macht der Mörder“ (Heyne-Verlag) ist sein drittes Buch. Darin geht es um einige spektakuläre Fälle aus Wilflings Zeit und um das, was eine grausame Tat nach sich zieht: das lebenslange Leid der Angehörigen der Opfer und auch die Stigmatisierung der Familie des Täters.

Josef Wilfling hat viele Familien zerbrechen sehen. „Es bleiben immer Fragen, Vorwürfe, Selbstzweifel.“ An dem von Autor Uwe Gardein moderierten Abend machte der Kriminaler dem Publikum in der voll besetzten Bücherei an vielen Beispielen, mit Zahlen und Statistiken deutlich, wie schnell es mit der Faszination des Bösen, die Krimis so populär macht, vorbei ist. Nämlich dann, wenn eine grausame Tat im eigenen Umfeld geschieht, in der Nachbarschaft oder gar in der eigenen Familie. „Dann kommt die Angst.“ Die Art der Tötungen? „Alles, was man sich vorstellen kann.“

80 Prozent der Taten, weiß der Ex-Ermittler, werden mit dem Messer begangen, die Hälfte davon wiederum mit dem Küchenmesser. 22 Jahre, von 1987 bis 2009, war Wilfling bei der Münchner Mordkommission, die letzten sieben Jahre als deren Leiter. 1211 Tötungsdelikte hat es in dieser Zeit im Zuständigkeitsbereich gegeben, 850 davon Versuche, die „manchmal sogar noch schlimmer sind“, sagte Wilfling und erzählte von dem Mann, der seine Frau skalpierte. Sie überlebte, aber entstellt und bis an ihr Lebensende traumatisiert. An die 100 Fälle hat Wilfling bearbeitet, darunter viele besonders aufsehenerregende wie den Sedlmayr- oder den Moshammer-Mord. Der Ermittler und sein Team haben den Serienmörder Horst David überführt, der ihm, wie Wilfling erzählte, sogar eine Zeit lang Postkarten zu Weihnachten und zu Ostern schickte und sich für „die faire Behandlung“ bedankte. Sieben Morde hat David gestanden, doch der Kriminaler ist überzeugt: Die Taten liegen „im zweistelligen Bereich“. 70 Prozent aller Täter seien zuvor unbescholtene Menschen gewesen, ohne schwere Kindheit. Kriminelle Energie entstehe in diesen Fällen „Anlass bezogen“. 90 Prozent „unserer Kundschaft“ seien Männer, sagte Wilfling. „Gewalt ist eine Domäne der Männer.“ Männer töteten „um zu behalten, Frauen, um loszuwerden“.

Manchmal brachte der Autor die Zuhörer mit seiner offenen Art zum Lachen, das den Besuchern dann aber rasch wieder verging, angesichts der grausamen Fälle. Immerhin, die Zahl der Tötungsdelikte sei in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Einer der Gründe sei die hohe Aufklärungsquote (in München liegt sie bei etwa 95 Prozent), die weit abschreckender sei als eine hohe Strafe. DNA-Spuren leisten dazu einen großen Beitrag. „Sie haben auch vielen Unschuldigen schon geholfen.“ Allerdings, sagte Wilfling mit Blick auf den aktuellen Fall einer verunreinigten DNA-Spur im Zusammenhang mit dem NSU-Mörder Uwe Böhnhardt und der ermordeten Peggy, seien sie „Segen und Fluch zugleich“. Eine DNA-Spur allein reiche ohnehin nicht aus, um einen Täter zu überführen, sie müsse stets „tatrelevant“ sein.

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