Camp mitten in der Stadt

Protest: Das wollen Flüchtlinge am Sendlinger Tor erreichen

München - Seit Mittwoch campieren dutzende Flüchtlinge am Sendlinger Tor. Die jungen Männer demonstrieren für mehr Rechte. Ein Ende ist nicht abzusehen. Eine Zuspitzung der Szene ist möglich.

Die Aktion erinnert an die dramatischen Szenen der Hungerstreiks an Rindermarkt und Sendlinger Tor – auch, weil die gleiche Gruppe hinter dem Protest steht.

Am Mittwochabend sind sie gekommen. Und nichts deutet darauf hin, dass sie bald wieder gehen: Etwa 40 Flüchtlinge, allesamt junge Männer, sitzen am Donnerstagnachmittag auf dem Platz an der Tram-Haltestelle Sendlinger Tor. Sie haben Isomatten und Schlafsäcke dabei, zwei Pavillons sind aufgestellt, ein Biertisch. Auf dem Boden liegen Plakate. „Die Mauern der Festung Europa wackeln. Helfen wir, sie einzureißen“, steht auf einem.

Männer aus verschiedenen Ländern protestieren gemeinsam am Sendlinger Tor.

Muhammad ist der Sprecher der Gruppe. Der junge Mann mit dem grauen T-Shirt und dem schwarzen Bart war schon bei den großen Münchner Flüchtlingsprotesten 2013 und 2014 dabei. Das eine Mal, am Rindermarkt, endete ein Hungerstreik dramatisch. Die Stadt ließ das Camp durch die Polizei gewaltsam räumen, als mehrere Flüchtlinge bewusstlos waren und nach Einschätzung der Behörden in Lebensgefahr schwebten. Muhammad war auch im Herbst 2014 am Sendlinger Tor dabei, als ebenfalls Flüchtlinge sich weigerten zu essen und zu trinken. Damals führte OB Dieter Reiter (SPD) selbst vor Ort Gespräche mit den Männern, konnte Flüchtlinge nach einer langen Nacht überzeugen, die Bäume zu verlassen, auf die sie geklettert waren.

Droht jetzt wieder dramatische Zuspitzung? 

Drohen nun wieder solche Szenen? Muhammad auf jeden Fall wirkt nicht, als würde die Gruppe schnell wieder abziehen. 64 Flüchtlinge, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung, hätten die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag auf dem Platz verbracht. Jetzt, am Donnerstagnachmittag, mögen es 30, 40 Männer sein, die in der Sonne oder unter den zwei Pavillons ausharren. „Wir kommen aus ganz Deutschland, nicht nur aus Bayern“, betont Muhammad. 2014 hätten die Politiker ihnen versprochen, dass die Bedingungen für Flüchtlinge besser werden. „Aber nichts hat sich verbessert“, sagt er. „Jeder Mensch soll die gleichen Rechte haben.“ Die Männer wehren sich zum Beispiel gegen alle Abschiebungen.

So wie die junge Münchnerin, die am Infostand sitzt und ständig Passanten erklären muss, worum es hier eigentlich geht. Sie trägt Nasenring und Unterarm-Tätowierung. Und sagt bestimmt: „Es ist sauwichtig, die Leute hier zu unterstützen. Sie sollten die gleichen Rechte haben wie deutsche Staatsbürger auch.“

Muhammad sagt, man bleibe auf jeden Fall, bis ein verantwortlicher Politiker mit der Gruppe spreche. Über weitere Aktionen – auch einen Hungerstreik schließt er nicht aus – entscheide man gemeinsam in der Gruppe.

Das Kreisverwaltungsreferat hat die Dauer-Kundgebung bis zum nächsten Mittwoch, 14 Uhr, genehmigt. Eine Verlängerung ist möglich. Allerdings hat man offenbar auch in der Stadtverwaltung die dramatischen Szenen der vergangenen Jahre im Kopf – und strenge Auflagen erlassen. So dürfen die Demonstranten nur einen eng begrenzten Raum nutzen, zwar bis zu sechs Pavillons aufstellen, die müssen aber offen einsehbar sein. Die Kundgebung darf auch nicht durch Plakate abgeschirmt werden, nachts muss es ruhig sein.

Flüchtlinge campieren aus Protest in München: Bilder

An diesem Donnerstagnachmittag ist die Szenerie ohnehin friedlich. In der Nähe parkt ein Streifenwagen, die Sonne scheint, man hört die Vögel und das Brummen der Sonnenstraße. Wie die Münchner zu dem Protest stehen, wie sich die Stimmung verändert hat im Vergleich zu 2013 und 2014? Das ist an diesem Mittag schwer zu sagen. Wegen Bauarbeiten fährt hier kaum eine Tram, es sind nur wenige Fußgänger unterwegs. Die, die stehen bleiben, reagieren sehr unterschiedlich. Manche fragen die handvoll linken Unterstützer, wie man helfen könne („Wasser! Schlafsäcke!“). Viele schimpfen aber auch, haben überhaupt kein Verständnis. „Ihr könnt doch froh sein, dass ihr hier seid und etwas zu essen habt!“, ruft eine ältere Dame im orangenen Kleid den Männern zu. „Wir haben so viel für euch getan!“

Viele Anlieger am Nussbaumpark scheint aber gar nicht besonders zu interessieren, dass dort ein paar dutzend Männer ruhig auf dem Platz sitzen. Vor dem nahen 23-Stunden-Imbiss „Silal“ sitzen zwei zwei Jungs, schaufeln Döner-Teller in sich hinein und debattieren aufgeregt. Wenn man nahe kommt, kann man hören, was sie so erregt: Fußball.

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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