Pfarrer Friedemann Steck in seinem Element.

Interview mit dem Organisator des Vespa-Corso

Pfarrer: „Vespa-Fahren ist der Himmel auf Erden“

München - Er ist Pfarrer, und sein Roller ist seine Leidenschaft: Friedemann Steck spricht im Interview über die Stadt-Flitzer und den „Vespa-Corso“.

Die Vespa gehört zu München mindestens so sehr wie zu Italien – das wird man am Donnerstag erleben. Dann feiern die Münchner Roller-Fans mit einem großen Corso in Schwabing Saisonauftakt. Initiator ist der evangelische Pfarrer Friedemann Steck (47), selbst passionierter Vespa-Fahrer. Wir haben mit ihm über seine Leidenschaft gesprochen.

Die Vespa wird dieses Jahr 70 Jahre alt. Was glauben Sie – wird in 70 Jahren noch Vespa gefahren?

Pfarrer Friedemann Steck: Also da bin ich mir ganz sicher.

Was macht die Faszination Vespa aus?

Steck: Die Vespa ist nicht nur ein Roller, der einen von A nach B bringt. Es steckt eine eigene Lebensphilosophie dahinter, italienisches Lebensgefühl. Der Vespafahrer hat seine eigene Saison. Im Frühjahr holt er bei den ersten Sonnenstrahlen seine Maschine aus der Garage. Und mit Ablauf des Herbstes verschwindet sie wieder.

Das klingt schon fast nach einem kleinen Ritual.

Steck: Ja, das ist auch ein wenig der Gedanke hinter dem Vespa-Corso. Dass wir gemeinsam den Saisonauftakt bestreiten. Auch wenn das Wetter in den letzten Tagen noch nicht so recht mitspielen will. (lacht)

Was ist beim Corso-Fahren wichtig?

Steck: Beim Corso geht es nicht darum, möglichst schnell zu fahren. Es soll eher der Augenblick genossen werden. Auf der Leopoldstraße ist eine Fahrbahn für uns freigehalten. Vielleicht kann man das mit dem Ein- und Ausschreiten eines Brautpaares in die Kirche vergleichen. Ich gebe den Paaren immer gerne den Rat, diesen Weg langsam zu gehen und jeden Schritt zu genießen. Alle Eindrücke und Gefühle wahrzunehmen, den Moment bewusst zu erleben.

Sie selbst besitzen auch mehrere Vespas.

Steck: Ja, zwei Modelle Baujahr ’84 und ’85 und ein neueres. Letzteres ist eher für den Alltag, die anderen beiden sind Schmuckstücke. Im Sommer gehört die Vespa zum normalen Alltag. Viele Wege, wie zur Universität oder auch zu Trauergesprächen, lege ich mit ihr zurück.

Wann haben Sie Ihre erste Vespa gekauft?

Steck: Ich bin nach der Schule als 19-Jähriger für ein Jahr nach Palermo gegangen. Bereits in der zweiten Woche hatte ich gehört, dass ein junger Italiener seine Vespa verkaufen will. Ich habe sie mir angeschaut und nach einer Nacht Bedenkzeit habe ich sie schließlich gekauft. Es war Liebe auf den ersten Blick, und eine unerwartete Liebe. In Deutschland hatte ich vorher mit Mopeds und Rollern nichts zu tun. Aber es war der Start für ein wunderbares Jahr in Palermo und eine langanhaltende Leidenschaft. Ich verbinde heute noch viele Erinnerungen mit ihr.

Was sind das für Erinnerungen?

Steck: In Palermo war ich in der Einrichtung, in der ich gearbeitet habe, unter anderem für den Transport der neuen Gasflaschen zuständig. Und das habe ich mit meiner Vespa erledigt. Die Flasche wurde vorne auf dem Trittbrett zwischen die Beine geklemmt, und los ging’s. Selbst den Christbaum habe ich so transportiert. Die Vespa hat aber auch einiges mitgemacht.

Inwiefern?

Steck: Es wurden immer wieder Teile geklaut, das eine Mal sogar die Sitzbank. Und mehrere Unfälle gab es auch. Sie war nach dem Jahr in Palermo schon recht ramponiert.

Klingt nach einem gefährlichen Vergnügen.

Steck: In Städten wie Palermo und Rom gibt es eine große Anzahl an Vespas im Verkehr. Man steht vorne an der Kreuzung und alles drängt, jeder will der Erste sein. Das ist dann natürlich weniger romantisch.

Kann man das Vespa-Gefühl auch in München bekommen?

Steck: Auf jeden Fall. Wenn an einem Sonntagmorgen die Leopoldstraße noch leer ist, man am Siegestor vorbeifährt und weiter auf die Ludwigstraße – dann ist das schon fast eine italienische Kulisse. Auch in Vierteln wie Gern mit den Kopfsteinpflastern und seinen Alleen.

Ist München also eine Vespa-Stadt?

Steck: In erster Linie ist München sicherlich eine Auto-Stadt. Aber ich denke schon, dass auch die Vespa dazugehört.

Gibt es einen bestimmten Zusammenhalt unter Vespa-Fahrern?

Steck: Es gibt mehrere Vespa-Clubs in München. Allgemein kann man sagen, dass die Freude an den Vespas sehr verbindend wirkt. Aber Vespa-Fahrer sind Individualisten. Viele basteln allein in den eigenen Garagen an ihren Maschinen. Umso besonderer sind Veranstaltungen wie der Corso.

Schrauben Sie auch selbst an Ihren Vespas?

Steck: Da fehlt mir, um ehrlich zu sein, die Werkstatt und auch das Geschick. In Palermo musste ich wegen der Schlaglöcher öfter mal die Räder tauschen. Hier bringe ich sie doch eher zur Werkstatt. Doch gerade mit meinen beiden Söhnen würde ich schon gerne selbst an den Maschinen arbeiten. Das ist etwas, das ich noch in Angriff nehmen möchte.

Also ist die Vespa-Begeisterung auch auf Ihre Familie übergeschwappt?

Steck: Bei meinen beiden Söhne auf jeden Fall. Sie sind Teenager, sehr begeistert und fahren auch gerne mit in die Werkstatt. Meine Frau eher weniger. Ihr ist der Spaß dann doch zu gefährlich.

Wenn Ihre Söhne mal selbst fahren, was überwiegt: die Freude oder die Sorge als Vater?

Steck: Die Freude. Es ist doch etwas sehr Schönes, wenn man die eigene Leidenschaft teilen kann. Es ist auch wichtig den Kindern etwas Unbeschwertes mitzugeben und nicht nur Warnungen auszusprechen.

Früher in Palermo gab es beispielsweise noch keine Helmpflicht. Da hat man den Helm nur im Winter getragen – und dann auch eher als Kälteschutz. (lacht) Aber um die Sicherheit soll es natürlich auch beim Corso gehen, denn als motorisiertes Zweirad ist man meistens der schwächste Verkehrsteilnehmer.

Gibt es viele verschiedene Modelle beim Corso?

Steck: Das ist in der Tat bunt gemischt. Viele Sammlerstücke, in den unterschiedlichsten Farben. Auch selbst restaurierte Maschinen, in teilweise ganz neuen Farben. Da sieht man dann auch den ganz persönlichen Zuschnitt. Und hinter diesem stecken oft Geschichten.

Die Vespa wird also mit besonderen Erlebnissen verbunden?

Steck: Das ist etwas, dass ich immer wieder beobachte. Oft stehen die Vespas für bestimmte Lebensphasen. Die können sowohl von Glück als auch von Pech geprägt sein. Letztes Jahr habe ich einen jungen Italiener kennengelernt. Seine Maschine war komplett schwarz und hatte am Trittbrett und vorne an der Blende schwarze Netze. Darauf war eine schwarze Spinne geschweißt. Er nannte sie auch die „schwarze Spinne“. Dahinter steckte eine traurige Geschichte. Der Mann war an Krebs erkrankt und hatte die Vespa während seiner Krankheit gebaut. Die „schwarze Spinne“ war das Symbol für den Krebs. Inzwischen hat er die Krankheit besiegt. Und wenn er jetzt seine Vespa beim Anlassen tritt, dann ist es als würde er die Krankheit – also die „schwarze Spinne“ – erneut treten.

Feiern Sie beim Corso auch den Vespa-Geburtstag?

Steck: Wir wollen dieses Ereignis besonders zelebrieren. Das Café Münchner Freiheit stellt uns eine große Torte, die wir im Anschluss anschneiden. Der Saxophonist Enrico Sartori spielt mit seiner Gruppe und eine Sopranistin haben wir auch. Wir wollen ein wenig Italien nach München holen.

Warum findet der Corso an Christi Himmelfahrt statt?

Steck: Die Idee passt gut zum Feiertag. Er liegt im Mai und man verbringt ihn unter freiem Himmel. Auf der Vespa kann man dann erleben, was man eben auch oft sucht: Freiheit, Leidenschaft, grenzenlose Freude an der Welt und dem Dasein. Ein Stück weit holt man auf der Vespa den Himmel auf die Erde zurück.

Das Interview führte Lisa-Marie Birnbeck.

Der Vespa-Corso

Start ist am Donnerstag um 12 Uhr. Treffpunkt ist vor der Erlöserkirche, Germaniastraße 4. Nach einer kurzen Andacht geht es über Leopold- und Ludwigstraße.

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