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Schneiderin, Zuhörerin und Modeberaterin in einer Person: Hannelore Scherer vor ihrem Maßhemden-Fachgeschäft am St.-Jakobs-Platz. 

Schneiderin Hannelore Scherer

„Ich bin ein bisschen ein Engel“

Das Maßhemden-Fachgeschäft am St.-Jakobs-Platz ist für Hannelore Scherer Arbeitsplatz und Familienersatz zugleich. Hier, zwischen Stoffen, Knöpfen und Tüchern, umsorgt die Schneiderin ihre Kunden.

Den Laden eröffnete sie vor 35 Jahren, als sie nach mehreren Schicksalsschlägen einen Neuanfang wagte. Für ihre Kunden ist sie immer erreichbar, denn sie sind ihr wie eine große Familie. Als Scherer ein Kind war, starb ihr Adoptivvater. Später kamen drei Lebensgefährten bei Verkehrsunfällen ums Leben. Zeitweise glaubte die Münchnerin, es laste ein Fluch auf ihr. Ein Gespräch über Schicksalsschläge und die Suche nach dem Glück.

Sie führen seit fast 35 Jahren Ihr Geschäft. Nach schweren Schicksalsschlägen scheint der Laden zu einem Fixpunkt in Ihrem Leben geworden zu sein.

Ich habe viel Gutes und Schwieriges erfahren in meinem Leben. Ich habe drei Männer durch Verkehrsunfälle verloren. Aber ich habe nie aufgegeben. Das Geschäft habe ich eröffnet, weil ich einfach sesshaft werden wollte. Ich war so viel unterwegs und wollte nach den Todesfällen eine Heimat haben. Hier habe ich meine Ersatzfamilie gegründet. Früher habe ich als Mannequin gearbeitet. Dabei habe ich in den Modehäusern die Kleidung nicht nur vorgeführt, ich habe dann auch immer die Leute beraten. Die fanden, dass ich das liebevoll und mit viel Herzblut gemacht habe.

Welche Rolle spielt die persönliche Beratung?

Geschäfte, in denen man Hemden kaufen kann, gibt es überall. Das hier ist ein kleiner Laden. Die Leute mögen, dass ich mich um sie bemühe. Jeder Kunde kriegt ein Bonbon oder einen Kaffee. Und eine Umarmung, denn eine Umarmung kostet nichts und sie zeigt Wertschätzung. Die Kunden sind für mich ein Familienersatz. Ohne den Laden könnte ich nicht leben. Die Kunden werden bei mir herzlich empfangen. Ich bin ein Kümmerer. Das mögen sie.

-Haben Sie Schneiderin gelernt?

Das Schneidern habe ich mir selbst angeeignet und Vieles aus Erfahrung gelernt. Eigentlich bin ich Designerin. Früher war ich als Vertreterin für Hemdenfimen tätig. Aus dieser Zeit habe ich auch viele Kontakte. Firmen schicken mir Spezialfälle, die sie selbst nicht machen können.

Sie haben eine riesige Auswahl an Stoffen.

Ich habe allein 1800 Stoffe da. Ich bin auch eine Sammlerin und habe 500 Manschettenknöpfe. Es gibt unterschiedlichste Kragen- und Manschettenformen. Ich messe die Kunden genau aus. Diese Vielseitigkeit macht mir Spaß, das zeichnet auch meine Arbeit aus. Hemden kann man auch weiter oder enger machen. So lassen sich Lieblingshemden erhalten. Mit einem passenden Hemd kann man auch die Persönlichkeit eines Menschen unterstreichen.

Sie bieten einen Service an, den es in Kaufhäusern oder großen Modeketten nicht gibt. Was zum Beispiel?

Wir besticken zum Beispiel nach Wunschvorlage Taschentücher, Taufkleider, Handtücher, Hemden. Es gibt fast nichts, was wir nicht besticken könnten. Man lernt immer dazu. Das ist das Tolle an dem Beruf. Wir machen Trachtenhemden für die Wiesenwirte und für Kapellen, wir schneidern für Fernsehserien wie „München 7“ oder „Der Bergdoktor“. Das hier ist ein Laden, den es heute im Grunde gar nicht mehr gibt.

-Welche Hemden sind bei Ihren Kunden besonders gefragt?

Ich sag’ immer: Modern ist, was der Kunde will. Geht nicht gibt’s nicht, und was nicht passt, wird passend gemacht.

Für Sie war das Geschäft wie ein Neustart, oder?

Ja. Angefangen habe ich in Neuhausen, dann war ich in der Borstei. Seit 2008 bin ich am St. Jakobs-Platz. Der liebe Gott hat mich an die richtige Stelle gesetzt.

Sie haben viel Herzblut in Ihren Laden gesteckt. Machen Sie sich schon Gedanken, wie es mit dem Geschäft einmal weitergeht?

Ich habe mich ganz schön hochgearbeitet. Bei so einem kleinen Laden muss man richtig kämpfen. Es ist schwierig, einen Nachfolger zu finden. Jemanden, der das auch mit viel Liebe und Herzblut macht. Vielleicht jemand, der auf die Meisterschule für Mode geht. Der könnte erst bei mir hier lernen. Ich weiß, wo es die Knöpfe und Stoffe zu kaufen gibt. Das wäre gut.

Sie sind auch ehrenamtlich sehr engagiert. Was machen Sie?

Ich sammle Altkleidung für Obdachlose. Kunden geben bei mir gebrauchte Hemden und Unterhemden ab, die spende ich dann Obdachlosen. Die Sachen müssen aber natürlich alle sortiert werden. Wenn mir da jemand helfen würde, wäre es einfacher. Vielleicht findet sich ja jemand? Mein Lebensgefährte ist sehr krank. Ich begleite ihn zum Arzt oder ins Krankenhaus. Deswegen bin ich auch vormittags nicht im Laden, sondern immer erst ab 15 Uhr.

Bei den schweren Schicksalsschlägen in Ihrem Leben – was hat Sie davor bewahrt aufzugeben?

Der Glaube. Und meine Mutter hat mir beigebracht: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Es gibt ja den Pater Rupert Mayer, den habe ich immer bei mir. Er hilft mir. Ich muss ja stark sein für meine Kunden und für meinen Lebensgefährten. Ich habe damals, nach dem Tod meines dritten Partners, Pater Rupert Mayer gebeten, dass er mir jemanden schickt, der mich wirklich braucht. Dann habe ich meinen Lebensgefährten kennengelernt. Wir sind jetzt seit fast 30 Jahren zusammen.

Fragen Sie sich manchmal, warum das Schicksal Sie so hart getroffen hat?

In schweren Stunden habe ich schon gedacht: Warum trifft mich das? Von Roger Whittaker gibt es das Lied „Abschied ist ein scharfes Schwert“. Das stimmt. Ich muss sehr mit mir kämpfen. Aber es gibt so viele Leute, denen es schlechter geht. Unter jedem Dach gibt es Leid. Die Leute erzählen mir davon. Das gibt mir und ihnen Kraft. Ich bin eine gute Zuhörerin.

Würden Sie sagen, Sie sind trotz allem ein glücklicher Mensch?

Ja. Weil ich Menschen Kraft geben kann. Sie spüren, dass ich ein bisschen ein Engel bin. Deswegen schenken sie mir auch manchmal kleine Engel.

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