„Hör nicht auf“ heißt der Song, mit dem Freunde Benedikt Toth auf Youtube Mut machen. Der Screenshot zeigt eine Szene aus der Schlusssequenz des rund fünfminütigen Videos. Quelle: Matthi Birkmeyer / fkn

Mordfall Böhringer

Auf dem Corso Leopold: Konzert für einen verurteilten Mörder

München - Auf dem Corso Leopold im September wollen Freunde und Familie musikalisch für die Unschuld von Benedikt Toth werben. Was hinter der Aktion steckt und was die Stadt dazu sagt.

Eine bunte Mischung aus Kunsthandwerk, Literatur, Musik und Schauspiel – so sieht der Corso Leopold normalerweise aus. Eine Veranstaltung dürfte diesmal aus dem Rahmen fallen: Am 11. September findet auf dem vom Kulturreferat mitfinanzierten Festival ein Unterstützungskonzert für einen rechtskräftig verurteilten Mörder statt.

Es geht um Benedikt Toth und einen Mord, der inzwischen zehn Jahre zurückliegt. Am 15. Mai 2006 wurde die Millionärin Charlotte Böhringer im Penthouse über ihrem Parkhaus nahe dem Isartor erschlagen. Am Ende eines langwierigen Prozesses befand das Landgericht München I im Jahr 2008 schließlich: Schuldig sei Böhringers Neffe Benedikt. Er habe seine Tante ermordet, weil er befürchtet habe, wegen des Abbruchs seines Jurastudiums enterbt zu werden. Das Gericht verurteilte den damals 33-Jährigen zu lebenslanger Haft. Toth dagegen beteuert bis heute seine Unschuld.

Ein spektakulärer Indizienprozess

Das Urteil beruht auf Indizien, einen eindeutigen Beweis für Toths Schuld gibt es bis heute nicht. Vielmehr gibt es auch Spuren, die Zweifel an Toths Schuld zulassen. Seit seiner Verhaftung setzen sich Freunde und Familie für ihn ein und verlangen, dass der Prozess wieder aufgerollt wird – bislang vergeblich. Selbst das Bundesverfassungsgericht hat es abgelehnt, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Aufgeben will die Familie trotzdem nicht.

In den USA ist so etwas nicht Ungewöhnliches

Seit gut einem Jahr hat sie sogar einen PR-Berater für ihr Anliegen engagiert: Terry Swartzberg, Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde in München, hat mit seinem Engagement für die Stolpersteine bundesweit für Aufsehen gesorgt. Nun rührt er die Werbetrommel für Toth. Swartzberg, der unter anderem die Website freebenedikt.com gestartet hat, hatte auch die Idee zum Konzert auf dem Corso Leopold. In den USA, sagt der gebürtige New Yorker, seien Unterstützungskonzerte für Inhaftierte nichts Ungewöhnliches.

Dargeboten werden aufmunternde Lieder

„Hör nicht auf“ – so heißt einer der Songs, die am 11. September ab elf Uhr für Toths Unschuld werben sollen. Geschrieben hat ihn Matthi Birkmeyer, Profimusiker und einer von Benedikts besten Freunden. Ein Mutmach-Song mit eingängiger Melodie; im dazugehörigen Video singt eine ganze Gruppe von Freunden mit. Sie halten Schilder in die Kamera, auf denen „Kämpfe weiter“ und „Wir denken an dich“ steht. Neben Birkmeyer haben auch die Leipziger Combo „Norma und Band“ sowie der Berliner Komponist Sebastian Oswald Lieder für Benedikt Toth geschrieben. Zusätzlich zum Konzert wird es laut Swartzberg auf dem Corso weitere Aktionen geben: Wer aufmunternde Botschaften an Benedikt auf ein Blatt Papier schreibt und sich damit fotografieren lässt, bekommt ein T-Shirt. Auch Buttons mit der Aufschrift „Free Benedikt Toth“ sollen verteilt werden.

Schwere Vorwürfe gegen den Richter

Benedikts Bruder Mate Toth hält die Aktion für „eine gute Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen“. Auch Benedikt freue sich über die Idee. Mit dem Konzert wolle man Menschen erreichen, die vom Fall seines Bruders noch nicht oder nur wenig gehört hätten. „Wir können uns nicht damit zufrieden geben, dass die damit durchkommen“, sagt Mate Toth. Mit „die“ meint er die bayerische Justiz, insbesondere Richter Manfred Götzl, der Benedikt damals verurteilte. Götzl, sagt Mate, sei ein „Rechtsverdreher“, das Urteil ein „Rechtsbruch“.

Es gibt Spuren, die ihn entlasten

Tatsächlich gibt es Spuren, die seinen Bruder entlasten: Benedikt Toth ist Linkshänder – die tödlichen Schläge wurden laut Gutachten jedoch von einem Rechtshänder geführt. Einen Lügendetektortest bestand er. Und dann gibt es da noch eine rätselhafte DNA-Spur: Die wurde an einem Weinglas und einer Kommode in der Wohnung der Tante gefunden und stimmt mit einer DNA-Spur vom Mord an der zehnjährigen Ursula Herrmann im Jahr 1981 überein. Wie die Fälle zusammenhängen und wer aus dem Glas getrunken hat, wurde nie geklärt.

Ekkehard Pascoe, Vorstandsvorsitzender des Corso Leopold, sagte, er stehe dem Konzert für Benedikt Toth „skeptisch gegenüber“. Sein Freund Terry Swartzberg habe ihn darum gebeten. „Die Aktion liegt in seiner Verantwortung. Als Corso Leopold fühlen wir uns nicht als Teil dieser Kampagne.“ Trotzdem habe man gemeinsam im Vorstand entschieden, das Konzert zu ermöglichen. Schließlich sei man „eine kulturelle Plattform für unterschiedliche Meinungen“. Geld habe man dafür nicht bekommen. Er wolle sich im Fall Toth kein Urteil anmaßen, so Pascoe. Aber: „Es gibt tatsächlich Zweifel. Die sollte man auch artikulieren dürfen.“

Das Kulturreferat distanziert sich

Das Kulturreferat, das den Corso Leopold teilfinanziert, distanzierte sich von dem Unterstützungskonzert. Die Finanzierung von 1250 Euro pro Tag „umfasst nicht diese Einzelveranstaltung“, so Pressesprecherin Jennifer Becker.

Katharina Mutz

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Hirschkuss Vogelgezwitscher</center>

Hirschkuss Vogelgezwitscher

Hirschkuss Vogelgezwitscher
<center>Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017</center>

Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017

Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017
<center>Christbaumschmuck "Gemse" mundgeblasen</center>

Christbaumschmuck "Gemse" mundgeblasen

Christbaumschmuck "Gemse" mundgeblasen
<center>Die Knödel-Revolution</center>

Die Knödel-Revolution

Die Knödel-Revolution

Meistgelesene Artikel

Fliegerbombe: Anwohner weigerten sich, Häuser zu verlassen

München - Mitten auf dem BMW-Gelände in München ist eine 250-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft worden. Ganz reibungslos verlief der Einsatz nicht. Denn …
Fliegerbombe: Anwohner weigerten sich, Häuser zu verlassen

Sie ist die neue Chefin des Olympiaparks

München - Bis zum 31. Dezember ist Arno Hartung noch Chef des Olympiaparks, dann übernimmt Marion Schöne. Die tz stellt Hartung und Schöne vor:
Sie ist die neue Chefin des Olympiaparks

Angeblicher Handwerker bestiehlt mit Komplizen Rentnerin

München - Er gab vor, wegen eines Rohrbruchs das Wasser abstellen zu müssen: Ein Betrüger hat in der Wohnung einer Rentnerin (87) offenbar gemeinsam mit einem Komplizen …
Angeblicher Handwerker bestiehlt mit Komplizen Rentnerin

An Schwabinger Tankstelle geklaut: Wo ist Rocky?

München - Wer hat Rocky gesehen? Der Mischlingshund wurde zuletzt an der Esso-Tankstelle in der Ungererstraße gesehen. Die Besitzer vermuten, dass er geklaut wurde.
An Schwabinger Tankstelle geklaut: Wo ist Rocky?

Kommentare