"Da wird großes Schindluder getrieben"

Ordner auf der Wiesn: Betrug mit gefälschten Zertifikaten

München - Rund 2000 Ordner sollen heuer auf der Wiesn für Sicherheit sorgen. An der Qualifikation mancher Sicherheitsleute bestehen aber offenbar Zweifel: Zertifikate können gefälscht werden - und die Stadt macht das Betrügen leicht. 

Die Internet-Adresse ist lang, aber das Tippen lohnt sich. Die Seite, auf der man landet, ist ein Schlaraffenland für Betrüger. Zu kaufen gibt es Diplome, Berufszertifikate, Doktortitel. Auch wer in der Sicherheitsbranche arbeiten möchte, kann ein Zertifikat bestellen – mit Siegel und Unterschrift der Industrie- und Handelskammer München (IHK). Man muss nur seine Daten eintragen und per Kreditkarte 9,90 Euro bezahlen. Wenig später liegt im Posteingang eine E-Mail mit einer Pdf-Datei – wer jetzt noch wertiges Papier und einen Farbdrucker hat, kann sich sein Zertifikat ausdrucken. „Viele Wiesn-Ordner sind mit diesen gefälschten Zertifikaten angemeldet“, sagt der Chef eines Sicherheitsunternehmens, der anonym bleiben will. „Da wird großes Schindluder getrieben.“

Bei der IHK München ist man auf die Internetseite schon vor Jahren aufmerksam geworden. Bislang ist es der IHK aber nicht gelungen, den Betreibern das Handwerk zu legen – der Server steht in Chicago. Voriges Jahr hat die IHK über 2000 Anwärter im Bereich Sicherheit und Ordnung, Strafrecht, Umgang mit Waffen und Deeskalationstechniken geschult. Rudolf Königsberger ist Leiter des Referats Sach- und Fachkundeprüfungen der IHK München. Er sagt: „Die Sicherheitsbranche boomt seit Jahren. Die meisten Anwärter sind Migranten.“ Das habe mit den niedrigen Voraussetzungen zu tun, um im Bewachungsgewerbe arbeiten zu dürfen.

Die größte Hürde ist die Sprache

Wer als Ordner, etwa auf der Wiesn, eingesetzt werden möchte, muss einen Qualifikations-Nachweis erbringen. Am einfachsten ist es, an einer sogenannten Unterrichtung teilzunehmen. Diese umfasst 40 Stunden. Danach erhält man ein Zertifikat. Einen Abschlusstest gibt es nicht. Es genügt, die Stunden abzusitzen und aufzupassen. Anders bei der weitaus anspruchsvolleren Sachkundeprüfung, bei der man einen Abschlusstest bestehen muss. Die meisten machen die Unterrichtung. „Bei der Sachkundeprüfung hätten sie keine Chance“, sagt IHK-Produktmanager Stefan Geh.

Die größte Hürde ist die Sprache. Voraussetzung für das Unterrichtungs-Zertifikat sind Sprachkenntnisse auf europäischem B1-Niveau. Wer über dieses verfügt, versteht laut Definition die „Hauptpunkte, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit geht“. Die Ordner auf der Wiesn müssen aber mehr leisten. Sie treffen auch auf Menschen, die Dialekt sprechen oder Englisch – und sollen in brenzligen Situationen Deeskalationstechniken anwenden. Schwer vorzustellen mit B1-Sprachkenntnissen.

Seit einigen Jahren sind IHK-Zertifikate mit Hologramm versehen

9,90 Euro hat dieses gefälschte Zertifikat gekostet, das der Autor in Minutenschnelle im Internet gekauft hat.

Von über 1000 Bewerbern erhalten bei der IHK München im Schnitt gut 95 Prozent die Unterrichtungs-Bescheinigung. Die Teilnahme am Kurs kostet 425 Euro, die Sachkundeprüfung inklusive Unterricht 850 Euro. Viel Geld, vor allem für Migranten mit niedrigem Bildungsniveau. „Deshalb drucken sich viele einfach ein gefälschtes Zertifikat aus dem Internet aus“, sagt der Chef der Sicherheitsfirma. „Am Ende stehen dann Leute an den Eingängen und vor den Zelten, die keine Ahnung haben.“ Am ersten Wiesn-Wochenende habe man das sehen können. Auch die Stadt räumte Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Eingangskontrollen ein.

Bei der IHK will man die Arbeit der Ordner nicht bewerten. Das gefälschte Zertifikat schon. Rudolf Königsberger erkennt die Fälschung an kleinen Abweichungen vom Original. „Wer ständig damit zu tun hat, sieht das natürlich.“ Seit einigen Jahren sind die IHK-Zertifikate zudem mit einem Hologramm versehen. Dieses lässt sich quasi nicht fälschen.

Wer in München als Security tätig sein möchte, muss sich beim Kreisverwaltungsreferat anmelden. Vorlegen muss man unter anderem ein polizeiliches Führungszeugnis und das IHK-Zertifikat. Das Problem: Anders als die meisten anderen Kommunen besteht das KVR nicht auf dem Original-Dokument. Es genügt eine Kopie. Das erspart der chronisch überlasteten Behörde viel Aufwand. „Das Einfordern des Originals ist bei mehr als 3000 zu bearbeitenden Fällen in der relativ kurzen Zeit vor dem Oktoberfest nicht umsetzbar“, sagt KVR-Sprecher Johannes Mayer. Königsberger von der IHK sagt: „Die Möglichkeit, eine Kopie hochzuladen, macht es Betrügern leichter. Man muss sich nur mit Photoshop auskennen.“

2531 Ordner haben heuer eine Arbeitserlaubnis für die Wiesn

Zur Wiesn überträgt das KVR die Prüfung der Dokumente dem Veranstaltungs- und Versammlungsbüro (VVB). Sicherheitsfirmen konnten sich dorthin wenden und bekamen einen Code zugeschickt. Über diesen gelangte man auf ein Portal im Internet, dort konnten die Dokumente der Sicherheitsmitarbeiter hochgeladen werden. 2531 Ordner haben heuer so eine Arbeitserlaubnis für die Wiesn erhalten.

Die IHK-Experten halten es für möglich, dass dort gefälschte Zertifikate nicht entdeckt wurden. Denn anders als das KVR hat das VVB nicht rund ums Jahr mit den Sicherheits-Zertifikaten zu tun. Dem KVR ist die Problematik der Fälschungen bekannt. „Bei jedem einzelnen Verdachtsfall fragen wir deshalb bei der Stelle nach, die den Qualifikationsnachweis ausgestellt hat – beziehungsweise ausgestellt haben soll“, sagt Sprecher Mayer.

Wie viele Fälschungen heuer aufgeflogen sind? „Über gefälschte Zertifikate liegen noch keine abschließenden Zahlen vor, die Überprüfungen dauern noch an“, sagt Mayer. Im vergangenen Jahr erstattete das KVR Anzeige gegen ein Unternehmen, das für zwölf Mitarbeiter Fälschungen vorgelegt hatte.

Sicherheitsmarkt ist wie leergefegt

Das Thema Ordner steht heuer besonders im Fokus. Die Stadt hat mehr Kräfte als im Vorjahr engagiert, um die Eingangskontrollen auf dem Oktoberfest durchführen zu können. Allerdings ist der Sicherheits-Markt wie leergefegt, unter anderem weil die Bewachung von Asylunterkünften viel Personal bindet. Die Stadt fand monatelang kein Unternehmen und musste sich auf einen Deal mit Kötter Security einlassen. Zur Frage von gefälschten Zertifikaten teilte das Unternehmen auf Anfrage mit, dass die Unterlagen aller 450 eingesetzten Ordner vom KVR überprüft worden seien. Dabei habe es „keine Gründe zur Beanstandung“ gegeben. Und weiter: „Dieser behördlichen Bestätigung zufolge gibt es hinsichtlich der laufenden Aufgaben beim Oktoberfest folglich keinerlei Probleme mit vermeintlich gefälschten Zertifikaten.“

Auch die Wiesn-Wirte arbeiten mit Sicherheitsfirmen – und immer wieder gibt es Schwierigkeiten. Unter anderem, weil die Fluktuation bei den Mitarbeitern hoch ist. Voriges Jahr wurden gegen Ende der Wiesn die Ordner knapp, so dass die so genannten Masskrugwachen einspringen mussten. Diese sollen eigentlich nur verhindern, dass die Gäste Krüge stehlen. Weil zu wenig Sicherheitspersonal da war, mussten sie zeitweise als Ordner einspringen – dafür war nicht einmal ein gefälschtes Zertifikat erforderlich.

Stadt lehnt 305 Ordner ab

Die Wiesn ist nicht nur ein Hort des Vergnügens, sondern auch Arbeitsplatz für Bedienungen, Schausteller, Wirte – und Sicherheitspersonal. Beim Veranstaltungs- und Versammlungsbüro des KVR haben sich heuer 3193 Ordner angemeldet. Die Stadt musterte 305 Personen aus. Sie konnten die hohen Kriterien nicht erfüllen. Wer als Ordner auf der Wiesn arbeiten möchte, muss ein erweitertes Führungszeugnis vorweisen, das auch in der Vergangenheit liegende Straftaten enthält. Außerdem führt die Polizei zusammen mit der Staatsanwaltschaft Abfragen nach laufenden Ermittlungen und Verfahren durch. Darüber hinaus wird geprüft, ob Anwärter der extremistischen Szene angehören (z.B. Rocker, Salafisten, Rechtsextremisten). 

Die Stadt hat aus Sicherheitsgründen die Zahl ihrer Wiesn-Ordner heuer von 250 auf 450 erhöht. Dienstleister ist das Unternehmen Kötter. Bisher wurden von Kötter 933 Personen gemeldet, davon ist bei 162 Personen die Prüfung noch nicht vollständig abgeschlossen. Bisher wurden 99 Personen abgelehnt. Pro Ordner und Stunde bezahlt die Stadt Kötter 60 Euro.

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