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Werner Stengel hat an über 700 Achterbahnen mitgewirkt. Der gebürtige Bochumer war im Auftrag der Fliehkraft schon auf der ganzen Welt unterwegs. Leben aber, sagt er, wolle er nur in München – der schönsten Stadt der Welt

Achterbahn-Konstrukteur Werner Stengel

Der Adrenalin-Kick auf der Wiesn ist sein Werk

München - Werner Stengel ist einer der bekanntesten Achterbahn-Konstrukteure der Welt, auch den Fünfer-Looping hat er entworfen. Er sagt: „Achterbahnen sind wie eine Symphonie“.

Der 80-Jährige ist ein Enthusiast. Seine Werke stehen in fast jeder Ecke der Welt. An über 700 Achterbahnen war sein Ingenieurbüro beteiligt. Auch der olympische Fünfer-Looping auf der Wiesn stammt aus seiner Feder. Wir trafen Werner Stengel in seinem Büro in Forstenried. Ein Gesprächüber Fliehkräfte, das Oktoberfest und die schönste Stadt der Welt.

Herr Stengel, gehen Sie heuer wieder auf die Wiesn, um mit der Olympia-Bahn zu fahren?

Selbstverständlich! Am Sonntag. Die Wiesn gehört zu München wie der Senf zur Weißwurscht. Ohne geht es nicht.

Wenn Sie an Ihre Lieblingsbahnen denken: An welcher Stelle steht da die Olympia-Achterbahn?

Also unter den wandernden Bahnen ist sie meine Nummer eins, meine absolute Lieblingsbahn. Ohne Zweifel.

Was macht sie so besonders?

Nun ja, es sind fünf Loopings! Am besten gefällt mir der schwarze, der größte Looping. Den können Sie richtig ge-nie-ßen.

Weshalb?

Wenn Sie einen kleinen Looping fahren, passiert das ganz schnell. Hinein, hoch, runter, fertig. Aber den großen schwarzen, da spüren Sie ganz genau, was da eigentlich passiert. Erst geht es langsam, aber mit Hochgeschwindigkeit, aufwärts, sie schauen in den Himmel. Noch herrscht die Erdanziehungskraft. Ab etwa 9 Uhr, also links außen auf halber Höhe, da wechseln Sie allmählich die Lage. Ein wenig später rasen Sie kopfüber. Und danach, wenn Sie wieder hinunterfahren: Airtime! Sie werden schwerelos. Und ganz zum Schluss: fast sechsfache Gravitationskraft. Da wiegen Sie kurzzeitig fast eine halbe Tonne. Herrlich!

Wie kommt eigentlich so eine Bahn zustande?

Häufig kommt ein Veranstalter auf uns zu und sagt: Ich hab diese und jene Fläche, diese Bäume, diese Häuser, diesen See. Hier wollen wir fahren, da soll der Einstieg sein – und zwei Mal überkopf soll es gehen. Und wir fragen natürlich, wie viel Geld zur Verfügung steht. Wir berechnen dann jede Schraube, jede Windung, jede Schweißnaht, das Material und die Statik.

Wie viel kostet denn so eine Achterbahn?

Also bis sie steht, kostet das heutzutage mindestens drei Millionen Euro. Das ist dann aber eine eher kleine Bahn.

Was würde denn heute die Olympia-Achterbahn kosten?

Ich schätze etwa 16 bis 18 Millionen Euro, von der ersten Zeichnung an.

Viele Leute haben Angst vor Achterbahnen. Was sagen Sie denen?

Also sogenannte fliegende Bauten in Deutschland, wie auf dem Oktoberfest, werden regelmäßig kontrolliert. Der TÜV checkt die eigentlich jedes Jahr. Die Autofahrt zum Oktoberfest ist deutlich gefährlicher als die Achterbahnfahrt mit Fünfer-Looping.

Aber es passiert ja hin und wieder etwas.

Ja, aber sehr sehr selten. Leider sind nicht in jedem Land die Sicherheitsstandards so hoch wie in Deutschland. Schließbügel, Schulterbügel, Bremsen, Sicherungsbremsen, Führungsräder, Gegenräder ... Wir haben hier eigene DIN-Normen für die fliegenden Bauten. An einer habe ich sogar mitgearbeitet, an der DIN 4112. Die Waggons können schlicht nicht aus den Gleisen springen. Da könnten sogar die Räder wegfliegen.

Gibt es einen Unfall, an den Sie sich besonders gut erinnern?

Edmonton, Kanada, in der West Edmonton Mall. Eine Bahn mit Dreifachlooping. Es war 1986, eine Tragödie. Drei Menschen starben. Der Entwurf der Bahn stammte aus unserem Büro. Aber es stellte sich zum Glück heraus, dass es nicht unsere Schuld war. Ich flog nach dem Unfall sofort dorthin.

Was war passiert?

Die Räder des letzten Waggons waren gebrochen und lösten sich, was eigentlich nicht passieren kann. Der Waggon flog aus den Gleisen. Während eines langen Gerichts- und Gutachterverfahrens stellte sich heraus, dass der Konstrukteur vor Ort die Gleisabstände überall gleich gehalten hatte. Aber die Waggons hätten in den Kurven schmalere, auf den Geraden etwas breitere Gleise gebraucht. Also presste es die Räder in den Kurven monatelang nach außen weg. Irgendwann gaben sie nach. Ein Wunder, dass die Räder bis zu dem Unfall gehalten haben.

Wie kamen Sie zum Achterbahn-Bau?

Ich hatte zwei Schlüsselerlebnisse. Zum einen 1962, kurz nach meiner Hochzeit. Da war ich mit meiner Frau am Oktoberfest. Dort habe ich mir die Wilde Maus angeschaut, damals eine einfache Holzachterbahn. In der Mitte stand ein Mann, jemand, der zur Not die Bahn mit vier Seilen abbremsen sollte. Und wissen Sie was? Der hatte fünf leere Bierflaschen vor sich liegen.

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Der Gedanke, dass einer, der fünf Bier getrunken hat, im Notfall mit vier einfachen Bremsseilen über so viele Menschenleben wachen soll. Die Szene war ein Ansporn für mich als Ingenieur, die erste sichere Stahl-Achterbahn der Welt zu zeichnen, die ab 1964 auf dem Oktoberfest in Betrieb genommen wurde. 320 000 D-Mark kostete die damals.

Der zweite Moment?

Das war als Kind, mit zwölf Jahren, 1948. Ich stand auf der Kranger Kirmes in der Nähe von Bochum. Ich starrte auf die Holzachterbahn, hatte aber kein Geld, um einzusteigen. Da kam ein Mann ohne Arm, ein Kriegsveteran. Die durften damals eine Person umsonst mitnehmen. Der fragte, ob ich mitfahren möchte. Ich ging nach Hause und konnte die ganze Nacht nicht schlafen, so fasziniert war ich von der Fahrt.

War Ihr Vater auch schon Ingenieur?

Nein. Mein Vater war Schneider, wie mein Großvater.

Sie haben einmal gesagt, das ganze Leben ist wie eine Achterbahnfahrt. Warum?

Sie müssen schon alles erzählen. Ich habe den Satz vervollständigt und die Amerikaner zitiert: „Sometimes you are up, sometimes you are down, sometimes you are upside down.“ Ganz ehrlich, so ist das Leben doch. Und besonders wichtig ist, trotz allem Lächeln zu können. Das Leben ist ein Auf und Ab.

Ist die Achterbahn des Lebens gut konstruiert?

Warren Buffet hat einmal gesagt: Das Leben ist eine Eierstock-Lotterie. Das stimmt auch irgendwie. Keiner kann den Beginn seines Lebens beeinflussen. Aber die Achterbahn-Gleise des weiteren Lebens kann zum Teil jeder selbst bauen. Davon bin ich überzeugt. Ich komme aus sehr ärmlichen Verhältnissen, als Nachkriegskind, habe oft hungern und frieren müssen, war mit meiner Mutter auf der Flucht von Ostpreußen nach Westdeutschland. Wir hatten nichts. Und heute geht es mir zum Glück sehr gut. Jeder ist der Ingenieur seiner Lebens-Achterbahn.

Was bedeutet für Sie Achterbahn-Fahren?

Faszination, Abenteuer, ein Ausbruch aus dem Alltag. Ihr Blut schwappt wild durch die Adern. Ich fand vor allem Geschwindigkeit schon immer toll. Egal ob mit dem Fahrrad, mit dem Auto oder eben mit der Achterbahn, wenn der Wind um die Nase pfeift.

Was wäre das Leben ohne Achterbahn?

Es würde natürlich auch so weitergehen. Aber wann erlebt man schon zeitweise Schwerelosigkeit. Es geht mal links, mal rechts, mal um die Achse, immer eine Überraschung. Das ist wie kollektives Bungee-Springen, wenn der Zug beispielsweise senkrecht hinunterfährt. Da werden Glückshormone und Adrenalin ausgestoßen.

Was macht eine gut konstruierte Bahn aus?

Eine gute Achterbahn ist keine Kotzmühle, sondern wie eine gut komponierte Symphonie – und zwar mit einem Paukenschlag am Ende. Schneller, langsamer, wieder schneller, Schrauben, Loopings, Wenden. Die Abwechslung macht es aus. Und die Betreiber wollen natürlich ganz pragmatisch, dass sie möglichst viele Leute fahren lassen können. Die Bahn muss sich ja lohnen.

Warum heißt es eigentlich Achterbahn?

Weil die ersten Holzbahnen ganz langsam eine Achter-Form fuhren. So fing das alles an, Jahrzehnte vor dem ersten Looping. In Frankreich heißen sie übrigens „Russische Berge“. Hat etwas mit Napoleon zu tun.

Was empfehlen Sie jemandem, der noch nie Achterbahn gefahren ist?

Steigen Sie in den mittleren Waggon. Dort sind die Fliehkräfte am geringsten. Wenn möglich, starten Sie mit kleineren Bahnen, wie etwa in Wolfratshausen. Auf dem Oktoberfest ist die Alpina-Bahn für Einsteiger gut geeignet.

Und wenn ich maximales Abenteuer möchte?

Dann ab in den vordersten Wagen. Da sind die Fliehkräfte am höchsten. Und weil vor Ihnen kein Wagen mehr ist, haben Sie zusätzlich das Gefühl, zu fliegen.

Als weltweit begehrter Ingenieur hätten Sie auch in London oder New York leben können.

Stimmt. Und ich hätte viel mehr Geld verdienen können. Aber München ist die schönste Stadt der Welt. Einerseits ist die Stadt überschaubar. Andererseits haben Sie hier 32 Theater und drei Symphonie-Orchester, so weit ich mich erinnere. Die Stadt besteht aus Menschen mit so unterschiedlicher Herkunft. Bunt gemischt. Dann die Biergärten, der Englische Garten, die geographische Lage – Sie sind schnell in Österreich, Italien, der Schweiz. Ich hab schon die ganze Welt gesehen und will ganz sicher nur in München leben.

Haben Sie noch ein Traumprojekt?

Ja, ich warte immer noch auf den Scheich, der mir 200 Millionen Euro in die Hand drückt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Dann würde ich die größte Achterbahn der Welt bauen lassen, mit einem Einzelwagen. Aber das ist natürlich Illusion.

Interview: Hüseyin Ince

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