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Wiesn-Bedienung Julia Beckert hat einen dritten Gastbeitrag geschrieben. Diesmal geht es ums Geld.

Dritter Gastbeitrag von Julia Beckert

Wiesn-Bedienung: Darum werden wir so grantig beim Thema Geld

München - Über diese eine Frage schüttelt Wiesn-Bedienung Julia Beckert den Kopf: "Stimmt es, dass das Geld, das du im Zelt verdienst, für ein Jahr reicht?" Sie erklärt, was an dem Gerücht wirklich dran ist.

Ihr könnt es euch bestimmt denken: Regnet es die meiste Zeit während des Oktoberfests, schauen die Biergarten-Bedienungen wahrscheinlich nicht so glücklich aus der Bluse oder aus dem Hemd heraus. Regen = weniger Gäste = weniger Umsatz = weniger Verdienst! Im Gegenzug kann natürlich eine sonnige Wiesn für einen prall gefüllten Geldbeutel sorgen. Auch von Zelt zu Zelt gibt es Unterschiede. Doch nicht nur da: Selbst innerhalb der Zelte gibt es Bereiche, die mit mehr oder weniger Umsatz (und dementsprechend auch Geld) locken. Wo es am besten ist, habe ich leider noch nicht herausgefunden. Das liegt an zwei einfachen Gründen: 1. Ich arbeite immer in der gleichen Station und habe deshalb keine Vergleichswerte. Und 2. redet keine Bedienung über den eigenen Verdienst.

Der Irrglaube „Stundenlohn einer Wiesn-Bedienung“

Wie verdutzt einige aus der Wäsche gucken, wenn ich sage, dass Wiesn-Kellner keinen Stundenlohn erhalten, ist mir immer wieder ein Rätsel. Vielleicht auch nur, weil es für mich schon selbstverständlich ist, am Umsatz beteiligt zu sein. Ich erkläre es mal so: Bedienungen arbeiten quasi als Selbstständige und kaufen die Ware (sprich Bier und Essen) ein. Dafür zahlt die Bedienung einen Preis, der etwas unter dem in der Karte angegebenen Preis liegt. Die Differenz, die sich daraus ergibt, ist der Lohn. Dabei würde es auch bleiben, gäbe es nicht eine tolle Sache: Trinkgeld.

In Deutschland ist es üblich, zehn Prozent Trinkgeld zu geben, sofern mit dem Service alles in Ordnung war. Ist man äußerst zufrieden, darf da natürlich gerne aufgestockt werden. Das Gleiche gilt auf der Wiesn: Selbst nach 16 Stress-Tagen sieht man die Bedienungen noch freundlich und flink durch die Gänge huschen. Selbst wenn im großen Gewusel mal das Gesicht „entgleist“, sollte das noch lange kein Grund sein, das Trinkgeld zu kürzen. Schließlich lebt die Bedienung davon und je glücklicher sie ist, umso breiter wird ihr Lächeln und umso schöner damit der Aufenthalt für den Gast.

Meistens kann man sich über das Trinkgeld auch nicht beklagen. Doch trotzdem geben manche gerade mal einen läppischen Betrag von fünf Cent pro Mass und wissen es noch nicht einmal.

Die Sache mit den Marken im Festzelt

Jeder kennt sie: Die (Papier-)Marken. Egal ob Bier, Hendl oder andere Wertmarken – sie sind wie Bargeld zu behandeln und meist erhalten sie Brauereien oder Leute, die reservieren. Was viele nicht wissen: Es gibt zwei Arten von Marken. Steht beispielsweise „Inklusive Bediengeld“ auf der Marke, entspricht der Wert dem vollen Bierpreis. Anders ist es jedoch bei den Marken „Exklusive Bediengeld“. Diese haben einen bestimmten Wert, der unter dem des Bierpreises liegt. Um ein Bier zu erhalten, muss das Bediengeld, das meist knapp unter einem Euro liegt, draufgezahlt werden. Dieser Betrag ist allerdings KEIN Trinkgeld! Entspricht dieser Betrag zum Beispiel 95 Cent und ihr legt einen Euro drauf, habt ihr für den freundlichen Service plus Stress und körperliche Anstrengung gerade mal fünf Cent Trinkgeld gezahlt. Ich bin sicher, das macht niemand böswillig. Es weiß einfach kaum jemand.

Warum manche Bedienungen grantig werden

Ihr ahnt es bestimmt schon: Wenn die Bedienung keinen Stundenlohn erhält, sondern nur am Umsatz verdient, gibt es ein paar Situationen, die sogar die netteste Bedienung ungeduldig werden lassen. Solche Situationen können sein:

  • Ihr nuckelt seit Stunden an einer Mass oder teilt euch zu zehnt drei Radler. 
  • Ihr versteht einfach nicht, warum die Bierbank bis auf den letzten Platz vollgemacht wird. (Ja, es haben tatsächlich zehn Leute Platz pro Tisch!) 
  • Die Hälfte eurer Gruppe ist permanent beim Rauchen oder Achterbahn fahren und der Tisch somit leer. 
  • Ihr kommt morgens ins Zelt und freut euch schon, abends der letzte auf der Bierbank zu sein, trinkt aber erstmal nichts oder nur Wasser.
  • Ihr schlaft auf der Bierbank ein. 
  • Ihr bestellt alle einzeln und die Bedienung quetscht sich ständig wegen einer Mass durch die Menschenmenge (Kann pro Strecke schon mal fünf bis zehn Minuten dauern, wenn viel los ist). 
  • Ihr sorgt dafür, dass sie schon wieder Sägespäne holen muss (Fragt bitte nicht wofür!). 

Ihr seht, es gibt viele Faktoren, die dem vermeintlichen „Jahresverdienst“ einen Strich durch die Rechnung machen. Trotzdem sind diese Situationen eher die Ausnahme und bisher konnte ich mich nie beklagen. Die gute Laune auf dem Oktoberfest verdirbt mir so schnell keiner! Doch natürlich macht es viel mehr Spaß, wenn auch das Geld am Ende stimmt.

Und was mache ich mit dem Wiesn-Verdienst?

Wie jedes Jahr ist der erhoffte Verdienst schon wieder komplett verplant. Natürlich wird immer ein Teil für den obligatorischen Entspannungs-Urlaub ausgegeben. Doch dieses Jahr fällt der kleiner aus, schließlich stehe ich kurz vor dem Ende meines Studiums und würde gerne mit möglichst wenigen Schulden ins Arbeitsleben starten. Das Bafög zahlt sich schließlich nicht von alleine zurück.

Ein Gastbeitag von Julia Beckert, Wiesn-Bedienung in der Ochsenbraterei. 

Lesen Sie auch ihren ersten Gastbeitrag über die Vorbereitung auf die Strapazen.

Beckert hat in ihrem ersten Gastbeitrag darüber geschrieben, wie sie sich als Wiesn-Bedienung auf die harte Arbeit vorbereitet. Während der Wiesn 2016 wird Julia Beckert zum vierten Mal in der Ochsenbraterei bedienen. Sie hat in den vergangenen elf Jahren Gastronomie-Erfahrungen gesammelt. Darüber, über ihr Leben in München und über Restaurants und Reisen bloggt sie seit einem halben Jahr auf living4taste.de.

Lesen Sie weitere erstaunliche, mutige und bewegende Gastbeiträge

Kennst du die acht nervigsten Sätze von Gästen, die eine Wiesn-Bedienung nicht mehr hören will? Die erfahrene Kellnerin Corinna Binzer vom Löwenbräuzelt verrät sie dir. 

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