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Sind jeden Tag im Zelt anzutreffen: Günter Steinberg (v.r.) mit seiner Frau Margot und den Kindern Silja und Ricky. Seit 1980 führt die Familie das Hofbräuzelt.

Die großen Wiesn-Wirte

Hofbräuzelt: Vom Bonsai-Zelt zur zweitgrößten Festhalle

München - In einer Oktoberfest-Serie über die großen Wiesn-Wirte erzählt diesmal Günter Steinberg, Senior-Chef im Hofbräuzelt, warum seinem Betrieb einst die Schließung drohte.

Das waren noch Zeiten! Keine Schlangen vor den Zelten, keine Ordner, die Gäste abweisen, keine Einlassbändchen. „Wir haben extra laute Musik im Garten gemacht, damit die Leute merken, da ist was los“, erzählt Günther Steinberg. In den 80er-Jahren war das, und die Wiesn alles andere als ein Publikumsmagnet. Vor allem mittags waren die Zelte leer. „Also haben wir Gulaschkanonen aufgestellt, um mit preiswertem Essen Gäste anzulocken.“ Die Idee der Mittagswiesn war geboren, die heute in jedem Zelt stattfindet.

Günter Steinberg ist seit 1970 Wiesnwirt. Anfangs führte er das Wienerwald-Zelt, sein Schwiegervater Friedrich Jahn hatte die Wienerwald-Kette gegründet. Gerade einmal 450 Plätze hatte der Wiesn-Wienerwald – ein „Bonsai-Zelt“, wie Steinberg sagt. 1980 hatten er und seine Frau Margot die Chance, in die Liga der großen Wiesnwirte aufzurücken. Hofbräu hatte die zupackenden Wirtsleute für das Hofbräuzelt vorgeschlagen – mit 9992 Plätzen das zweitgrößte auf der Wiesn. Aber erst mussten sich die Steinbergs vor einer Jury aus etwa zehn Ministerialräten beweisen. Schließlich lag die Entscheidung über die neuen HB-Wirte nicht bei der staatlichen Brauerei, sondern beim Finanzministerium. „Wenn man den Stellenwert des Oktoberfestes kennt, kann man sich vorstellen, dass wir nervös waren“, erzählt Steinberg. Doch er und seine Frau stemmten es – wie viele andere Herausforderungen im Lauf der Jahrzehnte.

Einmal zum Beispiel war das HB-Zelt von der Schließung bedroht. Das lag am Feierstil der zahlreichen Engländer, Australier und Neuseeländer, die immer schon das „HB“ bevorzugten – das Zelt, das sie mit dem weltberühmten Hofbräuhaus in Verbindung brachten. „Die hatten andere Gewohnheiten. Die wollten nicht auf Bierbänken hocken, sondern standen auf den Tischen“, erzählt Steinberg. Das Kreisverwaltungsreferat mahnte, diese Gepflogenheit müsse unterbunden werden.

Damaliger Polizeichef München: "Das schaffen Sie nie"

Leichter gesagt, als getan. Der damalige Münchner Polizeichef zumindest bescheinigte Steinberg: „Das schaffen Sie nie. Die sind das Stehen aus dem Pub gewohnt.“ Steinberg beschloss kurzerhand, die Biergarnituren durch Stehtische auszutauschen – zumindest vorne bei der Kapelle, wo die Party am heftigsten tobte. Wenn er seinen Gästen schon das Stehen nicht austreiben konnte, so sollten sie das zumindest nicht auf den Tischen tun. Damit war das HB das erste Wiesnzelt mit Stehtischbereich – ein Traditionsbruch, der seinerzeit einen Sturm der Entrüstung entfacht hatte. „Man muss ein bisserl mit der Zeit gehen“, sagt Steinberg, „aber man muss auch aufpassen, dass man nicht zu weit geht.“ Schließlich sei das Oktoberfest gerade wegen seiner Traditionen so erfolgreich. „Stellen Sie sich vor, man würde die Masskrüge durch kleinere Gläser ersetzen. . . das passt nicht zur Wiesn.“

Vor zwei Jahren haben Günter und Margot Steinberg das Tagesgeschäft in die Hände ihrer Kinder Silja und Ricky gelegt. Die Seniorchefs machen nur noch das, was ihnen besonders am Herzen liegt. Günter Steinberg koordiniert die alljährliche Präsentation des Hofbräukeller-Masskrugs kurz vor Wiesnbeginn. Margot Steinberg ist die gute Fee im Zelt, achtet darauf, dass es den Mitarbeitern gut geht. Und freilich sind beide jeden Tag persönlich in der Brauereiboxe – eine Geste, die die HB-Gäste zu schätzen wissen.

Günter Steinberg könnte sich ein Leben ohne die Wiesn ohnehin nicht vorstellen. Was für Erlebnisse! Mit Franz Josef Strauß zum Beispiel, der oft bis tief in die Nacht im sogenannten Stüberl saß, dem Privatbereich der Wirtsleute im Zelt. Auf dem Tisch der Steinbergs breitete der ehemalige bayerische Landesvater seine Arbeitsunterlagen derart großflächig aus, dass Günter Steinberg die abendliche Abrechnung auf dem Schoß machen musste. Strauß fühlte sich dort so zuhause, dass er sich selbst am Kühlschrank bediente. Nicht etwa mit Bier – der Ministerpräsident bevorzugte fränkischen Bocksbeutel-Wein. War der aus, fragte er den Wirt: „Du Günter, wieso hast du keinen Wein mehr?“ Worauf Steinberg antwortete: „Weil ich kein Wein- sondern ein Bierzelt bin.“

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