Wiesn, Oktoberfest, leeres Zelt, Weinzelt
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Von Hassel nannte dieses Foto "Vineyard". Damit ist natürlich das Weinzelt auf dem größten Volksfest der Welt gemeint.
Wiesn, Oktoberfest, leeres Zelt,
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Trügerische Idylle im Schottenhamel-Zelt: Schon bald wird hier die Post abgehen. Auch deshalb passt der Name des Bildes so gut: "Lunatic Peace", frei übersetzt mit "verrückter Frieden".
Wiesn, Oktoberfest, leeres Zelt, Hofbräuzelt
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Hier ist das Hofbräuzelt zu sehen. Michael von Hassel nannte das Bild "Courts Cathedral".
Wiesn, Oktoberfest, leeres Zelt, Schützenfestzelt
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Grüne, gelbe und rote Banner und eine goldene Atmosphäre - das kann nur das Schützenfestzelt sein. Oder - wie von Hassel es nannte - das "Marksmens".

Ausstellung von Künstler Michael von Hassel

Leere Wiesn-Zelte: Fotos zeigen Ruhe vor dem Sturm

München - Michael von Hassel zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Fotokünstlern. Jetzt hat er sich dem Oktoberfest gewidmet. Ab 11. September sind seine Werke in der Rathausgalerie zu sehen.

Kunst und Oktoberfest, passt das zusammen? Klares Ja mit Blick auf Michael von Hassels Fotografien. Der 37-Jährige hat die großen Wiesnzelte abgelichtet – auf alternative Art. Keine grölenden Menschenmassen, kein Prosit der Gemütlichkeit. Stattdessen: Leere. Und Stille. „Oktoberfest Cathedrals“ nennt er die 15 Fotografien, die auch das untergegangene Hippodrom dokumentieren. Oktoberfest Kathedralen. „Das Gigantische der Zelte erinnert an bedeutende Dombauten“, erklärt von Hassel.

Tatsächlich haben seine Bilder etwas Sakrales. Vergleicht man sie mit Aufnahmen von Synagogen-Innenräumen fallen Parallelen auf. Das Podium der Musikkapelle etwa erinnert an die Bima, ein Pult, auf dem aus der Tora gelesen wird. Die religiösen Bezüge sind kein Zufall. „Das Oktoberfest hat durchaus mit Kultus zu tun. Es gibt Rituale, Gesänge, das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein“, sagt von Hassel, der sein Abitur bei den Benediktinern in Schäftlarn gemacht hatte. Ob das einen Einfluss hat auf sein Werk? „Ich habe die Kirche als Institution nicht gerade christlich erlebt“, sagt von Hassel, der aus der Kirche ausgetreten ist. „Aber ein Bewusstsein für sakrale Architektur und dafür, was sie mit den Menschen macht, habe ich wohl entwickelt.“

"Die Wucht der Zelt konnte ich nur aufnehmen, wenn Sie leer waren"

Im Jahr 2010 fotografierte von Hassel das erste Wiesnzelt, das Schottenhamel. Wirt Christian Schottenhamel zählt zu den Sammlern von Hassels – im Gespräch kamen die beiden auf die Idee, das Zelt zu fotografieren. „Ursprünglich dachte ich an ein Menschenmassen-Foto“, erzählt der gebürtige Münchner. Dann bemerkte von Hassel, dass er mit dem Einlassbändchen, das ihm Schottenhamel ausgehändigt hatte, auch nachts ins Zelt durfte. Reizvoller für den Künstler. „Die Wucht der Zelte konnte ich nur aufnehmen, wenn sie leer waren. Außerdem fotografiere ich lieber Situationen, die man nicht kennt.“ Von Hassel fühlte sich mit seiner sündhaften teuren Foto-Austattung um vier Uhr morgens nicht gerade wohl rund um die Wiesn. „Ich hatte durchaus auch den Gedanken, ob man mich wohl überfällt.“ Doch von Hassel stellte fest, dass die Wiesn niemals schläft. Er hatte gerade sein Auto geparkt, da torkelte ihm schon ein Trachtler entgegen: „Du host aba a scheens Auto!“ Von Hassel erwiderte, dass das hoffentlich auch so bleibe. Worauf der Trachtler lallte: „I pass scho auf, dass nix passiert.“ Tatsächlich saß der Trachtler bei von Hassels Rückkehr noch immer auf dem Gehsteig. „Du bist ja immer noch da“, sagte von Hassel, und der Trachtler antwortete: „Ja, freilich, I muss doch auf dei Auto aufpassen!“

Von Hassel kann viele Anekdoten erzählen. Von den Nachtwächtern im Zelt etwa. „Ich dachte, Nachtwärter seien eher schlichteren Gemüts. Dabei hatte einer, der mir das Zelt aufsperrte ein Reclam-Heft von Adorno in der Hand. Er erzählte mir, dass er auf jedem Oktoberfest einen Philosophen studiert. Inklusive Sekundärliteratur.“ Ein bulliger, muskelbepackter Nachtwächter in der Fischer Vroni fertigte Handarbeiten mit einem Stickrahmen an, ein anderer schrieb Gedichte. 2014 fotografierte von Hassel das letzte Zelt, den Marstall, der vergangenes Jahr das Hippodrom ersetzte. Die Wirte sind von seinen Fotos begeistert. Steckt ja auch viel Arbeit drin. Im Löwenbräuzelt zum Beispiel waren die Bierbänke schon hochgestellt, was von Hassel nicht gefiel. Er stellte sämtliche Bänke des 5800 Plätze zählenden Zelts wieder auf den Boden. Ohne Hilfe, denn einen Assistenten hat der in Berlin lebende Künstler nicht. Nur einen Laboranten, der die Abzüge macht.

Die Ausstellung Oktoberfest Cathedrals sind bis 10. Oktober, Dienstag bis Sonntag, 11 bis 19 Uhr in der Rathausgalerie, Marienplatz 8, zu sehen.

Bettina Stuhlweißenburg

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