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Florian Schönhofer wird niemanden reinlassen, der in Tracht, teilweise in Tracht oder ein bisschen in Tracht kommt. Das Verbot gilt für jeden.

Gastbeitrag von Florian Schönhofer

Wirt vom trachtenfreien Café Kosmos: "Schäme mich für die Wiesn"

München – Tausende Oktoberfest-Besucher strömen auf die Theresienwiese, in die Dirndl-Shops und auf die After-Wiesn-Partys. Männer pinkeln in Hauseingänge, Frauen übergeben sich in Blumenbeete. Diese Szenen widern Florian Schönhofer an. In seinem Gastbeitrag erklärt der Wirt, wieso er die Wiesn aus seinem Café Kosmos ausgesperrt hat. 

„Ich ekele mich vor dem Oktoberfest. Vor acht Jahren hatten am ersten Wiesn-Abend Oktoberfest-Besucher gegen meine Schaufensterscheibe uriniert. Es stank erbärmlich, war nicht zum Aushalten. Seitdem hängt prominent der Zettel mit der durchgestrichenen Lederhose hier. Wer eine Lederhose oder ein Dirndl trägt, darf nicht auf ein „After-Wiesn“-Bier (schreckliches Wort) ins Café Kosmos kommen – und das hat sich in München herumgesprochen. Die Alternative wäre, während der Wiesn komplett dicht zu machen.

Natürlich gab es vor allem in den ersten Jahren ein Mordsgezeter. Immerhin liegt meine Kneipe in guter Wiesn-Lage, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Und trotzdem mache ich seitdem keine Ausnahmen. Auch nicht, wenn ein Minister in Lederhose und Karohemd nach dem Oktoberfest lässig auf ein Bier hereinkommen will. Es beeindruckt mich kein bisschen, wenn er mir mit ausgestrecktem Finger droht „Ich sperr' dir den Laden zu, weißt du eigentlich, wer ich bin?!“.

Das Verbot gilt auch für Stammgäste, „Spezln vom Chef“ und sogar für Leute, die behaupten, das wäre gar keine Tracht, was sie da anhaben, sondern Landhausmode.

Jedes Jahr werden es etwas weniger Gäste, die am Eingang quengeln. Aber sie werden nicht weniger ätzend. Manche bespucken mich, wenn ich ihnen den Dresscode erkläre. Vor zwei Jahren hatte ich ein blaues Auge, hatte mich nicht rechtzeitig weggeduckt. Viele der volltrunkenen Vollidioten beschimpfen mich. Ich sei intolerant, ein Rassist, rufen sie heiser. Lächerlich.

Versteht mich doch: Ich will nicht den Gestank von Leuten, die sich den ganzen Tag auf der Theresienwiese von Müll und Bier ernährt haben, in meinem kleinen Laden haben.

Klar, ich verkaufe Alkohol. Aber man kann diesen auch gepflegt trinken. Oder?

Ich will, dass sich meine Gäste wohlfühlen, nicht ekeln. Meine Kneipe soll ein Ort sein, der das ganze Jahr lang gleich ist. Gleiche Musik, gleiche Leute, gleiches Personal hinter der Theke. Bei mir gibt es keine Schunkelmucke während der Wiesn, keine Girlanden während des Faschings.

"Das Oktoberfest widert mich an"

Die Wiesn ist für mich „Und täglich grüßt das Murmeltier“-mäßig. Ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich an diese Zeit denke. Das Oktoberfest und alle anderen Volksfeste widern mich an. Mich nervt das Image, das sie vermitteln. Bayer sein heißt doch nicht, Bauer sein. Und Bayern besteht nicht nur aus einer Alm, auf der wir Kühe treiben. Deshalb ist es so unsinnig, die Bayern auf Tracht zu reduzieren.

Wenn ich an die Wiesn denke, dreht sich mir komplett der Magen um. Ich bekomme eine Gänsehaut. Ich bin einmal drübergelaufen, als mich Freunde aus Irland dazu überredet hatten. Seitdem nie wieder.

Ex-Schulkollegen von mir, die in einem Trachtenverein Mitglied sind, haben begriffen, dass sie in ihrem Outfit in meiner Bar an der falschen Adresse sind. Sie ziehen die Lederhosen aus und trinken das Astra oder Hacker Pschorr in Boxershorts.

Mich ärgert es, dass es heute völlig korrekt scheint, mittags besoffen an der Straßenecke zu hängen. Wie erkläre ich meinen Kindern, wieso sich der Mann da vorne ins Blumenbeet übergibt? Wie erkläre ich meinen Kindern, wieso da hinten ein Mann gegen die Hauswand pinkelt?

Seid mir nicht böse, aber wenn das unsere bayerische oder münchnerische Kultur sein soll, ist die zum Davonlaufen! Dieses zügellose Benehmen ist nicht lustig!

Ich schäme mich für die Wiesn.“

Florian Schönhofer, Chef vom Café Kosmos in München 

Protokolliert von Miriam Sahli 

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Die kuriosen Outfits der Wiesn-Besucher

sah

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