Kunstaktion nimmt Monster-Wall aufs Korn

Mauerstreit: „Warum soll man sich vor ihnen schützen?“

München - Der Streit um die Riesen-Mauer in Neuperlach beschäftigt nicht nur München. Eine Kunst-Aktion macht nun einen traurigen Vergleich.

Eine weiße Holzbude beschriftet mit: „Checkpoint“, ein rot-weiß gestreiftes Flatterband, im Hintergrund der graue Schatten der riesenhaften Mauer, zwei finster drein schauende Herren mit Schildkappe und grüner Uniform. Gestern Nachmittag in der Nailaer Straße im Schatten der 4,5 Meter hohen Mauer, die ein Heim für 160 jugendliche Flüchtlinge von einem Block Reihenhäuser abschirmen soll – und die inzwischen die ganze Welt bewegt,

Jimmy Hartwig (l.), Kleinkunstkönig Till Hofmann (m.) und Matthias Weinzierl (r.) vom Flüchtlingsrat am Häuschen, das Bellevue di Monaco vor der Mauer aufgebaut hat.

TV-Kameras des BR, des ZDF, Sat1 und der italienischen RAI sind dabei, als einer der beiden Herren mit seinem angeklebten Schnauzer in etwas gekünsteltem Sächsisch verkündet: „Wir haben beschlossen, ausnahmsweise einmal Empathie zu entfalten und die Grenze zu öffnen.“ Die Menge vor ihm johlt: „Die Mauer muss weg“. Es ist Till Hofmann, der Chef vom Lustspielhaus, Lach- und Schießgesellschaft und anderen Kabarett-Bühnen, der lauthals abzählt, bevor er die symbolische Grenze öffnet. „5-4-3-2-1-0“. Der Herr, der Hofmann beim Öffnen der Grenze assistiert, ist kein anderer als Jimmy Hartwig, ehemals Fußballprofi bei 1860 München und dem HSV. In seinem Hessisch sagt er: „Wenn se drinne sin’, könne se raus gucke.“

„Checkpoint Ali“ heißt die Kunstaktion, die Hofmann dieses Mal mit seinen Freunden vom Flüchtlingshilfsprojekt Bellevue di Monaco aufgezogen hat. Hartwig kontrolliert anschließend die Pässe aller Gäste, die die symbolische Grenze zwischen Reihenhaussiedlung und Flüchtlingsheim passieren, drinnen wird Rotkäppchen-Sekt gereicht, ein Stück DDR-Romantik.

An die und eben an die Mauer, die die DDR auf den Tag genau vor 55 Jahre hochzog, fühlen sich die Aktivisten erinnert – was hier als Spaß-Aktion herüberkommt, ist todernst.

Matthias Lilienthal, Intendant der Kammerspiele, erinnert sich: „Ich bin ja an der Berliner Mauer aufgewachsen und habe oft Steine rüber geworfen. Ich finde das sehr schade, dass wir uns jetzt mit einer Mauer in München rumärgern müssen. Warum soll man sich vor diesen Leuten schützen, die hier bald leben?“

Auch eine Anwohnerin ist da: „Uns ging es nur um den Lärm von der Spielwiese des Heimes, nicht darum, dass es Flüchtlinge sind.“ Wo ihre Kinder früher gebolzt haben? „Auf dem Bolzplatz da hinten und später am Sportplatz natürlich.“ Nein, eine Mauer gebe es dort nicht.

Neuperlacher Mauer: So kam es zum steinernen Monster

Stephan Reich an der Mauer.

Ursprünglich war ein Heim für erwachsene Asylbewerber geplant – als beschlossen wurde, eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu errichten, formierte sich Widerstand seitens der Anwohner rund um die Nailastraße. Man fürchtete um die Ruhe, gerade am Wochenende und am ­Feierabend. Insgesamt sieben Anwohner klagten – darunter der Jurist Stephan Reich. Die Stadt stand unter Druck.

Ein Schallschutzgutachten bestätigte, dass die Mauer rund vier Meter hoch sein müsse, um den Lärm auf dem Flüchtlingsgelände zu halten. Die Einigung zwischen Stadt und Klägern fand schließlich außergerichtlich statt – bei einem Treffen mit Münchens Dritter Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD), die übrigens nach wie vor die Empörung, die das steinerne Ungetüm ausgelöst hat, nicht nachvollziehen kann.

Das Verwaltungsgericht machte danach noch weitere Auflagen – zum Beispiel dürfe die Mauer nicht beklettert werden. Und für etwaige Ball­spiele der lauten Kinder soll sie auch nicht geeignet sein. Der Lärm, den fröhliche Kinder so machen, Sie verstehen. Das Ergebnis, das auch viele einstige Befürworter des Lärmschutzes befremdet bis schockiert, sorgt nach den zahlreichen auch internationalen Reaktionen für Zündstoff.

Der SPD-Vize verteidigt die Mauer – und das sagen ihre Kritiker

Verquerung der Fakten

Ich bin entsetzt über diese Aktion ausgerechnet am Jahrestag des Mauerbaus, das hier ist eine Verquerung der Tatsachen. Diese Mauer ist das Ergebnis eines juristischen Prozesses. Auch um Kitas werden Lärmschutzwände gebaut. Roland Fischer, Münchner SPD-Vize

Lärmschutz ist Vorwand

Diese Satire-Aktion ist super! Der Lärmschutz war nur vorgeschoben. Es gab Online-Petitionen, die sich gegen das Heim an sich ausgesprochen hatten. Ich bin froh, die Diskussion mit meinem Video entfacht zu haben. Guido Bucholtz, Bezirksvize Perlach

Stadt ohne Widerstand

Die Stadt ging hier den Weg des geringsten Widerstands, als sie der Mauer zustimmte. Die Flüchtlinge bekommen zum Gewerbe auf der anderen Straßenseite keinen Lärmschutz. Matthias Weinzierl, Bayerischer Flüchtlingsrat

So keine Integration

Wie soll man denn die jungen Flüchtlinge intergieren, wenn man sie mit einer riesigen Mauer vom Wohngebiet abschottet? Jedes

Bundesligaspiel ist laut, da müsste um jedes Stadion eine 300-Meter-Mauer rumgebaut werden.

Jimmy Hartwig, ­Ex-Fußballprofi

Neuperlacher Mauer: Berichte rund um die Welt

Die Mauer schlägt hohe Wellen – auch im Ausland haben viele Medien über den „Perlacher Limes“ berichtet. Darunter etwa in der Türkei (Daily Sabah) oder in der indischen Ausgabe der Times, Indiatimes. „Die Welt spricht über Deutschland, das eine Mauer zwischen Anwohnern und einem Flüchtlingsheim gebaut hat“.

Die britische Nachrichtenseite Daily Mail stellt mit der Überschrift „Deutschlands neue Mauer“ einen direkten Bezug zum Eisernen Vorhang her: „Eine zwölf Fuß (vier Meter) hohe Mauer wurde in München erbaut, um Anwohner vor einem Flüchtlingscamp zu schützen.“ Zudem hätten sich Anwohner beschwert, dass durch das Flüchtlingsheim in Sichtweite die Grundstückspreise sinken würden.

Die russische Tageszeitung Prawda ­titelt: „Münchner Einwohner von Flüchtlingen durch vier Meter hohe Mauer getrennt“.

Rubriklistenbild: © Kruse

Matthias Bieber

Matthias Bieber

E-Mail:Matthias.Bieber@tz.de

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