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2800 Prostituierte arbeiten zurzeit in München. Sie bieten in etwa 190 Bordellen ihre Dienste an. 

„Wir haben das Milieu im Griff“

Prostitution in München: Was sich in der Rotlichtszene verändert hat

München - 2800 Prostituierte arbeiten zurzeit in München, während der Wiesn waren es fast doppelt so viele. Der Chef der „Sitte“ erzählt, was sich in den vergangenen Jahren verändert hat.

Dönerbuden-Besitzern und Tänzerinnen in Bars rund um den Hauptbahnhof ist es schon länger ein Dorn im Auge: Seit einiger Zeit trieben sich auffällig viele Zuhälter und Prostituierte im Sperrbezirk herum, sagen sie. Bernhard Feiner, seit sieben Jahren Chef des Kommissariats 35, besser bekannt als die „Sitte“, ist das Problem bekannt. „Illegal arbeitende Prostituierte werden verstärkt wahrgenommen, möglicherweise auch im Zusammenhang mit der angestiegenen Drogenproblematik und der Bettelei im Bahnhofsviertel“, vermutet Feiner.

Eines der bekanntesten Etablissements ist der Leierkasten an der Ingolstädter Straße.

Zusammen mit seinen Kollegen überwacht der 51-Jährige das Rotlicht-Milieu in der Stadt. Wie viele Kollegen er hat, will er nicht sagen. „Es sind ausreichend.“ Ihm ist die Situation rund um den Bahnhof bewusst. „Viele Gewerbetreibende sprechen darüber. Wir sind auch seit einiger Zeit deutlich mehr rund um den Hauptbahnhof unterwegs“, betont er. Das bedeute freilich, dass man etwas anderes hinten anstellen müsse. „Aber wir haben die Situation und das Milieu im Griff.“ Die Frauen, die im Bahnhofsviertel unterwegs sind und ihre Dienste anbieten, sind laut Feiner in der Regel „sehr arme Menschen“ – jung, bildungsfern und von ihren Zuhältern abhängig. „Sehr oft steckt da auch eine Organisation dahinter, die das Ganze koordiniert.“

Die Situation im Bahnhofsviertel ist nicht das einzige, was sich in München verändert hat. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist laut Feiner die Anzahl der legalen Bordelle in München um 25 Prozent angestiegen – auf aktuell 190. 2800 Frauen arbeiten dort. Während des Oktoberfestes bieten jedes Jahr fast doppelt so viele Frauen ihre Dienste an. „Immer mehr Prostituierte wollen hier arbeiten, exorbitant viele aus Rumänien.“ Seit in anderen EU-Ländern die Prostitution verboten wurde, kommen immer mehr Frauen nach Deutschland. „Durch die Perspektivlosigkeit in anderen Berufen landen viele in der Prostitution“, sagt der Chef der Sitte. Es gebe nach dem Flüchtlingszustrom des vergangenen Jahres auch „erste latente Hinweise“, dass sich junge Geflüchtete in München gegen Geld anböten. „Für männliche Prostitution gibt es kein Bordell. Das findet immer im illegalen Bereich statt. Es spielt allerdings auch eine deutlich untergeordnete Rolle.“ Frauen seien sehr auf Sicherheit bedacht und schauten sich eher im Begleitservice um.

Nicht mal zehn Prozent sind Deutsche

Bei den Bordellbetreibern spricht Feiner in München von einer „bunten Mischung“. Vom alteingesessenen Deutschen über die ehemalige Prostituierte bis hin zum Zugezogenen ist alles dabei.

Mittlerweile sind nicht einmal mehr zehn Prozent der Frauen, die in München ihre Liebesdienste anbieten, Deutsche. Vor fünf Jahren waren es noch 25 Prozent. Die meisten der Frauen stammen aus Rumänien und dem osteuropäischen Raum. „Da gibt es schon immer mal wieder Probleme“, sagt Feiner. Allerdings nicht hauptsächlich zwischen deutschen und ausländischen Frauen. „Konflikte entstehen eher zwischen etablierten Prostituierten und denen, die ihnen auf dem Straßenstrich Konkurrenz machen wollen“, erklärt der 51-Jährige. Nötigungen, Rangeleien und Schlägereien seien dort keine Seltenheit. Neun sogenannte „Anbahnungszonen“, sprich „Straßenstriche“ gibt es in der Landeshauptstadt. Das Geschäft dort macht in München nur etwa ein Prozent der Prostitution aus. Üblicherweise miete eine Prostituierte ein Zimmer an und entscheide selbst, wen sie empfängt und was sie anbietet. „Aber es gibt auch Betriebe, die stark auf die Damen einwirken wollen“, sagt Feiner. Ab einem gewissen Grad sei das strafbar. „Wir wollen den Zustand, dass alle Frauen vollkommen frei bestimmen können. Davon sind wir aber weit entfernt“, räumt der Polizist ein. Viele Prostituierte sprächen nicht deutsch, hätten keine sozialen Kontakte und seien finanziell abhängig. Menschenhandel sei das gravierendste Delikt im Milieu. Etwa 15 bis 25 Fälle gebe es pro Jahr. Allerdings seien die Ermittlungen schwierig, da sich die Opfer öffnen müssten.

Schon in den 90er-Jahren kontrollierten Beamte Prostituierte. Hier an der Ingolstädter Straße.

„Hier in München haben wir allerdings eine Sonder-Situation, die für uns bei der täglichen Arbeit von Vorteil ist“, sagt Feiner. Im Gegensatz zum Rest der Republik meldeten sich etwa 94 Prozent aller Prostituierten freiwillig im K 35 an. Fast alle Frauen, die in der Landeshauptstadt anschaffen, sind den Beamten der Sitte deshalb bekannt. In der Inspektion an der Landsberger Straße liegen Informationsbroschüren in mehreren Sprachen aus, bekommen die Prostituierten Beratungsgespräche, das Angebot eines Dolmetschers, Ausstiegsmöglichkeiten und Telefonnummern, unter denen sie Hilfe bekommen. „Bordellbetreiber in München legen auch Wert darauf, dass die Frauen angemeldet sind“, sagt der Chef der Sitte. „Denn es wäre der Supergau, wenn in ihrem Bordell eine Minderjährige angetroffen wird.“ Hat die Dame einen Zettel vom K35, weiß der Bordellbetreiber, dass sie über 18 ist. „Keines der Etablissements hat Interesse daran, dass sich die Polizei übermäßig lange dort aufhält.“

Künftig Genehmigung für Bordell-Betreiber notwendig

Feiner hofft nun, dass sich durch das verschärfte Prostitutionsgesetz, das am 1. Juli 2017 bundesweit in Kraft treten soll, die „Situation in München nicht verschlechtert.“ Dieses Gesetz soll das von 2002 ersetzen. Eine der wichtigsten Änderungen soll sein, dass es eine Anmeldepflicht für Sexarbeiterinnen gibt – eine Praxis, die in München seit Jahren etabliert ist. „Wenn dieser Kontakt nicht mehr mit der Polizei, sondern einer anderen Behörde zustande kommt, lernen wir die Frauen nicht mehr kennen, die hier arbeiten“, sagt Feiner. Zudem könnte das K 35 schnell feststellen, ob ein Ausweis gefälscht ist. An einer anderen Stelle sei das nicht so leicht.

Doch es gibt auch Teile des Gesetzesentwurfs, die Feiner begrüßt: So soll künftig jeder eine Genehmigung benötigen, der ein Bordell betreibt. Derzeit darf das jeder ohne Einschränkung – selbst, wenn er bereits wegen Menschenhandels verurteilt worden ist. Auch eine Kondompflicht und eine Gesundheitsberatung beinhaltet das neue Gesetz. „Ich finde eine verpflichtende Gesundheitsuntersuchung wünschenswert – nur ein Gespräch könnte ein stumpfes Schwert sein.“ Wenn es nach dem Münchner Chef der Sitte geht, soll der Bundesgesetzgeber sich zudem für eine Altersgrenze von 21 Jahren aussprechen. Diese Forderung ist gekippt worden. „Man kann unter 21 keinen Lkw-Führerschein machen und nicht in eine Spielbank – aber für Prostitution soll man reif genug sein. Das ist nicht logisch.“

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