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Lesen und Kaffee trinken, das geht in der Buchhandlung Lentner von Thomas Felber in Haidhausen.

Prime-Now liefert alles - schnell

Amazon attackiert den Einzelhandel

München - Per Klick im Internet bestellt, innerhalb von einer Stunde nach Hause geliefert: Mit diesem Angebot lockt Amazon jetzt in München Kunden. Kleine Geschäfte bangen, ob die Kunden ihnen treu bleiben.

Übergabe einer Amazon-Prime-Now-Lieferung an der Wohnungstür.

Thomas Felber ist ein gemütlicher Mann. Und: Er betreibt einen gemütlichen Laden. Doch wenn der Geschäftsführer der Buchhandlung Lentner in Haidhausen auf den Online-Händler Amazon zu sprechen kommt, ist es schnell vorbei mit der Gemütlichkeit. Die schwierigen Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter sind das Eine, das Felber auf die Palme bringt. Das Andere: Der Online-Handel macht es den kleinen Geschäften in der Stadt immer schwerer. Felber hat den Kampf aufgenommen, wie es seine Art ist: mit Humor. In seinem Laden hängt ein Zettel: Hier geht’s lang zur Kundentoilette. Und: „Amazon-Kunden gehen bitte bei Amazon aufs Klo.“ Wenn sich Amazon weiter durchsetze, sagt er, „gibt es in fünf Jahren keine kleinen Läden mehr. Dabei ist das doch das Schönste: Durch Haidhauser Läden stöbern.“

Die Sorgenfalten bei Amazon-Kritikern wie Felber dürften tiefer werden. Amazon greift die Einzelhändler immer aggressiver an. Seit gestern gibt es in München den Service, dass Amazon nicht nur am Bestelltag liefert – sondern sogar innerhalb einer Stunde. Das Herzstück von Amazons neuem Logistik-System liegt mitten in der Stadt am Hauptbahnhof in der Hopfenpost.

Auch Lebensmittel können Kunden bestellen

Etwa 60 Schritte sind es in dem Lager von „Amazon Prime Now“ von einem Ende zum anderen. Hier, im ersten Stock, liegen auf 2000 Quadratmetern die Waren in Metallregalen: Luftpumpen, Spiele-Konsolen, Milch, Obst, Säfte, Tiefkühlware – auch Lebensmittel von Münchner Betrieben mit denen Amazon kooperiert, etwa Brot von Rischart oder Wurst von Vinzenzmurr.

In Berlin gibt es das Angebot schon. Wie in München wird auch mit Elektrorädern geliefert, „die dem ganzen Projekt einen grünen Touch verleihen sollten“, wie Zeit Online vermerkte. Ob es die in einem halben Jahr noch geben werde, habe aber niemand sagen können – in Seattle etwa hat Amazon die Räder wieder abgeschafft.

Zurück nach Deutschland: In München stellte Amazon bereits gestern Unterschiede zu Berlin fest. „Im Berliner Lager ist Milch ein sehr gefragtes Produkt“, sagte Kai Rühl, der Amazon Prime Deutschland leitet. „In München haben wir gemerkt, dass Bier ähnlich stark nachgefragt ist.“

So funktioniert Amazon Prime

Und so funktioniert Amazon Prime für die Kunden: Sie müssen Mitglied in einem Kundenclub werden (Jahresbeitrag: 49 Euro). Dann können sie über eine Smartphone-App online einkaufen. Mindestbestellwert: 20 Euro. Grundsätzlich gibt es zwei Optionen: eine kostenlose Lieferung und eine für 6,99 Euro Gebühr. Für die Gratis-Variante kann man bis eine Viertelstunde vor Ende der vollen Stunde das nächstmögliche zweistündige Zeitfenster wählen, innerhalb dessen die Waren zu Hause ankommen sollen. Sprich: Bestellt jemand bis 13.45 Uhr, kann Amazon in München zwischen 14 und 16 Uhr anliefern. Schickt der Kunde seine Bestellung um 13.46 Uhr ab, kann er seine Waren zwischen 16 Uhr und 18 Uhr bekommen.

Die zweite Option: Für einen Aufpreis von 6,99 Euro liefert Amazon innerhalb einer Stunde, ebenfalls mit dem Mindestbestellwert 20 Euro.

Und so will Amazon garantieren, dass die schnelle Lieferzeit eingehalten wird: Geht im Lager eine „Stundenlieferung“ ein, greift einer der 60 Mitarbeiter zum Megafon und drückt die Alarmtaste. Der nächste freie Mitarbeiter packt zügig die bestellte Ware in die Tüte und gibt sie einem der anliefernden Fahrer eines externen Dienstleisters. Auf dem Bildschirm ihres Handscanners sehen Mitarbeiter, was sie zusammenpacken müssen und wo es lagert. Das „chaotische Lagersystem“ bedeutet, dass angelieferte Waren gemischt in allen Fächern liegen und nicht nach Gruppen sortiert sind. So hat der Mitarbeiter eine größere Chance, die richtigen Produkte in Griffweite liegen zu haben – und nicht quer durchs Lager gehen zu müssen.

Gemischte Reaktionen im Einzelhandel

Amazon hat sich minutiös auf das Projekt vorbereitet. Im Einzelhandel sind die Reaktionen gemischt. Wolfgang Fischer, der Chef der Innenstadt-Händler-Vereinigung „Citypartner“, hat zwar Sorge vor dem Online-Riesen, sieht das konkrete Angebot aber gelassen. „Eine Luftnummer“, findet er. „Ein Marketing-Gag.“ Die Gebühren seien zu hoch, das ganze Projekt für Amazon sehr teuer, die Produktpalette beschränkt. Und: Fischer glaubt, dass es oft nicht funktionieren wird, in der versprochenen Zeit zu liefern.

So sieht es auch Thomas Felber, der Haidhauser Buchhändler. „Das scheitert am Verkehr“, sagt er. Aus den zwei Stunden würden oft vier werden. Und überhaupt: Im Alltag sei Schnelligkeit doch nicht alles, anders als bei einem defekten Teil am Auto. Felber macht seinen Kunden auch einen Kaffee. Gegen das Onlineeinkaufen habe er gar nichts, sagt er. Aber das könne man doch auch bei ihm – um das Buch schon am nächsten Morgen abzuholen. Der Kampf gegen den Internet-Handel: Die kleinen Geschäfte haben ihn aufgenommen.

Hüseyin Ince und Felix Müller

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