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Bangt um seine Heimat: Alex Jolly aus England ist derzeit als Austausch-Student in München.

Vor dem Referendum

So fürchtet München den Brexit

München - Bleiben die Briten in der Europäischen Union oder nicht? Am Donnerstag wird auf der Insel abgestimmt. Münchner Briten fürchten sich vor negativen Folgen eines Brexits. Und auch die hiesigen Autobauer sehen der Entscheidung mit Sorge entgegen.

Münchens Briten sind derzeit in Feierlaune. Schon Tage vor den Spielen der englischen Mannschaft sind die Irish Pubs der Stadt voll reserviert. Kein Platz ist mehr zu bekommen. Doch die schönste Nebensache der Welt ist nur das Eine. Die Briten auf dem europäischen Festland beschäftigt derzeit vor allem die Politik: der Brexit.

John Margetts, 79, ist einer von ihnen. Der Kunsthistoriker stammt aus Wales, lebt aber schon seit 16 Jahren in München. Er hat Angst vor einem EU-Austritt Großbritanniens, sagt, er sei „entsetzt von der Kurzsichtigkeit der Menschen“. Die EU werde als Sündenbock präsentiert. Margetts sorgt sich auch um verstärkte bürokratische Hürden, wenn für ihn die Freizügigkeit eines EU-Bürgers wegfallen würde. Und er sorgt sich um sein Geld. „Das Pfund würde wahrscheinlich an Wert verlieren“, sagt Margetts. „Somit würde meine Rente sinken.“

Sorge um den Wirtschaftsstandort München

Auch im Rathaus fürchtet man sich vor den Brexit-Folgen. „Ich hoffe für Europa, aber auch für München, dass sich die Brexit-Gegner im Referendum durchsetzen“, sagte Bürgermeister Josef Schmid, CSU, unserer Zeitung. „Der Wirtschaftsstandort München ist exportorientiert und würde den Brexit zu spüren bekommen.“ Einige Unternehmen, glaubt Schmid, der auch das städtische Wirtschaftsreferat leitet, wären besonders betroffen. „Prominentes Beispiel dafür ist BMW mit der britischen Konzerntochter Mini.“

BMW hat auch Werke in Großbritannien, verkauft im Vereinigten Königreich außerdem mehr Autos als Audi und Mercedes, alleine im vergangenen Jahr waren es 236 000 Fahrzeuge, mehr als 10 Prozent des weltweiten BMW-Absatzes. Negative Folgen hätte die Entscheidung wohl für viele Münchner Unternehmen. Bei Knorr-Bremse etwa heißt es auf Nachfrage, ein Brexit wäre eine „sehr bedauerliche Entwicklung“. Das Unternehmen ist in Großbritannien seit Anfang der 90er-Jahre mit sieben Niederlassungen vertreten.

Rund 6000 Briten in München gemeldet

An anderen Wirtschaftsstandorten in Deutschland rechnet man durchaus auch mit positiven Folgen eines Brexits. In Frankfurt etwa hat man sich auf diesen Fall gut vorbereitet. Wie die „Frankfurter Rundschau“ dieser Tage berichtete, plant die dortige städtische Wirtschaftsförderung eine Hotlinie mit englischer Nummer für Unternehmen mit Ansiedlungsinteresse freizuschalten. In Frankfurt ist dieser Tage von zehntausenden Arbeitsplätzen die Rede, die von London nach Frankfurt umsiedeln könnten. Nach einem Brexit würde eine Frankfurter Delegation nach London reisen, um dort die Vorzüge des Finanzplatzes am Main zu bewerben. Ähnliches ist in München nicht geplant.

Das Wirtschaftsreferat verweist auf Nachfrage auf die spezielle Situation Frankfurts als internationaler Finanzstandort, die mit München nicht vergleichbar sei. Ein Sprecher sagt aber auch: „Unternehmen, die sich wegen des Brexits nach einer Alternative in München umsehen, werden im Rahmen der Standortberatung natürlich so gut wie möglich unterstützt und beraten.“ Auch mit neuen Fördermitteln rechnet die Landeshauptstadt nicht. Zwar würden nach einem EU-Austritt der Briten Gelder neu verteilt, allerdings tendenziell an „wirtschafts- und strukturschwächere Regionen“, also: nicht an München.

Alle aktuellen Entwicklungen zur Brexit-Entscheidung finden Sie in unserem News-Blog

Etwa 6000 Briten sind derzeit in München gemeldet, das sind nicht einmal 1,5 Prozent der Ausländer in der Landeshauptstadt. Einer davon ist Alex Jolly, 22, der derzeit als Austauschstudent an der Ludwig-Maximilians-Universität Englische Literatur studiert. Seine Mutter wird am Donnerstag die Stimme für ihn abgeben. Eine Stimme für den Verbleib in der Europäischen Union. „Die EU ist natürlich nicht das perfekte System“, sagt er. „Aber wenn dein Auto kaputt ist, lässt du es ja auch nicht einfach stehen, sondern versuchst, es zu reparieren.“ 

Briten schauen immer auch auf ihre Buchmacher

Angst, sagt der junge Student, sei wohl leider mächtiger als Hoffnung. „Die Menschen werden von Populisten angelogen.“ Der Streit spaltet übrigens nicht nur die Nation – sondern auch Familien. Jolly erzählt, dass sein Vater für den Austritt stimmen werde. Es sei nicht gelungen, ihn umzustimmen.

Ende der Woche werden die Münchner Briten gebannt in ihre Heimat blicken, wie sich die Mehrheit entschieden hat. John Margetts, der Kunsthistoriker, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Großbritannien doch ein EU-Staat bleibt. Die Briten schauen nicht nur beim Fußball immer auch auf ihre Buchmacher. Und die Quoten in den in den Wettbüros, erzählt der 79-Jährige, sprechen inzwischen dafür, dass ein Verbleib in der Europäischen Union wahrscheinlicher ist als ein Brexit.

Felix Müller, Annika Schall u. Lisa-Marie Birnbeck

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