Streit geht in wichtige Runde

Gurlitt: Jetzt naht die Entscheidung

München - Seit fast zwei Jahren läuft der Rechtsstreit um das Erbe des umstrittenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt. Jetzt geht der Streit vor Gericht in die wohl entscheidende Runde.

Als Cornelius Gurlitt im Mai 2014 starb, ohne seine geliebten Werke noch einmal gesehen zu haben, da war das nicht das Ende des Kunstkrimis - sondern nur eine Zäsur. Seither nämlich tobt der Streit um sein Erbe. Gurlitts Cousine Uta Werner hat das Testament angefochten, in dem er seine komplette, millionenschwere Sammlung dem Kunstmuseum Bern hinterlassen hat. Der Grund: Sie glaubt nicht, dass ihr Cousin beim Verfassen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war.

Inzwischen liegt der Fall beim Oberlandesgericht München - und dort dürfte er nun in die entscheidende Runde gehen. Für Ende September hat das OLG eine mündliche Verhandlung angesetzt. Wann genau das sein wird, wollen weder das Gericht noch die Prozessbeteiligten sagen. Die Verhandlung ist nicht-öffentlich.

Das OLG will Gurlitts Geisteszustand vor seinem Tod genauer auf den Grund gehen. Ein vom Gericht bestellter Sachverständiger kam zwar bereits zu dem Ergebnis, dass Gurlitt testierfähig war. Uta Werner aber hat verschiedene Gegengutachten in Auftrag gegeben, die das Gegenteil beweisen sollen. Der Jurist und Psychiater Helmut Hausner, der Gurlitt allerdings nie persönlich begegnet ist, bescheinigte ihm eine „leichtgradige Demenz, eine Schizoide Persönlichkeitsstörung und eine Wahnhafte Störung“.

„Die Biografie meines Cousins Cornelius Gurlitt legt die Vermutung nahe, dass es nicht seine eigentliche Absicht war, seine Sammlung ins Ausland zu geben“, ließ Werner im vergangenen Jahr mitteilen. Über diese Auffassung wird nun vor Gericht in aller Ausführlichkeit zu sprechen sein. Die Anwälte von Werner rechnen möglicherweise bis zum Jahresende mit einer Entscheidung - vielleicht aber auch erst im Januar oder Februar. Der Kunstfund von Schwabing ist dann schon einige Jahre her.

2013 wurde bekannt, dass bereits 2012 mehr als 1200 Kunstwerke in Gurlitts Münchner Wohnung von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden waren. Zwei Jahre später tauchten weitere Gemälde in seinem verwahrlosten Haus in Salzburg auf. Bei Hunderten davon bestand Verdacht auf Nazi-Raubkunst.

Seitdem das Kunstmuseum Bern sich entschlossen hat, das Erbe anzutreten, wartet man in der Schweiz darauf, dass dort eine aus Spenden finanzierte Forschungsstelle zur Sammlung Gurlitt ihre Arbeit aufnehmen kann. Und auch die Pläne für eine große Doppelausstellung in Bern und der Kunsthalle in Bonn liegen fertig in der Schublade.

„Das ist alles blockiert, solange der Rechtsstreit nicht entschieden ist“, sagt der Rechtsanwalt Marcel Brülhart, Vizepräsident der Dachstiftung des Kunstmuseums Bern, im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Aber an den Plänen hat sich nichts geändert. Da laufen die Vorbereitungen weiter.“ Reue, das Erbe angetreten zu haben, gibt es nicht, wie er betont. „Wir kämpfen nicht um das Erbe, sondern stellen uns einer moralischen Verantwortung, die mit der Annahme verbunden ist. An dieser Haltung hat sich nichts geändert.“

In Berlin geht derweil die Erforschung der millionenschweren Sammlung weiter. Die Wissenschaftler sollen herausfinden, welche Bilder der Familie Gurlitt rechtmäßig gehörten und welche NS-Raubkunst sind, also früheren jüdischen Besitzern während der Nazizeit weggenommen oder abgepresst wurden. Dieser Verdacht hat sich inzwischen bei fast 100 Werken erhärtet. „Wir sind weit, aber wir sind leider noch nicht am Ende“, sagt Andrea Baresel-Brand, Leiterin des Projekts „Provenienzrecherche Gurlitt“.

Das Team in Berlin, das dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg zugeordnet ist, setzt seit dem Jahreswechsel die Arbeit der umstrittenen Taskforce Schwabinger Kunstfund fort. Diese hochkarätige internationale Expertenkommission hatte innerhalb von zwei Jahren nur bei 5 von rund 500 verdächtigen Werken eindeutig Nazi-Unrecht nachweisen können - darunter bei Max Liebermanns „Zwei Reiter am Strand“ und der „Sitzenden Frau“ von Henri Matisse. Diese beiden Bilder sind inzwischen an die Erben der früheren Besitzer zurückgegeben.

In dem neu aufgestellten Team um Baresel-Brand kommt die Arbeit deutlich zügiger voran. Weitere 91 Werke gelten inzwischen als „erhärteter Verdachtsfall“, die Ergebnisse sind in Kurzfassung in der Datenbank Lost Art veröffentlicht.

Die Zahlen seien allerdings nicht abschließend, sie könnten sich noch ändern, sagt die Kunsthistorikerin. „Wir profitieren natürlich von den Vorarbeiten der Taskforce, wichtige Hausaufgaben waren schon erledigt. Aber uns hilft auch, dass wir jetzt etwas entpolitisiert sind.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Trachtenkissen aus der Rosenheimer Dirndlwerkstatt</center>

Trachtenkissen aus der Rosenheimer Dirndlwerkstatt

Trachtenkissen aus der Rosenheimer Dirndlwerkstatt
<center>Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l</center>

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen
<center>Mei Trachtenhemd T-Shirt</center>

Mei Trachtenhemd T-Shirt

Mei Trachtenhemd T-Shirt

Meistgelesene Artikel

Krass! So verschuldet sind die Münchner

München - Immer mehr Münchner leben auf Pump! Das belegen die Zahlen aus dem neuen Schulden-Atlas von Creditreform. Demnach hatten zum 1. Oktober 104 954 Münchner …
Krass! So verschuldet sind die Münchner

S-Bahn-Türen öffnen künftig automatisch

München - Achtung, Tür geht auf: Ab Sonntag führt die S-Bahn das „zentrale Öffnen“ ein. Das bedeutet: Zwischen Pasing und Ostbahnhof öffnen sich alle Türen künftig …
S-Bahn-Türen öffnen künftig automatisch

Tram-Westtangente: CSU macht den Weg frei

München - Eigentich hatte die Rathaus-CSU schon 2014 grundsätzlich der Tram-Westtangente zugestimmt. Doch erst am Montag gaben die Schwarzen den neuen Gleisen zwischen …
Tram-Westtangente: CSU macht den Weg frei

7 Gründe, warum München im Winter noch schöner ist

München - Englischer Garten, Schloss Nymphenburg, Isar: München ist schön. Es gibt sieben persönliche Gründe, warum wir die Stadt im Winter sogar noch schöner finden.
7 Gründe, warum München im Winter noch schöner ist

Kommentare