Marcel Rohrlack, 18, der Chef der Grünen Jugend München, heute. Das blaue Auge ist verheilt, der Vorfall aber nicht vergessen.

Wegen Frauenkleid angegriffen

Nach Prügelattacke am CSD: „Es war richtig, das öffentlich zu machen“

München - Vor einem halben Jahr wurde er nach dem Christopher-Street-Day verprügelt, weil er ein Frauenkleid trug: Marcel Rohrlack, der Chef der Grünen Jugend. Das sagt er heute zur öffentlichen Diskussion um den Vorfall.

Der 13. Juli war ein warmer Sommertag. 100 000 Menschen feierten beim Christopher Street Day das tolerante München. Mittendrin: Marcel Rohrlack, 18, der Chef der Grünen Jugend München. Auf Bildern von Rohrlack von diesem Tag meint man zuerst eine Frau zu sehen. Denn der kleine schmächtige Soziologie-Student war in einem kurzen Frauen-Kleid, mit Perücke und Sonnenbrille, kaum noch zu erkennen. Er habe viel Zuspruch für das Outfit bekommen und den Tag sehr genossen, erzählt er später. Schön war der Tag zumindest, solange er mit den Massen an Schwulen, Lesben und Unterstützern in der Innenstadt feierte.

Dann auf dem Rückweg passiert etwas, mit dem an diesem stolzen Christopher Street Day keiner gerechnet hat: Rohrlack wird am Ostbahnhof schwulenfeindlich angepöbelt, die Angreifer verfolgen ihn nach Haidhausen hinein. Sie schlagen Rohrlack so heftig, dass sein Kleid voller Blut ist und er am Auge genäht werden muss. Rohrlack macht den Vorfall selbst im Internet öffentlich, die Münchner Zeitungen – auch unsere – zeigen Fotos des jungen, übel zugerichteten Mannes. Die Polizei verspricht, die Täter zu finden.

Zahl der Übergriffe häufen sich in den letzten Jahren

Ein halbes Jahr später sitzt ein ernster junger Mann nachmittags in der „Loretta Bar“ an der Müllerstraße. Ein typisches Café im Glockenbachviertel. Kindergeschrei, bärtige junge Männer in zu engen Hosen, jemand arbeitet an einem Laptop – oder auch nicht, wer weiß das schon so genau. Früher war der obere Abschnitt der Müllerstraße fest in der Hand der schwulen Szene. Noch heute sind Schwule hier sichtbar, in den meisten Cafés wie hier in der „Loretta Bar“ aber nur noch ein Teil von vielen. Immer wieder berichten Homosexuellen-Initiativen, dass sich auch hier im Glockenbachviertel die Zahl der Übergriffe in den letzten Jahren häufe.

Wie tolerant ist München noch, Herr Rohrlack? Rohrlack überlegt kurz, nimmt einen Schluck von seinem Kaffee mit einem Schuss Milch. „Ich glaube, es ist immer die Frage, in welchem Umfeld man sich bewegt“, sagt er. Das Glockenbachviertel zum Beispiel sei eben immer noch toleranter als andere Ecken der Stadt. „Aber in München wie anderswo werden Jugendliche immer noch zu Hause rausgeworfen, weil sie schwul sind – und landen dann in Obdachlosigkeit und Prostitution.“

"Das passiert mitten in München"

Ob er selbst sich seit dem Übergiff unsicher fühle? „Nee!“, ruft Rohrlack. Aber seine Wahrnehmung der Schwulenfeindlichkeit in der Stadt, die habe sich schon geändert. Ungefähr 100 positive Mails habe er nach dem Christopher Street Day bekommen, erzählt er. „Sehr viele von Menschen, denen Ähnliches passiert ist – oder Schlimmeres. Und das nicht nur in Hintertupfing oder einem Problemviertel. Sondern auch hier, mitten in München, am Stachus oder im Glockenbach.“ Das einst so schwul dominierte Viertel verliere diese Identität auch durch die steigenden Mieten, glaubt Rohrlack. „Für alternative Szenen ist es bei den Preisen eben sehr schwierig, noch neue Läden aufzumachen.“

Nach dem Christopher Street Day haben Freunde eine Solidaritäts-Demo für ihn organisiert. 200 Menschen protestierten auf dem Weißenburger Platz in Haidhausen. „Dass so viele Leute gekommen sind, ist doch auch ein Beweis dafür, dass es eben ein großes Bedürfnis gibt, über dieses Problem zu reden“, sagt Rohrlack im Rückblick. „Natürlich“ sei es richtig gewesen, dass er selbst an die Öffentlichkeit gegangen ist. „Es ist doch ein Privileg, dass ich das machen konnte“, sagt er. „Ich musste im Gegensatz zu anderen Leuten keine Angst haben, meinen Job zu verlieren oder meine Freunde – oder zu Hause rauszufliegen.“ Auf junge Leute, die wegen ihrer Homosexualität von den Eltern verstoßen werden, kommt er im Gespräch immer wieder zurück. Das Thema lässt ihn nicht los. Für die USA gebe es Studien, sagt er. „30 bis 40 Prozent“ aller obdachlosen Jugendlichen seien nicht heterosexuell. „Das Thema findet viel zu wenig Beachtung“, sagt er.

Der Angriff ging im Netz weiter

Für die Beachtung schwuler, junger Belange tritt er ein. Doch Rohrlack bekam bei Weitem nicht nur positive Rückmeldungen auf das Bekanntmachen des Übergriffs. Aus den Tiefen des Internets wurde er massenhaft beschimpft und beleidigt. Manche, sagt er und schüttelt ungläubig den Kopf, hätten es sogar geschafft, die Täter und das Opfer beide zu beleidigen. In einer Polizeimitteilung war ein Schläger gesucht worden, der „südländisch“ aussehe (und Hochdeutsch spreche). „Daraus haben die gemacht, dass es Muslime waren. Woher auch immer man das wissen soll“, sagt Rohrlack. Hohn und Spott der islamfeindlichen Szene waren die Folge: Einer, der selbst bei der Grünen Jugend für eine bunte Gesellschaft eintritt, sei zum Opfer intoleranter Muslime geworden, so der Tenor zynischer Schadenfreude.

Gefunden hat die Polizei die Täter bis heute nicht. Was Rohrlack, der junge Linke, ihr nicht vorwerfen mag. „Mein Eindruck ist, dass sie sich Mühe geben“, sagt er. Rohrlack hat sich auf jeden Fall schon entschlossen, 2016 wieder zum Christopher Street Day zu gehen. Dass der nur noch Party sei und mit Politik nichts mehr zu tun habe, findet er überhaupt nicht. „Es ist doch ein politischer Akt, dass Schwule raus auf die Straße gehen und feiern“, sagt er. „Das ist ja viel zu oft immer noch ein Problem.“ Ob er wieder ein Kleid anzieht? „Ja sicher“, sagt Marcel Rohrlack. „Jetzt erst recht.“

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