„Das Licht ist so geil“, sagt Professor Zhao

München - Der Umzug ist in vollem Gang: Das Künstler-Paradies an der Domagkstraße wird schrumpfen, die idyllische ehemalige Kaserne soll abgerissen werden – bis auf zwei Häuser. OB Christian Ude eröffnet am Samstag die verbleibenden Ateliers.

Von Johannes Löhr

Es ist traurig, aber die Realität, sagt Yongbo Zhao. Die Häuser der ehemaligen Funkkaserne an der Domagkstraße werden verschwinden, und mit ihnen ein einzigartiges Künstler-Biotop. „Die Stadt braucht den Platz“, das sieht der chinesische Maler ein. Seit vier Wochen arbeitet der 47-Jährige nun in einem der 102 neuen Ateliers in „Haus 50“, das die Stadt für 150 Künstler erhalten und für knapp 5,4 Millionen Euro renoviert hat. Zhao ist begeistert: „Schau, der Raum ist über acht Meter hoch“, ruft der Mann, der in Peking Professor ist. „Das Licht ist so geil – ich habe das Gefühl, ich würde draußen arbeiten.“

Nach eineinhalbjähriger Sanierung wurde das Haus im Mai zum Einzug freigegeben. Man kann die Hochspannung, die Energie, die Euphorie mit Händen greifen: ein einziger großer Neuanfang. Florian Lohmann arbeitet an seinem Eichen-Parkett. „Das habe ich aus Haus 39 herausgerissen – 4000 Dielen, von denen die Hälfte zerbrochen ist.“ Acht Freunde halfen dem 35-jährigen Fotografen – auch dabei, die Zwischendecke und eine alte Stiege einzubauen. „Ich mag alte Dinge, sie leben.“ Seine Beziehung ist während des Umzugs allerdings in die Brüche gegangen: „Meine Freundin hat mich verlassen, weil ich nie zuhause war.“

Das Privatleben ist nicht die einzige Klippe. Georg Höngdobler, dem Betriebs-Chef von „Haus 50“, fallen noch ein paar mehr ein: Bisher zahlten die Künstler drei Euro Miete pro Quadratmeter, mit Nebenkosten 6,30 Euro. „Jetzt sind es rund zehn Euro.“ Dafür gab’s neue Fenster, eine vernünftige Heizung, viel Brandschutz.

Dazu kommt: „Die Künstler mussten den Innenausbau selber stemmen.“ Höngdobler schätzt, das seien bestimmt 250 000 Euro Eigenanteil. Dabei werde den Bewohnern nur eine Mietzeit von fünf Jahren garantiert, danach werde neu entschieden. „Früher“, fügt er hinzu, „gab es hier elf Häuser mit 350 Künstlern. Und in jedem war die Stimmung anders.“ Da arbeiteten Maler, dort Filmemacher – „man konnte sich abgrenzen, aber auch besuchen“. In einem einzigen Haus werde es allerdings schwer sein, die Unterschiede zu überbrücken. Aber natürlich überwiege die Freude: „Endlich wissen wir, dass das keine Übergangslösung mehr ist.“

Und es bleibt ja nicht bei einem Haus. Der Verein „Wagnis“ hat auch das benachbarte „Haus 49“ gerettet. Hier gibt es ein privates Genossenschaftskonzept, bei dem sich Bewohner Anteile kaufen können. Auch Robert Erlacher und Stefan Geer ziehen hier ein. „Aber wir bleiben in Haus 35, solange es Strom gibt – zwei Wochen“, sagt Erlacher. In dieser Zeit werden sie auch die riesige Schaukel, die an der parkähnlichen Wiese nebenan in den Bäumen hängt, abmontieren und in den Garten ihres neuen Zuhauses schaffen. Geer: „Die trägt 20 Personen, wir hatten schon Kindergärten zu Besuch, die auf ihr geschaukelt haben.“

Wenn alles so läuft, wie von der Genossenschaft geplant. wird sie noch eine weitere Kasernen-Fläche kaufen und mit Häusern bebauen können, in denen Wohnungen für Künstler entstehen. „Es ist hier so idyllisch“, sagt Erlacher. „Man muss bloß dort rüberschauen“ – er blickt auf die Büro-Hochhäuser an der Domagkstraße. „Schön ist das nicht.“

Professor Zhao ist zufrieden. Er gibt zu: „Ich wohne in Starnberg und habe mir schon vor Jahren da ein Atelier gebaut.“ Dort gearbeitet habe er noch keinen Tag. „Ich fahre immer hier her – meine Frau ist stinksauer. Aber ich liebe die Domagk-Ateliers.“

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