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Die zwei verstehen sich: Renate Küster, die Witwe von Dieter Hildebrandt, und Preisträger Claus von Wagner im Alten Rathaus bei einer gemeinsamen Angela-Merkel-Parodie.

Verleihung im Alten Rathaus

Hildebrandt-Preis für Claus von Wagner: Fast schon eine Unverschämtheit

München - Kabarettist Claus von Wagner erhält den erstmals vergebenen Dieter-Hildebrandt-Preis – Szenen eines launigen Abends.

Claus von Wagner ist ja noch jung an Jahren für einen Kabarettisten. 38, um genau zu sein. In einer Branche, die sogar „über 45-Jährige noch als Senkrechtstarter auszeichnet“ – wie von Wagner selbst analysierte – also durchaus in der Kategorie Nachwuchstalent einzuordnen.

Glücklich über die „Unverschämtheit“: Preisträger von Wagner mit OB Dieter Reiter.

Claus von Wagner also sagte am Dienstagabend im Alten Rathaus, nichts läge ihm ferner als die Entscheidung des Stadtrats zu kritisieren, dass er als Erster den Dieter-Hildebrandt-Preis erhalten solle: „Aber rein vom Standpunkt der Erwartungshaltung, die dadurch ausgelöst wird, ist das eine Unverschämtheit.“

Es war ein launiger, ja äußerst launiger Abend im Alten Rathaus. Für OB Dieter Reiter (SPD) gar die „amüsanteste Preisverleihung“ seiner Amtszeit, was wiederum wenig überraschen konnte angesichts der Rede des Preisträgers und des Laudators Max Uthoff. Die Gästeliste war ein „who is who“ des bayerischen Kabaretts: Zum Beispiel Luise Kinseher, Michael Altinger, Philipp Weber, Hans Well und viele mehr.

Die Stadt hatte im Vorjahr beschlossen, den bisherigen Kabarettpreis durch den „Dieter-Hildebrandt-Preis“ zu ersetzen und diesen erstmals 2016 zu vergeben. Eine Entscheidung, die angemessen erscheinen mag, weil der unvergessene Hildebrandt als „lieber Gott des politischen Kabaretts“ galt – wie die Biermösl Blosn ihn einmal adelten. Wozu also noch einen eigenen Kabarettpreis, wenn der vor zweieinhalb Jahren verstorbene Hildebrandt „noch so nah ist“, wie der OB sagte. Oder, wie es Hildebrandts Witwe Renate Küster ausdrückte: „Vielleicht haben auf Wolke sieben jetzt alle Freunde von Dieter Platz genommen und beglückwünschen Claus von Wagner.“

Es ist nicht so, dass von Wagner und sein Kompagnon Max Uthoff mit dem im ZDF ausgestrahlten Format „Die Anstalt“ nur wohlwollende Kritiker hätten. Das nicht. Aber auch nicht jeder teilt die Elfenbeinturm-artigen Abhandlungen mancher Feuilletons. Tatsache ist, dass beide für sich – von Wagner und Uthoff – ein unverwechselbares Profil und satirische Schärfe besitzen. Der Preisträger ist sogar ein ganz Großer: „1,96 Meter im Dienste der Kleinkunst“, sagte Max Uthoff.

Satirisches Duo: Max Uthoff und Claus von Wagner.

Dass von Wagners Partner aus der „Anstalt“ als Laudator auserkoren wurde, lag nahe. Er tat das genial, gewitzt. Claus von Wagner sei ja nicht nur „süß, sondern auch knuffig“, scherzte Uthoff: Wenn irgendwann mal Delfine knapp würden auf der Erde, „dann böte es sich an, von Wagner zum therapeutischen Schwimmen mit Kindern zu schicken“. Sowohl Hildebrandt als auch von Wagner seien „aufgeklärte Humanisten und Vollkontakt-Philantropen“, so Uthoff. Und – um die Parallelen noch fortzuführen: „Beide wählten einen Studiengang, dessen Sinnhaftigkeit sich nicht erschließt.“ Hildebrandt Theaterwissenschaften, von Wagner Kommunikationswissenschaften. „Ein Studiengang, bei dem selbst die Lehrenden oft nicht wissen, worum es geht.“ Immerhin, so Uthoff, habe der Preisträger eines gelernt: „Denen eine Stimme zu verleihen, deren Stimme nicht gehört wird.“

Von Wagner beschlich unterdessen angesichts der messerscharfen Pointen seines Bühnenpartners das Gefühl, „dass der Laudator besser ist als der Laudierte“. Aber auch der erste Hildebrandt-Preisträger der Geschichte trug natürlich zur Unterhaltung der Gäste bei. Etwa mit seinen Ausführungen zur Scheinheiligkeit in der Flüchtlingsdebatte („Viele sagen: Wir wollen keine Religion, in der Frauen nichts zu sagen haben. Und dann haben sie erst gemerkt: Wir sind ja schon katholisch.“), über die Beurteilung der Böhmermann-Affäre („Wir Kabarettisten werden nun ständig gefragt: Wie weit darf Satire gehen? Keiner fragt uns aber: Wie weit darf die EU gehen bei Erdogan?“) oder über die Finanzwelt („Was, Sie wollen Wirtschaftsethik studieren? Da müssen Sie sich schon entscheiden.“).

Von Wagner jedenfalls besaß nicht die Hybris, sich mit Dieter Hildebrandt zu vergleichen: „Der hatte einen Weltkrieg erlebt und war mit 38 Jahren schon moralischer Kompass – und ich? Ich habe ,Wetten, dass . . .‘ scheitern sehen.“ Am Ende gab es Standing Ovations für Claus von Wagner, der in aller Demut den „Preis als Auftrag“ annahm. Denn – und damit zitierte er den ersten Buchtitel des am 20. November 2013 verstorbenen Dieter Hildebrandt: „Was bleibt mir übrig?“

Klaus Vick

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