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Debatte im Bayerischen Hof: Peter Gauweiler (links) hatte Oskar Lafontaine eingeladen.

Diskussion im Bayerischen Hof

Gauweiler und Lafontaine: Polit-Rebellen als Popstars

München - Für viele Linke war Peter Gauweiler einst ein Feindbild, Oskar Lafontaine den Konservativen ein Graus. Wie sich bei einer Diskussion im Bayerischen Hof zeigte, passt zwischen die Haudegen inzwischen kein Blatt Papier. Über einen Abend mit zwei, die in der Flüchtlingsdebatte mehr Rücksicht auf die kleinen Leute fordern.

Kurz weht ein Hauch von Revolte durch den gediegenen Saal des Nobel-Hotels „Bayerischer Hof“. „Tür auf, Tür auf“, schallt es von draußen herein. Aber die Tür geht nicht mehr auf, der Saal ist schon zum Platzen gefüllt. Und es bleibt der einzige Moment, der Peter Gauweiler und Oskar Lafontaine an die alten, harten Auseinandersetzungen erinnert haben mag.

Gauweiler, der Roten, Grünen, Linken viele Jahre in München ein Graus war, hat Lafontaine zu dem Gespräch eingeladen. Jenen Lafontaine also, der noch zu Zeiten der Deutschen Einheit den Nationalstaat überwinden wollte. Zwei ungewöhnliche Männer treffen hier aufeinander. Typen, die sich selbst als Rebellen sehen. Die sich mögen und über die Jahre immer mal wieder Interviews zusammen gegeben haben oder gemeinsam auf der Bühne saßen. Gauweiler will schon lange nicht mehr im klassischen Links-Rechts-Schema denken. „Wenn es eine Konsequenz aus dem 20. Jahrhundert gibt“, hat der CSU-Mann einmal gesagt, „dann die, dass ein Mensch nie ganz rechts und nie ganz links sein kann.“ Lafontaine einladen also – warum nicht?

Gibt es hier Antworten auf die drängenden Fragen?

Die beiden mögen sich nicht nur, auch politisch ist zu den drängenden Fragen dieser Zeit zwischen den Kontrahenten von früher kaum noch ein Unterschied auszumachen. Das Publikum im Bayerischen Hof: bayerisch-bürgerlich. Es sind vor allem Ältere, die sich von den beiden Haudegen Antworten in unruhigen Zeiten erhoffen. Lafontaine empfangen sie so begeistert wie Gastgeber Gauweiler.

Und der ledert gleich ordentlich los. Gauweiler, der 2015 alle politischen Ämter niederlegte, ist noch der Alte. Er gestikuliert wild, senkt die Stimme, haut an der richtigen Stelle den richtigen Satz raus. Seine Thesen zur Flüchtlingspolitik: Die bayerischen Grenzen gehören anständig geschützt. „Wir können nicht von Berlin entscheiden lassen, was in Garmisch oder Mittenwald passiert!“, ruft er. Gauweiler ist, na klar, für eine Obergrenze – bevor nicht anständig in Europa verteilt werde, solle Deutschland niemanden mehr aufnehmen. Seiner Partei rät er den Bruch der Bundesregierung. Wenn sich nichts ändere, sagt er, „dann muss man die Regierung eben verlassen“.

Lafontaine: Für Willkommens-Kultur müssen die Reichen abgeben

Dass Gauweiler das so sieht, mag wenig überraschen. Aber auch als nach einer guten halben Stunde Lafontaine das erste Mal zu Wort kommt, gibt es nur Zustimmung. Von Widerspruch ist überhaupt nicht die Rede. „Ich versuche, zu ergänzen“, erklärt Lafontaine. Er, der immer noch Oppositionsführer im saarländischen Landtag ist, stimmt Gauweiler auf ganzer Linie zu.

Auch Lafontaine ist der Meinung, dass die Zuwanderung rigoros beschränkt gehört. Sein zentraler Punkt: Die Willkommens-Kultur sei nicht ehrlich, weil nicht klar werde, dass der kleine Mann die Zeche bezahle – in der Konkurrenz mit den Flüchtlingen um Arbeit, Wohnung, Sozialleistung. „Ich frage mich: Was ist mit denen, denen es viel schlechter geht als den meisten hier im Saal?“, ruft er. „Ich werde nicht der Leidtragende sein, aber wer für Hilfsbereitschaft plädiert, darf die Verteilungsfrage nicht ignorieren!“ Lafontaine bekommt viel Applaus vom gesetzten Publikum. Ein wenig verhaltener fällt der nur aus, als er konkrete Konsequenzen aus seinen Überlegungen zieht. „Wenn wir gastfreundlich sein wollen, dann muss der Tisch von den Reichen gedeckt werden!“

Das zumindest greift Gauweiler nicht ausdrücklich auf. Aber auch der CSU-Rebell sagt über die jetzige Flüchtlingspolitik: „Den Preis zahlen die kleinen Leute.“ Gauweiler warnt die Volksparteien: „Wenn die Bevölkerung das Gefühl hat, dass die ganze Welt kommt, aber die eigenen Leute vergessen werden, dann können CSU und SPD einpacken!“

Militärische Interventionen - da sind sie einer Meinung

Einer Meinung sind die beiden Haudegen auch beim Thema militärische Interventionen. Überhaupt, die Fluchtursachen, schnaubt Lafontaine. Die Rede von deren Bekämpfung – „die geht mir auf den Sack!“ Weltweit Krieg zu führen sei kontraproduktiv („Die Bundeswehr ist eine Verteidigungsarmee!“, ruft auch Gauweiler). Der Saarländer schimpft, dass bei Opfern mit zweierlei Maß gemessen werde. „Wir finden erst Frieden, wenn wir lernen, das Leben wieder zu achten und das in unser politisches Handeln einzubeziehen“, sagt er nachdenklich. „Die Mütter in Damaskus weinen genauso um ihre Kinder wie in Paris.“ Nach der Definition des Bundestags, dass Terror die rechtswidrige Anwendung von Gewalt, um politische Ziele durchzusetzen, ist, seien „Blair und Bush Terroristen“, ruft Lafontaine.

Einem Schuss Antiamerikanismus sind ohnehin beide nicht abgeneigt. Beide schimpfen auf die Macht der Konzerne, die inzwischen die Welt beherrschten. Und beide greifen die Vereinigten Staaten scharf an. „Die ist doch auch nur von der Wall Street finanziert!“, sagt Lafontaine über Hillary Clinton. „Freiheit oder Sozialismus“ sei einst die Frage gewesen, erklärt Gauweiler. „Jetzt geht es um Freiheit oder Goldman Sachs.“ Lafontaine erklärt die USA gar mit ihren Interventionen zur Haupt-Fluchtursache.

Sie bedienen die Sehnsucht nach der klaren Kante

Nach guten 90 Minuten werden sie mit viel Applaus verabschiedet. Lafontaine, der Gast, steht hinterher noch eine Weile auf der Bühne. Beide wurden hier im Bayerischen Hof gefeiert wie Popstars. Beide bedienen die Sehnsucht nach der klaren Kante. Beide wurden schon als Populisten bezeichnet. Ärgert Sie dieser Begriff, Herr Lafontaine? „Überhaupt nicht“, sagt der Saarländer im Gespräch mit unserer Zeitung. „Dieser Vorwurf wird oft von denen erhoben, die glauben, das Volk sei dumm. Und von denen, die selbst mit ihren Versammlungen langweilen.“ Beides sei nicht die Sache von Gauweiler und ihm. Als Lafontaine das sagt, bildet sich hinter ihm schon wieder eine lange Schlange. Von Münchnern im Trachtenjanker, die ein Erinnerungsfoto machen wollen.

Oskar Lafontaine: Seine politischen Stationen

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