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Johanna von L. (Bild) und aufmerksame Bankangestellte haben der Polizei geholfen, eine Geldabholerin festzunehmen.

Fahndungserfolg

So hob die Polizei drei Enkeltrick-Banden aus

München - Großer Erfolg für die Polizei: In einer grenzübergreifenden Aktion haben deutsche und polnische Ermittler drei Clans von Enkeltrick-Betrügern das Handwerk gelegt. 

Angst hat Johanna von L. keine gehabt. „Ich wusste doch, dass ich ein dickes Nudelholz in der Küche habe“, sagt die 71-Jährige. Am 18. August 2015 wollten Betrüger sie um ihr Erspartes bringen – bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren. „Ich habe viel über Enkeltrick gelesen und mir geschworen: Wenn das nochmal passiert, verhalte ich mich anders.“ Freilich rechnete die ehemalige Krankenschwester nicht damit, zweimal innerhalb kurzer Zeit das Ziel von Betrügern zu werden. Als an jenem Dienstag im August das Telefon bei der Seniorin klingelte und sich ein Mann bei ihr meldete, schöpfte sie sofort Verdacht. „Der Anrufer sprach akzentfreies Deutsch. Er sprach mich mit meinem richtigen Vornamen an – aber so nennt mich keiner. Alle sagen Haya.“ Blitzschnell reagierte die 71-Jährige und spielte das Spiel der Betrüger zum Schein mit. Sie fuhr nicht – wie sie vorgab – zur Bank, um die vom angeblichen Neffen geforderten 56 000 Euro zu holen. Stattdessen informierte sie ihre Bank und die Polizei. Die 2012 gegründete, 14-köpfige Ermittlungsgruppe „Enkeltrick“ ist alarmiert. Mit dem Kennwort „Luftmatratze“ kommen die Beamten in die Wohnung der 71-Jährigen. Noch am selben Tag gelingt es der Polizei, eine Geldabholerin festzunehmen: Ein 17-jähriges schwangeres Mädchen mit polnischer Staatsangehörigkeit. Sie wurde mittlerweile zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. „Ein außergewöhnliches Urteil“, betonte Staatsanwalt Florian Weinzierl.

"Besonders hinterhältige Form der Kriminalität"

Laut Polizeipräsident Hubertus Andrä kümmern sich die Münchner Beamten mit hoher Priorität um diese „besonders hinterhältige Form der Kriminalität“. Jetzt sei ihm mit einem großen Ermittlungserfolg ein „Herzenswunsch“ erfüllt worden. In einer grenzübergreifenden Aktion legten deutsche und polnische Ermittler drei Familienclans von Enkeltrick-Betrügern aus Breslau, Posen und Danzig das Handwerk. Damit machte sich laut Clemens Merkl, Leiter des Dezernats für Organisierte Kriminalität, das JIT (Joint Investigation Team)-Abkommen bezahlt, das die Staatsanwaltschaften München und Warschau im Mai 2015 geschlossen hatten.

Am 1. Dezember 2015 schöpfte ein Bankmitarbeiter Verdacht, dass eine Münchnerin Opfer von Trickbetrügern werden sollte. Sofort alarmierte er die Polizei. „Wir wussten früh, dass unser Weg nach Polen führen würde“, sagte Merkl am Montag. Die „Ermittlungsgruppe Enkeltrick“ nahm einen 21-jährigen Geldabholer in München fest. „Die sagen in der Regel nichts zu ihren Hintermännern“, so Merkl. Unter anderem Telefondaten hatten nach Polen geführt. Kurz darauf hob die Polizei deshalb ein Call-Center im 212 Meter hohen Sky Tower in Breslau aus. Allein dieser Gruppe konnten mehr als 700 versuchte Straftaten und zehn vollendete Enkeltrick-Betrugsfälle zugeordnet werden.

Akkord-Arbeit: 36 Anrufe in 64 Minuten

Dort hatten die Betrüger vier mondäne Apartments angemietet. Kostenpunkt zwischen 100 und 300 Euro am Tag. Im Akkord riefen die Gauner Telefonnummern in Deutschland an, um ältere Menschen um ihr Erspartes zu bringen. Dabei nahmen sie sich hauptsächlich Vornamen vor, die nicht mehr so geläufig sind. 36 Anrufe in 64 Minuten konnte die Polizei von einem Apparat aus nachweisen. Allein die Münchner Polizei registrierte im Jahr 2015 etwa 830 Enkeltrickbetrugsfälle. Es entstand ein Schaden von rund 600 000 Euro (2014: 500 000 Euro). „Zwischen 2013 und 2015 verzeichneten wir bundesweit einen dramatischen Anstieg an Enkeltrick-Betrugsfällen“, berichtete Merkl.

Die deutsch-polnische Ermittlungsgruppe nahm bisher 15 Verdächtige in Polen fest. Vier sitzen in Haft, zwei wurden nach München ausgeliefert. Die Beamten stellten bei Razzien mehr als 100 SIM-Karten, 50 Mobiltelefone, neun Tablet-PCs, Uhren und Bargeld in verschiedenen Währungen sicher. Wie hochkarätig die Festnahmen in Polen waren, zeigt der deutliche Rückgang um 75 Prozent bei den Betrugsfällen. Heuer registrierte die Münchner Polizei noch keinen einzigen vollendeten Enkeltrick-Betrug.

Hintergrund: So funktioniert der Enkeltrick

Der Enkeltrick-Betrug, der so harmlos klingt und oft mit der Frage „Rate mal, wer hier spricht“ beginnt, wird inzwischen mit fast mafiaähnlichen Strukturen im großen Stil betrieben. Die Hintermänner seien Profis, betonte Polizeipräsident Hubertus Andrä.

Die Kriminellen erzählen von einem akuten Geldbedarf und bauen so lange emotionalen Druck auf, bis die älteren Menschen bereit sind, einem Komplizen des vermeintlichen Enkels oder Neffens Geld zu übergeben oder eine hohe Summe auf ein Konto zu überweisen. Der Enkeltrick wird bei der Münchner Polizei von einer eigenen Kripo-Dienststelle bearbeitet.

Die „Ermittlungsgruppe Enkeltrick“ mit 14 Mitarbeitern wurde 2012 gegründet. Denn die Fälle haben in den vergangenen Jahren so stark zugenommen, dass das damals noch zuständige Kommissariat 65 für Trickbetrug mit der Arbeit nicht mehr hinterher kam. Nicht nur mit dem „Enkeltrick“ sollen Senioren abgezockt werden. Auch als „Falsche Telekom-Mitarbeiter“ treten Gauner immer wieder auf.

Die Betrüger, die als Techniker auftreten, zielen auf den Verlust eines Komforts, den jeder täglich nutzt. Die Täter geben vor, jetzt sofort eine technische Störung beheben zu müssen, da andernfalls Telefon, Fernseher oder Strom ausfallen würden. Aus Angst, dass sie ohne Telefon oder Strom dastehen, lassen ältere Menschen die Betrüger agieren. Ähnlich gehen „Falsche Wasserwerker“ vor. Sie lassen Senioren im Bad die Brause festhalten und räumen die Wohnung aus.

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