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„Ich hab noch gefragt: ’Rudi, brauchst zwei, drei Leute?’ Da war die Staplergabel schon in der Luft!“

Interview zum 1. Mai

Sie leben die Maibaum-Tradition - und haben diebische München-Verbindung

München - Michael Haller und Andreas Weiß leben die Maibaum-Tradition – und haben eine diebische Verbindung zu München. Lesen Sie unser Interview zum 1. Mai.

Am Sonntag werden auch in München wieder Maibäume aufgestellt. Der ein oder andere hatte zuvor den Besitzer gewechselt. Vorne dabei an der Auslösefront ist normalerweise der Burschenverein Aschheim-Dornach. Letztes Jahr klauten die Männer um Michael Haller und Andreas Weiß drei Bäume, darunter den vom Münchner Augustiner-Keller in der Arnulfstraße. Heuer gingen sie leer aus. Ein Gespräch über starke Männer und ihr ewiges Anschleichen.

Dieses Jahr ging gar nichts. Sie konnten keinen einzigen Baum erbeuten. Was war denn los?

Haller: Heuer waren vor allem die großen Bäume sehr gut gesichert. Und manchmal hat einfach das Glück gefehlt.

Am Sonntag ist 1. Mai. Ab wann klaut man eigentlich keinen Baum mehr?

Weiß: Das muss jeder selbst entscheiden. Bei uns ist es so: Wir langen keinen Baum an, der schon angestrichen ist. Die Leute wollen ja pünktlich ihren aufwändig geschmückten Maibaum aufstellen. Darauf nehmen wir Rücksicht. Wir wollen niemandem das Fest versauen. Es geht hier um die gemeinsame Gaudi, auch mit den Baumbesitzern.

Letztes Jahr haben Sie den Maibaum vom Augustiner-Keller erwischt. Erzählen Sie doch mal wie so ein Coup abläuft ...

Haller: Einer von uns hat mittags in unsere WhatsApp-Gruppe geschrieben: „Am Augustiner liegt ein Maibaum.“ Dann haben wir geschaut, ob wir die Leute zusammenkriegen – und vor allem die Geräte. Hat geklappt.

Wie viele Leute haben Sie zusammengetrommelt?

Haller: Fünfundzwanzig. Gegen 23 Uhr sind die ersten hingefahren und meinten: Das könnte funktionieren. Den Traktor haben wir am Circus-Krone-Parkplatz versteckt. Dann begann das große Warten am Augustiner-Gelände, bis alle nach Hause gegangen waren.

Weiß: Danach kam das erste Kommando. Einige von uns haben den Zaun abgeschraubt. Oben drüber heben wäre ja nicht möglich gewesen. Der Zaun ist dort fast zwei Meter hoch.

Haller:  Als wir den Zaun abgeschraubt hatten, war es eine Frage der Zeit, bis wir den Baum hinaustragen konnten.

Auf dem Baum stand doch ein Stapler!

Haller: Stimmt. Aber der war kein Problem. Der Baum war angekettet. Das war das viel größere Problem. Wir mussten die dicke Kette aufzwicken.

Aber so ein Stapler ist ja kein Spielzeug, das man einfach zur Seite hebt.

Weiß: Es war ein kleiner Stapler. Nur die Gabel stand auf dem Baum. Einer von uns hob ihn an.

Eine einzige Person!?

Haller: Es war ja nicht irgendwer, sondern der Rudi! Ich hätte das nicht geschafft.

Rudi?

Weiß: Wissen Sie, Rudi ist bei unseren Festen immer unter den Top drei beim „Stoahem“. Da geht es darum, aus dem Stand einen etwa 200 Kilogramm schweren Stein so hoch wie möglich zu heben.

Haller: Und den Stapler musste er ja nur anheben und nicht hochheben. Ich hab noch gefragt: „Rudi, schaffst des allein oder brauchst noch drei Leute?“ Da war die Gabel schon in der Luft.

Aha.

Haller: Jedenfalls, als wir den Baum auf dem Anhänger hatten, kam die Polizei. Aber die war sehr kooperativ. Ein großes Lob an die Polizei München!

Weiß: Irgendwer hatte die gerufen, weil er dachte, dass beim Augustiner eingebrochen wird – was ja nicht ganz falsch war.

Was haben Sie als Auslöse bekommen?

Weiß: Das sagen wir nicht. So was sagt man nicht.

Haller: Wir waren alle eingeladen beim Augustiner-Sommerfest. Keine Kehle blieb trocken. Wir durften sogar mit den Dornacher Goaßlschnoizern auftreten. Bis heute sind wir dort sehr gerne gesehen.

Welche ungeschriebenen Gesetze gibt es beim Maibaum-Klau?

Weiß: Keine Gewalt, keine Zerstörung. Alles muss friedlich ablaufen. Es ist zum Beispiel verboten, einfach mal drei Leute, die den Maibaum bewachen, aufzumischen, bloß weil wir da mit über 20 Mann anrücken. So bereichert man sich nicht.

Haller: Wir warten im Optimalfall ab, bis keiner mehr da ist. Dann holen wir den Baum.

Was sind die Tricks?

Haller: Unauffällig, geduldig, schnell, gut koordiniert und leise sein. Das klappt besonders gut, wenn höchstens zwei das Sagen haben.

Was ist der schwierigste Moment?

Haller: Den Baum hinauszutragen ist einfacher, als ihn zu transportieren. Er ist ja bis zu 40 Meter lang und muss über öffentliche Straßen rangiert werden. Am Viktualienmarkt und an der Schrannenhalle mussten wir mit dem Augustiner-Baum sehr vorsichtig sein. Das war Präzisionsarbeit.

Beschäftigen Sie sich eigentlich mit den Wurzeln der Maibaum-Tradition?

Haller: Im Großen und Ganzen schon. Aber man weiß ja bis heute nicht, woher der Brauch genau kommt.

Sie haben zwei Bücher dabei, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Weiß: Bücher hin oder her. Der Brauch kommt von unseren Familien. Er wird von Generation zu Generation weitergegeben. Ich erinnere mich an viele Erzählungen meines Opas und Ur-Opas.

Haller: Bevor in Dornach ein neuer Maibaum aufgestellt wird, liegt er traditionell bei uns im Hof. Ich bin damit aufgewachsen, solange ich zurückdenken kann. Hier wird er gehobelt und gestrichen. Natürlich bewachen wir ihn auch, mit Leuten aus der Dornacher Bevölkerung und anderen Vereinen, auch nachts.

Wie lange dauert so eine Nachtwache?

Haller: Meistens fangen wir um 19 Uhr an. Morgens um sieben übergeben wir wieder. Wenn der Burschenverein Wache schiebt, dauert’s auch mal länger.

Warum?

Weiß: Ein Burschenverein ist ja kein Kirchenchor.

Haller: Ja eben.

Weiß: Da können schon einige Liter Bier fließen. Gerade dann, wenn es Freitagabend ist und wie meistens am Wochenende auch noch eine riesen Party in unserer Gerätehalle stattfindet.

Wie vertreiben Sie sich die Zeit durch die Nacht?

Weiß: Wir hauen auf den Nagelstock.

Erklären Sie das ...

Weiß: Es ist ein Spiel. Sie haben einen Meter-Stumpf von einem früheren Maibaum. Darauf müssen Sie Nägel einschlagen. Das ist aber nicht so einfach, weil Sie einen hohlen Hammer verwenden. Sie müssen den Nagel mit einem ganz schmalen Rand treffen.

Haller: Und wer nicht trifft, gibt eine Runde Schnaps aus, zum Beispiel. So wird die Nacht lustiger.

Wer sucht eigentlich den Maibaum aus, der aufgestellt werden soll?

Haller: Bei uns in Dornach sind das meistens die Hauptvorstände der größeren Vereine, von der Feuerwehr oder vom Schützenverein. Der örtliche Förster ist auch dabei.

Hört sich an, als ob nicht jeder einen Maibaum auswählen kann.

Weiß: Da braucht man ein geschultes Auge. Im Wald schaut jeder Baum gleich aus. Und Sie müssen sehen können, welcher der Bäume besonders gerade steht. Dann eignen sie sich am besten.

Wie viele Leute bewachen so einen Baum, der noch nicht aufgestellt ist?

Weiß: Manchmal bis zu 400. An solchen Abenden wird der Baum nie gestohlen.

Haller: Eben. Die, die ihn klauen könnten, sind meistens auch auf so einer Party und wir feiern gemeinsam.

Welche Abende eignen sich dann, um einen Maibaum zu stehlen?

Weiß: Meistens ist es unter der Woche am besten, in den frühen Morgenstunden. Sonntagfrüh eignet sich auch, wenn die Leute in der Kirche sind.

Was ist schwieriger: Klauen oder bewachen?

Haller: Klauen. Definitiv.

Weiß: Also Maibaum-Bewachen kannst du alleine auch. Maibaum-Klauen kannst du nur in der Gruppe.

Haller: Allein die Logistik. Man braucht einen Traktor, Anhänger, genügend Leute, Geräte ...

Wie sah die kreativste Form der Wache aus?

Weiß: Einer hatte sich dieses Jahr an den Baum gekettet und schlief darunter, auf einer Matratze. Der Baum liegt ja nicht auf dem Boden sondern ist aufgebockt. Das war schon ein witziger Anblick.

Haller: Wir haben uns ziemlich erschrocken, weil sich plötzlich sein Arm bewegt hat. Keiner rechnete damit, dass da im Dunkeln einer liegt.

Weiß: Es ist so: Wenn einer aus dem Ort die Hand auf den Maibaum legt, während wir ihn klauen wollen, dürfen wir ihn nicht mitnehmen. Ein ungeschriebenes Gesetz.

Haller: Einmal hatten wir den Maibaum schon auf dem Anhänger. Plötzlich stand der Metzger von nebenan da, um halb sieben in der Früh. Der legte die Hand drauf und wir mussten den Baum zurücklegen. Aber so ist es halt.

Wie viel wiegt eigentlich so ein Baum?

Haller: Bis zu zwei Tonnen, wenn er richtig groß ist, bis zu 40 Meter etwa.

Und die heben Sie nur mit Muskelkraft?

Weiß: Sicher. Es kam auch schon vor, dass wir den Baum nicht heben konnten, weil er einfach zu schwer war.

Haller: Mit etwa 25 Leuten, wie am Augustiner, hebt man auch einen großen Baum.

Weiß: Naja, groß spazieren gehen kann man damit nicht. Aber schnell anheben und auf den Anhänger hieven – das geht, mithilfe von massiven Holzbalken, die man darunter einfädelt.

Aus welchem Verein kommen die Baumdiebe?

Haller: Größtenteils sind es Leute aus dem Burschenverein und von den Goaßlschnoizern.

Was bedeutet die Maibaum-Tradition für Sie?

Haller: Es ist ein Gemeinschaftserlebnis.

Weiß: Die Maibaum-Tradition und das ganze Rundherum gehören zu unserem Leben.

Wenn jemand aus Rostock oder Aleppo nach Aschheim oder Dornach zieht und mit Ihnen die Maibaum-Tradition pflegen will, was sagen Sie?

Weiß: Solange sich die Person für unsere Tradition und für Brauchtum interessiert, kein Problem. Das kann bedeuten, im Fußballverein mitzumischen oder einen Beitrag zur Fronleichnamsprozession zu leisten.

Haller: Sie müssen einfach nur in Aschheim oder Dornach ansässig sein und Anschluss an die Dorfgemeinschaft suchen. Der Rest passiert von allein.

Interview: Hüseyin Ince

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