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Nach einer langen Reise kommen diese Flüchtlinge vor einem Jahr am Hauptbahnhof in München an. Viele wurden weiterverteilt, ein Teil blieb in Bayern.

Ein Jahr nach dem Flüchtlingswochenende

"Das werde ich München nie vergessen"

München - Vor einem Jahr machte München weltweit Schlagzeilen, als an einem Wochenende zehntausende Flüchtlinge am Hauptbahnhof strandeten. Was wurde aus den Menschen von Gleis 26?

München – Samstag, 5. September 2015, der Tag, an dem München Geschichte schreibt. Gitter sperren den Starnberger Flügelbahnhof ab, am Gleis 26 kommt ein Sonderzug nach dem anderen aus Ungarn und Österreich an. Flüchtlinge steigen aus, hunderte, tausende. Münchner drängeln sich hinter den Absperrungen, Schülerinnen halten Plakate aus Pappe in die Höhe. Darauf steht: „Refugees welcome.“ Flüchtlinge willkommen.

„Ich werde das nie vergessen“, sagt Saddam Alahmad – er ist noch heute dankbar für den herzlichen Empfang, den ihm die Münchner am Hauptbahnhof vor einem Jahr bereitet haben. Trotzdem wird er nicht mehr lange in München bleiben.

Auch Saddam Alahmad, 27, aus Syrien steigt an jenem Nachmittag aus einem der Züge. Er geht vorbei an den Absperrgittern, weiter zur Registrierungsstelle. Er sieht, wie die Münchner applaudieren, wie sie Kindern Kuscheltiere und den erschöpften Erwachsenen Wasserflaschen in die Hand drücken. „Das werde ich München nie vergessen“, sagt Saddam Alahmad – er ist noch heute dankbar für diesen herzlichen Empfang. Was an jenem Wochenende in München passiert, bekommt schnell einen Namen: Willkommenskultur. Heute hat dieses Wort für manche einen faden Beigeschmack, für manche ist es ein Schimpfwort. Doch damals sagt zum Beispiel Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde: „Die Welt sieht jetzt auf wunderbare Weise, was Weltstadt mit Herz bedeutet.“ Während das Fernsehen Szenen aus Ungarn zeigt, in denen Polizisten mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Flüchtlinge hinter hohen Zäunen vorgeht, wird München zum Symbol für Hilfsbereitschaft.

„Bayern leuchtet gelb und orange“, wird Regierungspräsident Christoph Hillenbrand im Lauf des Wochenendes sagen. Gelb und orange, die Signalfarben der Westen der vielen, vielen Helfer. Allein 600 sind offiziell registriert, tausende Freiwillige packen mit an, verteilen die Spenden, die die Münchner zum Hauptbahnhof schleppen. Als die Stadt im Internet um Babynahrung, Toilettenartikel oder Isomatten bittet, dauert es keine Stunde, und die Hilfsgüter türmen sich meterhoch. Die Stadt muss gleich wieder einen Aufruf starten: Genug, genug – weil die Lagerkapazität nicht ausreicht.

„So viele strahlende Gesichter"

Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter ist an dem Wochenende, an dem München von der schieren Zahl der Flüchtlinge überrascht wird, am Hauptbahnhof. Er begrüßt Flüchtlinge, ein Bub schaut ihn an und fragt: „How are you?“ Wie geht es Dir? Das Schönste, meint Reiter damals, sei doch, „so viele strahlende Gesichter zu sehen“. Er weiß aber auch, dass es hier nicht nur ums Grüß-Gott-Sagen geht. Sondern dass seine Stadt erst am Anfang einer riesigen Aufgabe steht. Gebetsmühlenartig beteuert Reiter in diesen Tagen, München werde die Herausforderung meistern, tausende Flüchtlinge unterzubringen. Um Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen, werden zunächst in zwei, dann in drei Messehallen im Münchner Osten tausende Feldbetten gebracht. Allein am 5. und 6. September 2015 stranden 20 000 Flüchtlinge in München – jeder hat seine eigene Geschichte im Gepäck.

„Die Leute waren so freundlich“, erinnert sich Hassan Ali aus Afghanistan. Er hatte schon während seiner Flucht über die Balkanroute von der guten Stimmung in Deutschland gehört. Jetzt hofft er darauf, nicht abgeschoben zu werden.

Hassan Ali aus Afghanistan kommt damals über die Balkanroute, heute erzählt der 21-Jährige von vielen „schlechten Erfahrungen“ auf der Flucht. Der ständige Stress. Die Angst um sein Geld. Nie mehr als drei Stunden Schlaf. Aber er hat schon während der Reise von der guten Stimmung in Deutschland gehört. Bei seiner Ankunft spürt er das: „Die Leute waren so freundlich.“ Als er in der Bayernkaserne ein sauberes T-Shirt, eine Jeans bekommt, atmet er auf. „Noch nie hatte ich so schöne Kleidung“, sagt er. Mit München verbindet er Sicherheit. Seine Mutter ist mit seinen drei Schwestern in Afghanistan ständig auf der Flucht vor den Taliban, sein Vater seit Jahren vermisst. Hier in Deutschland, sagt er, spiele es keine Rolle, welcher Volksgruppe er angehört, woher er kommt, wie alt er ist, welche Religion er hat. „Hier kann man den Menschen vertrauen.“

Der Syrer Saddam Alahmad kann die positive Stimmung am Hauptbahnhof nicht lange genießen. Eine Hautallergie plagt ihn seit Tagen, er wird sofort provisorisch im Sanitätszelt behandelt – und verbringt danach einige Stunden im Krankenhaus. Dann wird auch er in die Bayernkaserne gebracht.

Frau und seine Kinder harren in der Türkei aus

Er stammt aus Aleppo, der Stadt, die vom syrischen Bürgerkrieg am schlimmsten getroffen wurde. Saddam Alahmad hat als Maler und Taxifahrer gearbeitet, sein Mittelfinger wurde bei einem Bombenangriff abgerissen, sein Bruder wurde schwer verletzt, sein Vater starb. Er erzählt seine Geschichte, ein Jahr nach seiner Ankunft. Als der Dolmetscher übersetzt, senkt Alahmad den Kopf, schlägt die Hände vors Gesicht. Stille. Der 27-Jährige ringt um Fassung, dann spricht er weiter. Saddam Alahmad hat die Menschlichkeit in Deutschland sehr beeindruckt. Und trotzdem fällt es ihm jetzt schwer zu lächeln. Deutschland, so sieht es aus, wird er vermutlich bald wieder verlassen – obwohl er als Asylbewerber anerkannt ist. Denn während er immer noch in der Bayernkaserne lebt, harren seine Frau und seine drei Kinder in der Türkei aus. Der 27-Jährige ist in juristischer Beratung, doch es wird wohl nicht klappen mit dem Nachzug. „Ohne meine Familie“, sagt Alahmad, „macht es keinen Sinn, hierzubleiben.“

Die lange Flucht wollte er seiner Frau und den drei Kleinen nicht zumuten. „Zu gefährlich“, erklärt er. Bei der Überfahrt von der griechischen Insel Chios nach Athen sei das Boot zwei Mal umgekippt. Von der griechischen Hauptstadt aus ging Alahmad zu Fuß über Mazedonien, Serbien und Ungarn bis zur österreichischen Grenze. Dort setzten Polizeibeamte ihn und seine Weggefährten in den Sonderzug nach München. Er war einer von 60.000 Flüchtlingen, die allein in der ersten Septemberhälfte in München ankamen.

Ein netter Polizist unterhält einen Flüchtlingsbuben.

Aktuell leben noch gut 12.000 Flüchtlinge in der Stadt. Das bedeutet, die bundesweite Verteilung ist letztlich doch gut verlaufen. In ganz Oberbayern, inklusive München, sind die Flüchtlinge nach Angaben der Regierung von Oberbayern folgendermaßen verteilt: 6000 wohnen derzeit in den Aufnahmeeinrichtungen, 3000 in den staatlichen Gemeinschaftsunterkünften, 18.000 in dezentralen Unterkünften. Am Bahnhof kommen heute kaum noch welche an, nur noch fünf oder sechs am Tag an, schätzt ein Sprecher der Münchner Polizei.

Als vor einem Jahr immer noch mehr Sonderzüge in München ankommen, platzt auch den Chefs des Krisenstabs, Dieter Reiter und Christoph Hillenbrand, irgendwann der Kragen. Der SPD-Oberbürgermeister und der Regierungspräsident prangern die mangelnde Solidarität anderer Bundesländer an und warnen: „München ist an der Belastungsgrenze.“ Hilfe aus Berlin? Fehlanzeige. Oberbürgermeister Reiter sagt heute: „Mich hat niemand angerufen und gesagt: Achtung, die Frau Bundeskanzlerin hat jetzt was mitzuteilen.“

Merkel, Seehofer und die SMS

Bis heute ranken sich Mythen um den Kommunikationsfluss zwischen Merkel und Horst Seehofer nach der für München so folgenreichen Grenzöffnung in Ungarn. Der bayerische Ministerpräsident weilt an jenem Freitagabend in seinem Ferienhaus im Altmühltal. Die SMS, die Merkel ihm schickt, liest der CSU-Chef nicht, weil sein Handy aus ist. Merkel bittet daraufhin Kanzleramtsminister Peter Altmaier, Seehofer über dessen Amtschefin über die Vorgänge unterrichten zu lassen. Offenbar vergeblich. Hinterher ätzte Seehofer, wenn man ihn wirklich hätte erreichen wollen, hätte man die Polizei vorbeischicken können. Merkel wiederum behauptet, sie habe alles getan, um Seehofer zu erreichen. Missverständnisse auf höchster Ebene.

„Willkommen in München“ in drei Sprachen.

In der Weltöffentlichkeit steht München trotzdem glänzend da. Im Laufe des Wochenendes treffen hunderte Journalisten aus der ganzen Welt am Hauptbahnhof ein. Fernsehstationen aus Australien, Japan, den USA. Die New York Times zeigt auf ihrer Titelseite Bilder aus München. Permanent wird Hillenbrand in Interviews gefragt, wie es denn jetzt weitergehe. Irgendwann antwortet er erschöpft: „Ich bin Regierungspräsident und kein Prophet.“ Um München zu entlasten, wird Rosenheim zu einem weiteren wichtigen Drehkreuz. Schon im August hatte die Polizei dort 9600 Flüchtlinge aufgegriffen – mehr als im ganzen Jahr 2014. Die Züge aus Verona und Budapest sind voll mit Menschen aus Syrien, Afghanistan, Nigeria, Irak. Zeltstädte werden gebaut, Notlager eingerichtet – um die Männer, Frauen und Kinder zu versorgen.

Hoffnung auf Frieden in Syrien? „No chance"

Viele davon sind längst nicht mehr in Bayern. Hassan Ali schon, er möchte unbedingt Deutsch lernen, er hat in München schon einen Kurs gemacht. Aber die Sprache ist schwieriger als gedacht, das frustriert ihn. Er weiß: Nur wenn er Deutsch spricht, kann er arbeiten, seine Mutter, um die er sich große Sorgen macht, unterstützen. Er will lernen. Und er will hierbleiben. Bisher hat er eine Aufenthaltsgestattung. Der Gedanke an eine Abschiebung – „einfach schrecklich, das Schlimmste“, sagt er. Und wie geht es für Saddam Alahmad weiter? Gibt es Hoffnung auf Frieden in Syrien? Er schüttelt den Kopf: „No chance.“ Seine Flucht muss vielleicht weitergehen, zu seiner Familie, die in der Türkei immer noch auf eine Einreise nach Deutschland hofft.

Klaus Vick

Klaus Vick

E-Mail:klaus.vick@merkur.de

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