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Mit einem Wut-Video auf YouTube machte der Journalist Michael Praetorius einen Vorfall in der S8 öffentlich.

Aus Protest neue Isar-Card verbrannt

Erbarmungslose S-Bahn-Kontrolle: Das sagen Bahn und MVV

München - In einem Video empörte sich Journalist Michael Praetorius über einen erbarmungslosen Vorfall in der S-Bahn. Aus Wut verbrannte er seine Isar-Card. Jetzt hat die Bahn reagiert - und sich mit ihm getroffen. Was dabei rauskam.

Ende Mai 2016. Ein Kontrolleur in der S-Bahn vom Flughafen nach München nimmt einer Asiatin den Pass ab und führt die junge Frau zur Polizei. Der Grund: Sie hat vergessen, ihre Fahrkarte abzustempeln. Journalist Michael Praetorius (37) wird Zeuge des Vorfalls - und ist empört über die verwirrende Fahrkartenpolitik und den rüden Kontrolleur. Aus Protest zahlt er ihr Bußgeld - und verbrennt kurz darauf seine Isar-Card, die er am Morgen für 53,40 Euro gekauft hatte. Die ganze Aktion streamt er auf Facebook. Hunderttausende Menschen sehen das Video, deutschlandweit berichten Medien

Fast einen Monat später laden ein Vertreter der Bahn und des MVV den Journalisten zum runden Tisch ein. Der schildert dort nicht nur das Erlebte, sondern konfrontiert seine beiden Ansprechpartner auch mit Kommentaren und Vorschlägen aus sozialen Netzwerken. Auch das Treffen dokumentiert Praetorius per Video auf seiner Facebook-Seite, und kommentiert, was am runden Tisch besprochen wurde.

Bürokratie vs. Kundennähe

Eines wird schnell klar: Offenbar hatte der Kontrolleur seine Kompetenzen überschritten - wofür sich Franz Lindemair von der Deutschen Bahn entschuldigt. "Er hätte nicht die Reisende aus dem Zug zur Polizei mitnehmen dürfen. Er hätte nicht ihren Ausweis wegnehmen dürfen. All das ist glaube ich bekannt." 

Bahn und MVV wollen ihre Kontrolleure deshalb künftig besser für Konfliktsituationen schulen - auf solche Konfliktsituationen seien die Mitarbeiter offensichtlich nicht ausreichend vorbereitet worden. "Sie müssen in Konfliktsituationen gegenüber dem Kunden souverän bleiben", sagt Lindemair. Die Mitarbeiter müssten klar machen, warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten. "Und sie haben dabei auch keinen Ermessensspielraum", fügt er hinzu. Schließlich sei im Zug wenig Zeit, einen Konflikt zu lösen. 

Für Lindemair sind diese drei Komponenten essentiell: "Am Anfang ein möglichst einfaches Ticketsystem, das es möglichst vielen Recht macht. Dazwischen ein Kontrolleur, der schaut, das alles richtig ist. Und danach, für den Fall das es Konflikte gibt, eine Einspruchsstelle."

Praetorius findet das wenig hilfreich. "Statt das Tarifsystem einfacher zu machen, sollen Kontrolleure hart bleiben und den Fahrgästen die Beschwerdestellen besser kommunizieren", kommentiert er zum Video. Für ihn klinge das mehr nach Bürokratie als nach Kundennähe. 

Kulanz nicht erwünscht

Der Kontrolleur hätte das Ticket auch einfach im Zug entwerten können, findet Praetorius. Für Norbert Specht vom Münchner Verkehrs- und Tarifverbund würde das jedoch ein falsches Signal senden, nämlich dieses: "Wichtig ist, dass du dir eine Karte kaufst, aber entwerten brauchst du sie eigentlich nicht. Wenn der Kontrolleur kommt, entwertet er sie dir."

Das Münchner System mit entwerteten und nicht entwerteten Tickets ist für Praetorius der Knackpunkt der Angelegenheit. Ob Fahrkarten nur entwertet ausgegeben würden oder nicht, sei eben in jeder Großstadt anders geregelt, sagt Specht. Auf die Frage, ob es Aussicht auf Vereinfachung gebe, bejaht Specht das, nämlich "im Zuge des Electronic Ticketing." Bisher nutzten nur Berufspendler dafür eine Chipkarte fürs gesamte Jahr. Ziel sei, ein solches Ticketing bundesweit einheitlich nutzbar zu machen. 

"Bis das allerdings bundesweit kommt, vergeht noch eine ganze Zeit und in diesem Fall hätte es der Reisenden aus Asien auch nicht geholfen", kritisiert Praetorius in seinem Kommentar zum Video.

"Bemerkenswert und konsequent"

Die Entschuldigung der Deutschen Bahn und des MVV an die betroffene Frau nimmt er trotzdem entgegen und schreibt, er werde sie übers Netz an die junge Frau weitergeben, "die davon mehr betroffen war als ich." Mehr kann Praetorius momentan nicht bewirken, der Fall sei erstmal erledigt, schreibt er. "Ich habe den Eindruck, dass die Bahn gesehen hat, dass hier einiges schief gelaufen ist." Dass sich bald was ändert, bezweifelt er jedoch "ganz stark, da könnt ihr noch so viele tausend Kommentare schreiben." Trotzdem bedankt er sich bei allen, die ihn mit Kommentaren unterstützt haben.

Bei Facebook kam seine Aktion gut an. "War abzusehen", schrieb zwar eine Userin, fügte aber hinzu, sie finde es "Trotzdem (...) bemerkenswert und konsequent, dass du drangeblieben bist und dieses Gespräch mit der Bahn durchgezogen hast!" Er entwerte ab jetzt grundsätzlich immer alle Tickets, schrieb ein anderer User. "In allen Ländern." Schaden könne es ja wohl nicht. 

Zuvor hatte sich ein 77-jähriger Ex-Bahnmitarbeiter aus München öffentlich zu Wort gemeldet. Ihn hatte der Vorfall nach eigener Aussage so wütend gemacht, dass er die Hälfte des fälligen Bußgeldes übernehmen wollte. Die Deutsche Bahn hatte jedoch bereits angekündigt, Praetorius, der das Bußgeld übernommen hatte, eine "Kulanzregelung" anzubieten.  

kf

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