+
Polit-Rentner mit Weitblick: Alt-Oberbürgermeister Christian Ude hält es für wichtig, dass sich ein moderater Islam in der Stadt etabliert.

Münchens Ex-Bürgermeister im Interview

Alt-OB Christian Ude: "Eines Tages wird die Moschee gebaut"

München - Alt-Oberbürgermeister Christian Ude glaubt nach dem vorläufigen Scheitern des Islamzentrums immer noch an die Zukunft des Projekts

Walnuss oder Stracciatella: Das ist die Entscheidung, die Alt-OB Christian Ude an diesem Sommer-Nachmittag im schattigen Hof seines Schwabinger Mietshauses zu fällen hat. Ude entscheidet sich für das Walnuss-Eis. Und nimmt sich viel Zeit für sein Herzensanliegen. Ude ist nicht nur Polit-Rentner, sondern auch Kuratoriums-Vorsitzender des Münchner Forums für Islam (MFI). Als solcher musste er zuletzt einräumen, dass kein Spender für ein Islamzentrum in Neuhausen gefunden werden konnte. Im Interview erklärt der Alt-OB, wie er sich die Zukunft des Projekts vorstellt – und, warum Imam Idriz jetzt in Deutschland nach Spendern suchen sollte.

Herr Ude, nachdem das Islamzentrum am Leonrodplatz gescheitert ist, heißt es, man werde irgendwann einen kleinen und weniger zentralen Standort suchen. Droht doch eine Moschee im Industriegebiet?

Es darf auf keinen Fall einen diskriminierenden Standort geben. Selbstverständlich muss er verkehrsgünstig gelegen sein und an einem Ort, an dem auch Menschen leben. Das Projekt heißt Integration. Da muss es auch eine integrierte Lage geben, also auch nicht in einem Hinterhof – und nicht im Industriegebiet.

Sie waren einst für den Standort in der Altstadt.

Christian Ude mit Merkur-Redakteur Felix Müller im Hof seiner Schwabinger Wohnung.

Nein, das war ich nicht. Ich fand es nur absurd, die Altstadt für tabu zu erklären. Es darf kein Tabu geben, weil es keine unterschiedliche Wertigkeit von Religionen gibt. Den Standort über der Parkgarage an der Herzog-Wilhelm-Straße habe ich immer für problematisch gehalten. Die bautechnische Sicherheit und die Alltagssicherheit wären dort nicht gewährleistet gewesen.

Die Parteien haben das Thema aus Wahlkämpfen herausgehalten. War es ein Fehler, die Debatte nicht offener zu führen?

Es war ja nicht so, dass hier ein Geheimprojekt eingefädelt worden wäre. Der Stadtrat hat ganz offen und ehrlich gesagt, dass er dieses Projekt befürwortet und in gewissem Rahmen auch fördern will. Aber man hat es aus dem Parteienstreit herausgehalten – und so sollte man es bei religiösen Projekten auch tun.

In der Bevölkerung gibt es ein relativ großes Unbehagen mit dem Projekt. Hätte sich das nicht auch im demokratischen Spektrum abbilden sollen?

Natürlich: Es gibt ein Unbehagen. Aber ich sehe nicht ein, warum es um die Religionsfreiheit parteipolitischen Streit geben sollte, nur weil manche Bürger mit der Religionsfreiheit Probleme haben. Es ehrt den Stadtrat, dass er die Religionsfreiheit für alle Religionen befürwortet, die hier in der Stadt viele Gläubige haben.

Wenn die Stadt einen Standort sucht und reserviert: Ist das nicht mehr als nur das Gewähren von Religionsfreiheit?

Religionsfreiheit bedeutet nicht nur, in den eigenen vier Wänden einen Gebetsteppich ausbreiten zu können. Zu dem Auftritt einer großen Religion gehört auch, dass sie in der Stadtlandschaft auffindbar ist – und so etwas Bedeutendes wie ein Gotteshaus muss repräsentativ sein dürfen. Da ist die Stadt dann eben gefordert. Nicht, indem sie Grund und Boden schenkt oder Kosten übernimmt – das hat sie bei anderen Religionsgemeinschaften ja auch nicht getan. Aber, indem sie bei der Grundstückssuche und mit den Instrumenten der Stadtplanung hilft.

Ist das Projekt auch daran gescheitert, dass die Stadt nicht mehr getan hat?

Für das Islamzentrum: Christian Ude unterstützt Imam Benjamin Idriz (l.) als MFI-Kuratoriums-Vorsitzender.

Sie hat alles getan, was sie darf und soll: Helfen, beraten – und der Bevölkerung erklären, warum das Islamzentrum nötig ist, auch wenn man selbst gar keiner oder einer anderen Religion angehört. Dann sieht man den Bedarf persönlich nicht. Aber wir brauchen auch Theater und Altenheime, obwohl viele Leute noch nicht alt sind oder nie ins Theater gehen. Die Frage, ob ich als einzelner Bürger das brauche, stellt sich eigentlich bei gar keiner Einrichtung. Die Frage ist: Gibt es in unserer Bevölkerung einen legitimen Bedarf? Wenn ja, muss er befriedigt werden.

War das Islamzentrum viel zu groß geplant?

Dass Imam Idriz in der Lage ist, ein stattliches, repräsentatives Bauvorhaben zu realisieren, hat er in Penzberg bewiesen. Er ist kein Träumer, der sich unrealistische Wünsche ausdenkt, sondern ein Macher. Idriz hat eine sehr ansehnliche Moschee realisiert bekommen und sie im Sinne eines offenen, freiheitlichen Islams belebt. Hier in München hat er eine noch viel größere Unterstützung: Das Kuratorium ist in höchstem Maße repräsentativ für die Mehrheitsgesellschaft, für alle Glaubensgemeinschaften. Idriz hat mehr Rückenwind denn je gehabt.

Aber?

Die Lage um den Islam hat sich zugespitzt. Auch das Verhältnis zwischen Deutschland und Herkunftsländern möglicher Spender wie Saudi-Arabien.

Die großen Moscheen in Deutschland sind türkisch. Hat die Politik in München sich ein Vorzeige-Projekt gesucht, einen Islam, wie man ihn sich im Rathaus vorstellt – der aber nur von einem kleinen Teil der Muslime getragen wird?

Es ist richtig, dass die meisten großen Moscheen von der türkischen Religionsbehörde DITIB getragen werden. Das ist ein Partner, der sich leichttut, die Benachteiligung von Muslimen in Deutschland auszugleichen: dass sie keine feste Organisationsstruktur haben, keine Körperschaft des öffentlichen Rechts sind, keine Kirchensteuer beziehen können. DITIB ist in der Lage, türkische Wirtschaftskraft zu bewegen, es ist die größte Behörde der Welt. Alle Imame für die Auslandstürken sind dieser Behörde untergeordnet.

Ist das nicht problematisch?

Es ist zugleich beruhigend und beunruhigend. Beruhigend, weil man die Sicherheit hat, dass es staatlich organisiert und kontrolliert ist und daher nicht terroristischen Gruppen in die Finger gerät. Aber eben auch beunruhigend, weil die türkische Religionsbehörde einen unerfreulichen Wandlungsprozess durchmacht. Atatürk ging es anfangs darum, dass die Religion staatliche Spielregeln anerkennt und nicht den Gottesstaat anstrebt. Bei Erdogan ist man inzwischen nicht mehr sicher, ob er dieses säkulare Verständnis von Religion aufrechterhält.

"Die Muslime in München sind keine Einheit"

Nochmal: Sind Sie überzeugt, dass es unter Münchner Muslimen heute ein großes Potenzial gibt für eine Moschee, in der ein westlicher, moderner Islam gepredigt wird?

Die Muslime in München sind keine Einheit. Es ist wie im Christentum, vor allem in der orthodoxen Kirche, wo ja auch die jeweilige Nationalität eine große Rolle spielt. Ein bosnischer Muslim unterscheidet sich deutlich von einem türkischen und der wiederum von allen arabischen, die untereinander verschiedene Konfessionen haben. Insofern darf man die die Zahl aller Muslime nie zur Lobby eines Moschee-Projekts erklären.

Wie soll das MFI schaffen, Muslime verschiedener Herkunft anzuziehen?

Die überwältigende Mehrheit der Münchner Muslime ist türkisch. Deshalb muss ein solches Projekt Türken einbeziehen, was beim MFI erfreulicherweise der Fall ist. Sie finden ein deutschsprachiges Projekt auch im Sinne der Integration ihrer Kinder sinnvoller als ein von der türkischen Religionsbehörde gesteuertes Vorhaben. Gerade bei jungen Leuten und bei Flüchtlingen ist das Bedürfnis nach einer solchen muslimischen Anlaufstelle groß. Imam Idriz gibt richtige Antworten: Man sollte versuchen, einen mit dem Grundgesetz versöhnten und mit der Demokratie in Frieden lebenden Islam zu pflegen, der dialogbereit ist mit den Kirchen und der israelitischen Kultusgemeinde. All das ist beim MFI nicht Zukunftsmusik, sondern schon mehrjährige Praxis. Das macht dieses Projekt so glaubwürdig.

Plädieren Sie dafür, jetzt in Deutschland und Europa nach Spendern zu suchen, um das Projekt eines Tages noch umsetzen zu können?

Natürlich muss man sich jetzt um Spenden aus Deutschland bemühen, die gar nichts mit Konflikten in der islamischen Welt zu tun haben, die auch keine Ängste lostreten, wie sie bei Spenderländern wie Katar und Saudi-Arabien natürlich auf der Hand lagen.

Wer könnten diese neuen Spender sein?

Aufgeklärte Unternehmen, die das für einen wichtigen Beitrag zum Stadtfrieden in München halten. Unternehmen, die in der islamischen Welt tätig sind und dort auch Verdienste um den Dialog vorzeigen wollen.

Gerade Unternehmen zu gewinnen für ein Islamzentrum dürfte durch die akute Terrorgefahr und die Angst vor einer angeblichen Islamisierung eher schwieriger als leichter werden.

Das glaube ich nicht. Im Gegenteil. Es ist doch so, dass die Notwendigkeit eines solchen Forums immer deutlicher wird. Beim MFI hat wirklich kein Mensch die Sorge, dass es mit islamischem Fundamentalismus zu tun haben könnte. Es ist die einzige Einrichtung, die im Namen des Islams für Toleranz auf die Muslime einwirken kann. Und übrigens auch die einzige Institution, die Flüchtlingen zeigen kann wie ein erfolgreiches Leben in Deutschland mit dem islamischen Glauben vereinbar ist – und warum sie sich vor fundamentalistischen Einflüsterungen schützen müssen.

"Dass man bei Null steht, davon würde ich niemals sprechen"

Sie klingen immer noch optimistisch. Dabei steht das Projekt nach der Absage für das Grundstück doch wieder bei Null.

Es ist ein schwerer Rückschlag, ein trauriges Ereignis für alle, die ein Jahrzehnt für das Islamzentrum gekämpft haben. Aber dass man bei Null steht, davon würde ich niemals sprechen. Ich nehme drei Dinge heraus: Nach dem Charlie-Hebdo-Attentat in Paris ist eine Reihe von Münchner Imamen im Namen des Islam gegen den Terror aufgetreten. Das war eine Initiative von Imam Idriz und es wäre um diese Stadt schlechter bestellt gewesen, wenn es kein solches Wort gegeben hätte. Zweites Beispiel: Es ist ein gigantischer Fortschritt, dass wir in München mit dem MFI einen Partner haben, der sich an die zahlreichen jungen Männer aus Syrien und anderen Ländern im Namen des Islam wenden kann. Idriz kann ihnen auf Koran-Zitate und nicht nur auf deutsche Gesetze gestützt Toleranz und demokratische Rechte erklären. Das sind Erfolgsschritte. Und: Es gibt in der Hotterstraße ja zumindest eine kleine Immobilie, in der sich täglich junge Muslime treffen. In einigen Jahren das gewünschte Forum für Islam zu bauen, bleibt eine Motivation und eine Zielsetzung.

Aber es ist schwer vorstellbar, dass die Stadt nochmal ein Grundstück anbietet.

Mehrere Stadtratsfraktionen haben gesagt: Natürlich können wir nicht mehr das Herzstück eines Gebietes, das entwickelt werden muss wie das Kreativquartier anbieten. Aber es gibt ja auch Grundstücke mittlerer Größenordnung, die die nächsten Jahre sowieso nicht bebaut werden sollen. Man könnte signalisieren: Hier wäre ein Standort denkbar. Wo keine aktuelle Planung vorliegt, kann man ein Grundstück für Jahre reservieren, bis das MFI die nötigen Mittel zusammenhat.

Sie glauben, dass man dann von einem Islamzentrum in deutlich kleinerer Dimension sprechen wird?

Ja.

Was wird im MFI in Zukunft ihre Rolle sein?

Das entscheidet das Kuratorium. Ich sage: Die Idee ist wichtiger als die Frage nach einer Immobilie. Es steht und fällt damit, dass ein aufgeklärter Islam in der Stadt formuliert wird, dass sich die islamischen Gruppen miteinander vernetzen. Es ist gut, wenn die nationale Bindung nachlässt, es geht ja um Münchnerinnen und Münchner. Und es wird um die Integrationsarbeit mit den Flüchtlingen gehen.

Sie klingen wieder ziemlich optimistisch.

Es ist ja nicht so, dass die Eröffnung der Moschee die Geburtsstunde dieses Forums gewesen wäre. Es lebt schon, es soll weiter wachsen, das Kuratorium wird es dabei unterstützen. In einigen Jahren wird man mit einem ganz anderen Rückhalt in der Bevölkerung wieder antreten können – aber eben in kleinerem Stil.

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Schokoladen-Set zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Schokoladen-Set zum Selbermachen
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen
<center>Rehbockgehörn mit Strass</center>

Rehbockgehörn mit Strass

Rehbockgehörn mit Strass
<center>Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75</center>

Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75

Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75

Meistgelesene Artikel

Zwei Seniorenheime werden plattgemacht

München - Die städtischen Seniorenheime stehen vor einem großen Umbau: Münchenstift-Chef Sigi Benker will die in die Jahre gekommenen Heime in Untermenzing und …
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht

Krass! So verschuldet sind die Münchner

München - Immer mehr Münchner leben auf Pump! Das belegen die Zahlen aus dem neuen Schulden-Atlas von Creditreform. Demnach hatten zum 1. Oktober 104 954 Münchner …
Krass! So verschuldet sind die Münchner

S-Bahn-Türen öffnen künftig automatisch

München - Achtung, Tür geht auf: Ab Sonntag führt die S-Bahn das „zentrale Öffnen“ ein. Das bedeutet: Zwischen Pasing und Ostbahnhof öffnen sich alle Türen künftig …
S-Bahn-Türen öffnen künftig automatisch

CSU will Bau der Trambahn-Westtangente zustimmen

München - Nach intensiver Diskussion erzielt die Fraktion in Sachen Trambahn-Westtangente eine Einigung. Mehrere an der Strecke ansässige Stadträte werden den Kompromiss …
CSU will Bau der Trambahn-Westtangente zustimmen

Kommentare