Interview

Experte zu Flüchtlingsunterbringung: "Genug Wohnungen für alle"

München - Buchautor Daniel Fuhrhop erklärt im Interview, warum er Neubauten für unnötig hält – auch in Zeiten starker Zuwanderung. Das Problem sei oft nicht die mangelnde Aufnahmebereitschaft der Bürger, sondern bürokratische Hürden.

Wo werden die Flüchtlinge auf Dauer leben? Wie schafft man es, sie menschenwürdig unterzubringen und zu integrieren? Eine Frage, die Zuzugs-Städte wie München ganz besonders betrifft. Der Buchautor Daniel Fuhrhop hat dazu eine klare Meinung: Wir müssen unsere bereits vorhandenen Häuser besser nutzen. Und: „Verbietet das Bauen!“ So hieß ganz provokant sein erstes Buch, in dem er gegen ständigen Neubau anschrieb. Der Diplom-Kaufmann aus Oldenburg leitete selbst viele Jahre einen Architekturverlag. Gerade ist sein neues Buch erschienen: „Willkommensstadt. Wo Flüchtlinge wohnen und Städte lebendig werden“ (oekom Verlag).

-Herr Fuhrhop, 2015 kamen mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Und Sie finden immer noch, wir müssen nicht neu bauen, sondern haben genug Wohnraum?

Daniel Fuhrhop: Absolut. Würden wir alle Möglichkeiten nutzen, die unsere Häuser bieten, dann hätten wir mehr als genug Platz.

-Verteilt auf ganz Deutschland, oder? In München herrscht definitiv Wohnungsmangel.

Fuhrhop: In manchen Orten haben wir mehr Leerstand als vor fünf Jahren. Heute stehen mehr als zwei Millionen Wohnungen leer. Leider setzt sich der Trend fort, dass Jugendliche in die vermeintlich coolen Großstädte ziehen. Aber dagegen kann man etwas tun.

Flüchtlinge sollen vermehrt in schrumpfenden Gegenden untergebracht werden

-Was denn?

Fuhrhop: Man müsste in Großstädten wie München den Boom bremsen. Nicht noch weiter Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing betreiben und damit die übervollen Städte noch übervoller machen. Zum anderen könnte man etwas für die schrumpfenden Gegenden tun – dazu gehört auch, dort mehr Flüchtlinge unterzubringen.

-Sind Flüchtlinge nicht in den Städten besser aufgehoben, wo sie Ausbildung und Jobs finden und wo das Leben multikultureller ist?

Fuhrhop: Wir haben in Deutschland nicht nur die vier Millionenstädte, sondern hunderte mittelgroße Städte. Eine Stadt mit 20 000 Einwohnern ist groß genug, dass dort kleine Gruppen gleicher Herkunft leben können und es genug Angebote vom Kindergarten bis zur Arbeit gibt. Oft fehlt es gerade dort an jungen Menschen, die eine Ausbildung zum Bäcker oder Koch beginnen. Auch im Osten können viele Lehrstellen nicht besetzt werden, und gleichzeitig gibt es dort genug Wohnungen.

-Aber in manchen Gegenden herrscht besonders viel Fremdenfeindlichkeit.

Fuhrhop: Das darf man nicht verallgemeinern. Viele Menschen haben dort schlichtweg wenig Kontakt zu Migranten, was auch an der Geschichte der DDR liegt. Natürlich gibt es Personen, die gegen alles Fremde sind. Im Buch schlage ich halbironisch vor, auch Integrationskurse für diese Intoleranten einzurichten.

"Nachverdichtung bedeutet Vernichtung der letzten Freiflächen"

-Halten Sie es für realistisch, dass die Politik das mit dem Neubauen überdenkt? Tatsächlich findet man ja in München kaum noch Flächen, es bleibt nur Nachverdichtung...

Fuhrhop: In allen Metropolen gibt es Widerstand gegen das, was so lieblich Nachverdichtung genannt wird – und was faktisch bedeutet, dass die letzten Freiflächen vernichtet und Kleingärten zerstört werden. Leider sind sich zu viele Politiker einig, dass Neubauen der einzige Weg ist. Dieses Dogma sitzt tief. Andererseits führt gerade der Widerstand vieler Bürger dazu, dass umgedacht werden muss. In Hamburg haben Initiativen erfolgreich dagegen protestiert, dass der Senat neue Siedlungen für bis zu 4000 Flüchtlinge baut. Die Initiativen waren für Integration, aber eben auf vernünftige Weise.

-Auch in München gibt es oft Widerstand gegen Unterkünfte.

Fuhrhop: Die Stadt muss klar auf dezentrale Unterbringung setzen. Ich frage aber auch Leute in Bürgerinitiativen, wie sie selbst wohnen. Gerade engagierte Mittelschichtler haben oft ein, zwei Räume frei. Und jeder, der seine urbanen Freiräume bewahren will, muss sich fragen lassen, auf wie großem Fuß er selbst lebt. In Deutschland leben 600 000 Menschen alleine auf sieben oder mehr Räumen.

-Gibt es die Bereitschaft, Raum freizumachen?

Fuhrhop: Ich spüre in vielen Gesprächen eine gewisse Bereitschaft, etwas zu tun, was jahrzehntelang nicht nötig war – etwa eine Einliegerwohnung im Eigenheim einzurichten. Dazu sollten aber Politik und Verwaltung das Thema ernstnehmen und Personen abstellen, die mit Eigentümern die Möglichkeiten besprechen, und den Umbau bezuschussen. Allein dadurch könnten wir hunderttausende Menschen unterbringen.

Fuhrhop kritisiert Verteilungsschlüssel von Flüchtlingen

-Dazu müssten aber einige Hürden fallen ...

Fuhrhop: Zum Beispiel scheitert der Umbau eines Eigenheims leider oft daran, dass für die zweite Wohneinheit dann ein zusätzlicher Stellplatz verlangt wird. Bei sowas sollte die Verwaltung flexibel sein.

-Es ist auch eine Frage der Kommunikation durch die Politik, dass die Bürger keine Panik vor Beschlagnahmung bekommen ...

Fuhrhop: Wir sind ja weit von den Zumutungen entfernt, die in der Nachkriegszeit an Eigentümer gestellt wurden, als ganze Familien in leer stehende Räume einquartiert wurden. Heute geht es darum, mit den Menschen zu reden. Die Zwangsbewirtschaftung damals erscheint uns heute unvorstellbar. Aber diese erzwungene Nähe hat sicher begünstigt, dass die Integration schnell funktioniert hat. Die enge Nachbarschaft führte dazu, dass man bei jedem Aspekt des täglichen Lebens schnell Dinge klären konnte.

-Bisher werden Geflüchtete nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Kommunen verteilt. Sie sagen, es gäbe eine bessere Verteilmethode.

Fuhrhop: Momentan muss Hamburg mehr Flüchtlinge aufnehmen als ganz Mecklenburg-Vorpommern. Das ist absurd. Das Empirica-Institut schlägt vor, bei der Verteilung auch zu berücksichtigen, wo Menschen weggezogen sind. Das würde ein wenig die Gewichte verändern und die Situation entspannen.

"Wir haben heute Angst davor, Menschen irgendwas zuzumuten!"

-Sie sprechen sich für eine Wohnsitzauflage für Flüchtlinge aus.

Fuhrhop: Wir hatten in der Zeit der deutsch-russischen Aussiedler viele Jahre eine Wohnortzuweisung. Das war sinnvoll: Man hat festgestellt, dass später zwei Drittel in der Anfangsstadt geblieben sind, auch als sie hätten umziehen dürfen. In den ersten Jahren bindet man sich über Schule oder Sportverein an andere Menschen. Ich werbe dafür, auch bei den Geflüchteten die Wohnortzuweisung durchzusetzen. Sie ist per Bundesgesetz seit kurzem möglich.

-Bayern ist da vorn mit dabei. Beschneidet eine Wohnsitzauflage nicht das Recht auf freie Ortswahl?

Fuhrhop: Wir haben heute eine Angst davor, Menschen irgendwas zuzumuten! Es geht ja nicht mehr darum, jemanden in ein fremde Wohnung hineinzustopfen – sondern nur, ihm für drei Jahre eine Stadt vorzuschreiben. Und nur denjenigen, die nicht Kinder, Ehepartner, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz woanders vorweisen können. Auch für die Helfer wäre das leichter: Sie sind demotiviert, wenn Flüchtlinge nach kurzer Zeit schon wieder abreisen.

-Wie sieht die ideale Stadt, die sie Willkommensstadt nennen, aus?

Fuhrhop: Unsere Städte sind nicht schlecht gebaut. Wir haben eine gewisse Mischung der sozialen Schichten, der Herkunft, von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. Wir sollten das nicht kaputt machen, indem wir immer wieder im Sinne überkommener städtebaulicher Irrbilder neu bauen – neue Shoppingcenter, Fachmarktzentren, öde Wohnsiedlungen, reine Bürotürme. Obwohl wir wissen, dass lebendige Städte anders aussehen, wird so weitergebaut. Wir sollten das mehr wertschätzen, was wir haben.

Leeren Büroraum nutzen und alte Häuser nicht leichtfertig abreißen

-Also: mehr sanieren, Büros umwandeln...

Fuhrhop: Ja, auch leer stehenden Büroraum umzunutzen – in München mehrere hunderttausend Quadratmeter! Und alte Häuser nicht leichtfertig abzureißen. Und Programme wie „Wohnen für Hilfe“, bei dem junge zu alten Leuten ziehen, auszuweiten. Immer macht das ein Studentenwerk, warum nehmen die Stadtverwaltungen es nicht selbst in die Hand?

-Sie schlagen auch vor, lieber in die Pendelstädte im Umland zu ziehen.

Fuhrhop: Dabei habe ich das Ideal von Kopenhagen im Sinn: Dort gehen vom Stadtzentrum aus komfortable Radschnellwege 30, 40 Kilometer ins Umland.

-Für so was braucht die Politik viel Mut ...

Fuhrhop: Im Ruhrgebiet wird jetzt ein erster großer Radschnellweg gebaut. Also sollte München nachziehen!

-Sollte man als junger Mensch eher nach Augsburg ziehen als nach München?

Fuhrhop: Man sollte auch erwägen, nach Hof oder Coburg zu ziehen. Oft liegt der geringe Zuzug dorthin an Vorurteilen. Es gibt ein Instrument dagegen: das Probewohnen. Menschen wohnen eine Woche kostenlos, etwa in Görlitz. Danach stellt mancher fest, dass es sich dort gar nicht schlecht leben lässt. Das Probewohnen sollte man bundesweit ausdehnen.

Fuhrhop: Reserven in bestehende Bauten stecken

-Ist das Bellevue di Monaco, bei dem an der Müllerstraße der Abriss verhindert wurde, ein einzelnes Flüchtlingsprojekt oder hat es Signalwirkung?

Fuhrhop: Es gibt inzwischen eine Reihe solcher Beispiele, die die Politik als Muster begreifen sollte, wie man Gebäude neu beleben kann. Es braucht auch ein Bellevue di Rosenheim und ein Bellevue di Starnberg.

-OB Dieter Reiter hat kürzlich das Programm „Wohnen für alle“ aufgelegt. Da rufen viele Hurra!

Fuhrhop: Zweifellos brauchen wir günstige Wohnungen, doch die finden wir in Altbauten. Aber leider erleben wir einen massenhaften Neubau von Großsiedlungen. Zum Beispiel Freiham, wo mal 20 000 Menschen leben sollen. Würde man stattdessen alle Reserven in bestehenden Häusern nutzen, könnten wir ebenso viele unterbringen! Und wenn man unbedingt neu bauen will – das Französische Viertel in Tübingen stammt aus den 90er-Jahren und hat eine hochmoderne Mischung geschaffen: In den Erdgeschossen sind Ladenlokale, Werkstätten, Kindergärten. Doch hinter diesen Standard fällt man mit Freiham meilenweit zurück. Dort ist immer noch Gewerbe links, Wohnen rechts. Das führt auch zu meiner radikalen Haltung: dass die Art, wie gebaut wird, die beste Werbung dafür ist, es lieber sein zu lassen.

An diesem Montag um 19 Uhr ist Fuhrhop in der Evangelischen Stadtakademie München (Herzog-Wilhelm- Straße 24, Eintritt: 5 Euro) zu hören.

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