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Flüchtlingskinder: Können die Schulen das bewältigen?

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Von: Dirk Walter

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Flüchtlinge München Integration Deutschstunde
Die Sprache lernen mit "Federmäppchen" und "Raidergummi": Lehrerin Claudia Siebel mit einem Flüchtlingskind. Eigentlich unterrichtet sie die Kleinen im Kindergarten - aus Personalnot ist sie nun an der Münchner Grundschule. © Oliver Bodmer

München - Mit den Flüchtlingen kommen die Flüchtlings-Schulkinder. Erste Aufgabe: Sie müssen Deutsch lernen. Aber wie schnell geht das? Ist das zu bewältigen? Ein Besuch in einer Münchner Grundschule.

„Weißt Du, was das ist?“, fragt Claudia Siebel. Die Lehrerin zeigt ein Pappschild mit einem Bild. Elf Kinder sitzen auf einem blauen Teppich, sie haben Hausschuhe an, sie sind mal sieben, mal neun Jahre alt – und sie sprechen kein Deutsch. Es sind Flüchtlingskinder, die nun ihre erste Deutschstunde bekommen. Ali meldet sich als erster. „Schultasche“, sagt er. Weiter geht’s. „Scher“, sagt jemand – Schere, verbessert die Lehrerin. „Ball“, „Lineal“, „Raidergummi“ – Radiergummi also. „Der Heft“, sagt Meriam. „Das Heft“, sagt die Lehrerin. Dann ein schwieriges Wort: Federmäppchen. Das kennt keiner. Gekicher, Amir gähnt und Sali räkelt sich. Deutsch ist anstrengend.

Mittwoch dieser Woche, kurz nach 8 Uhr. Deutsch-Förderunterricht mit den Neulingen der Schule an der Baierbrunner Straße in München-Sendling, den Flüchtlingskindern. Es ist eigentlich kein Gebäude, sondern ein aus roten Modulen zusammengesteckter Riesen-Container – die neue Schule nebenan wird erst gebaut. Innen drin sind es ganz normale Klassenzimmer: Kreidetafel, Weltkarte, Tische in Grundschulgröße, Linoleumboden. Die Kinder haben bunte Namenskarten. An der Wand ein Plakat: „Die Lesemaus“, 1. Klasse – das Alphabet, große und kleine Druckbuchstaben. Aber soweit sind die Kinder von Claudia Siebel noch nicht. Noch lange nicht?

Lehrerin arbeitet eigentlich im Kindergarten - für die Flüchtlinge ist sie in der Schule

Normalerweise unterrichtet Claudia Siebel, ausgebildete Lehrerin, gar nicht an der Grundschule – sondern sie geht in Kindergärten, bringt in sogenannten Vorkursen den ganz Kleinen erste Brocken Deutsch bei. Jetzt braucht sie Grundschulrektorin Martha Kienzerle aber dringend in der Schule – und so fallen die Vorkurse im Kindergarten eben in den ersten zwei Wochen aus. „Wir sind gefordert und sollen schnell Lösungen finden“, sagt Kienzerle. Sie sitzt am runden Besprechungstisch in der

Flüchtlinge München Integration Deutschstunde
"Rauskitzeln", was die Kinder können: Lehrerin Claudia Siebel lässt die Flüchtlingsschüler Silben hüpfen. © Oliver Bodmer

Stammschule in der Boschetsrieder Straße, 500 Meter von der Zweigstelle in der Baierbrunner Straße entfernt. Klagen will die Rektorin nicht. Martha Kienzerle macht einen resoluten Eindruck. Marke: Geht nicht – gibt’s nicht. „Wir sind hier an der Basis, ändern können wir es eh nicht“, sagt sie. In den 1990er-Jahren seien 400.000 Russlanddeutsche angekommen – „redet da noch irgendjemand drüber?“, fragt die Lehrerin. Die politische Aufgeregtheit dieser Tage kommt an der Schule nur sehr gefiltert an. Die Klagen über den ungebremsten „Flüchtlingsstrom“ hält sie für übertrieben. „Wir nehmen doch nicht die ganze Welt auf.“ So sieht sie das.

Dabei wird über die Frage, wie viele Lehrer nun zusätzlich wegen der Flüchtlingskinder eingestellt werden müssen, erbittert gestritten – im Landtag, nicht an den Schulen. Nur 50 Stellen hat das Kultusministerium bewilligt, 800 fordert indes die SPD, sogar 1000 Freie Wähler und Grüne. Statt auf mehr Lehrer verweist das Kultusministerium lieber auf jede Menge Sonderprojekte, über deren Relevanz und Durchschlagskraft man leicht den Überblick verlieren kann. So werden Klassen mit mehr als 50 Prozent „Migrationshintergrund“ geteilt; das Budget für nebenamtliche Mitarbeiter, die Kinder Deutsch unterrichten sollen, erhöht; es gibt Berufsintegrationsklassen für Flüchtlinge, Modell-Gymnasien für begabte Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse und Deutschkurse schon in der Erstaufnahmeeinrichtung – wobei das „Lesestart-Set mit einem kindgerechten Buch“ für Flüchtlingskinder bis fünf Jahre aber vom Bundesbildungsministerium geliefert werden soll.

In 470 Ausländerklassen in Bayern lernen die Flüchtlingskinder Deutsch

Übergangsklassen, in Bayern ein beliebtes Modell, hält die Rektorin Martha Kienzerle für nicht optimal. Es sind reine Ausländerklassen, 470 davon gibt es jetzt in Bayern, in denen die Kinder einer Art Crashkurs in Deutsch unterworfen werden. „Die Kinder bleiben den ganzen Tag in einer nicht-deutschen Umgebung, sie sind einem Sprachgewirr ausgesetzt – und das in einer Gruppe von 25 Kindern“, kritisiert die Rektorin. Dann lieber „Deutsch-Förder“: Dann gehen die Kinder immer nur während der Hauptfächer Mathe, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht, kurz HSU, in den Sonder-Deutsch-Unterricht. In den anderen Fächern – Musik oder Sport, Werken oder Kunst –, bleiben sie in ihrer Klasse. Seite an Seite mit ihren deutschen Klassenkameraden. „Das ist uns ganz, ganz wichtig“, sagt die Rektorin.

Die Schule an der Boschetsrieder Straße macht nicht den Eindruck, als gehe sie am Lehrermangel oder zu vielen Modellprojekten zugrunde. Klar, es könnte mehr Lehrerstunden im Budget geben, meint die Rektorin. Klar, ein zweiter Lehrer in den Klassen mit ihren sechs oder sieben Flüchtlingskindern wäre schön. Aber trotzdem: „Es klappt schon, man muss halt wollen.“ Das sagt sie mehrmals. „Wir sind noch aufnahmefähig“, betont die Rektorin. In die Grundschule gehen 550 Kinder, allein sieben erste Klassen – das ist für eine Grundschule ziemlich viel. Es gibt 40 Nationalitäten – Angola, die ehemaligen Sowjetstaaten, China, Nepal, Syrien und Pakistan, aber auch Italien, Schweden und die USA. Ein bunter Querschnitt durch die Welt. Ist ein Kind drei Monate in Bayern, so ist es schulpflichtig – egal, ob es ein Flüchtlingskind ist oder der Nachwuchs eines ausländischen Universitätsprofessors, wie es ihn in Sendling auch gibt.

Die 17 Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern wurden der Schule sehr kurzfristig zugewiesen

Wer wann in welche Schule kommt – das ist manchmal ein Überraschungspaket. Der Anruf der Stadt München in der Boschetsrieder Straße kam am 7. September, die Schulleiterin beriet mit der Konrektorin gerade über den neuen Stundenplan. Einen Tag später standen sie dann im Flur des Schulhauses: 17 Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern. Syrer, Afghanen. Keiner sprach Deutsch. Die Gemeinschaftsunterkunft der Arbeiterwohlfahrt, die gleich um die Ecke liegt, schickte einen Dolmetscher. „Ein großer Teil der Eltern machte einen guten Eindruck“, sagt Kienzerle. Westlich gekleidet, die Art, wie sie Fragen stellten. „Etliche sprachen Englisch, auch die Kinder.“ Nacheinander bat sie die Rektorin in ihr Büro und half beim Ausfüllen der Einschulungsformulare. Sie kopierte die Meldeblätter für die Flüchtlinge, notierte die Religionszugehörigkeit. Manche wählten als Fach Ethik, manche katholische Religionslehre.

Über das Flüchtlingselend und die ganzen Katastrophen dieser Welt sprach niemand. „Alle haben uns geraten, dieses Thema lieber zu meiden.“ Die Gefahr, dass Wunden aufreißen, ist zu groß.

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Auch Lehrerin Claudia Siebel kennt die Vergangenheit der Kinder nicht. Sind sie traumatisiert? Haben sie ihre toten Verwandte im Syrien-Krieg gesehen? Sind sie an der ungarischen Grenze unter Orbáns Wasserwerfer oder Tränengas geraten? Sie weiß es nicht. „Wir müssen uns erst mal kennenlernen“, hatte sich die Lehrerin anfangs entschuldigt. Sicher sei nur eins: „Ohne Sprache kann Integration nicht gelingen“, sagt Claudia Siebel. „Ein Intensivkurs Deutsch – das ist meine Aufgabe.“

Einen Einstufungstest für die Flüchtlingskinder gibt es nicht

In der nächsten Stunde will sie „rauskitzeln“, ob die Kinder schon Rechnen können. Einen regelrechten Einstufungstest für die Flüchtlingskinder gibt es nicht. Damit würde man die Kinder überfordern, findet die Rektorin. So bleibt erstmal ungewiss, welchen Lernstand die Kinder haben: Können sie abzählen? Kennen sie die Ziffern – auf Deutsch? Neuland für die Lehrerin. Ein Abenteuer. Rektorin Kienzerle hat gehört, dass es in Ländern wie Afghanistan ein anderes Zählsystem gibt, das Duodezimalsystem mit zwölf statt zehn Zahlen, wobei zum Beispiel eine umgekehrte 2 für „10“ und eine spiegelverkehrte 3 für „11“ steht.

An diesem Mittwoch ist nach gut einer Stunde erst mal Schluss. Claudia Siebel will die Flüchtlingskinder zurück in ihre Klassen bringen. „Federmäppchen“, sagt einer. Die bleiben hier, wir kommen ja zurück, sagt die Lehrerin. Dann trotten sie los, durch die Gänge, Treppe rauf, Treppe runter. Vier Kinder in die 1a, drei in die 1c, drei in die 4a. Eine Tour durchs Schulgebäude. Aber weil drei Kinder ihre Jacken vergessen haben, macht sie den Weg noch mal. „Es nieselt doch.“ Und Kinder ohne Jacke – das geht nicht. Gleich ist Pause.

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