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Endlich am Ziel: Vor einem Jahr kamen Tausende Flüchtlinge in München an.

Flüchtlinge und Helfer kommen zu Wort

Ein Jahr nach der Flüchtlingswelle - die Münchner Bilanz

München - Vor einem Jahr stand München vor einer der größten Aufgaben der jüngsten Vergangenheit. Nun ziehen wir Bilanz der Flüchtlingswelle - mit den Betroffenen und den Helfern.

Niemand wusste, was am 5. September vorigen Jahres passieren würde, als Kanzlerin Angela Merkel die Grenzen für die Flüchtlinge öffnete, die in Budapest zu Zehntausenden am Bahnhof campierten. An dem Samstag lief der erste Zug mit 180 Flüchtlingen ein. Rettungskräfte sperrten den nördlichen Bahhofsflügel in München und richteten an der Arnulfstraße ein Lazarett ein.

Alleine an dem Tag kamen 26 Züge mit 6900 Menschen an, am Sonntag darauf waren es sogar 18.000, innerhalb von zwei Wochen erreichten 75.000 Menschen München. Die Bilder von Gleis 26 sind unvergessen, als die Münchner zu Hunderten die Ankömmlinge mit Applaus empfingen, ihnen in brütender Hitze Wasser reichten und Schlafsäcke schenkten, bevor die Geflüchteten mit Polizeieskorte zu ihren Notquartieren in der Richelstraße marschierten oder per Bus zur Messe gebracht wurden. Als das Oktoberfest nahte, wurden die Züge um München umgeleitet.

Heutzutage kommen nur noch fünf oder sechs Flüchtlinge am Tag in München an. Ins Bahnhofsviertel ist längst der Alltag zurückgekehrt. Derzeit sind laut Stadt 12.308 Asylbewerber untergebracht, in städtischen und in staatlichen Unterkünften, 2577 von ihnen sind unter 18 Jahre alt.

Bayern hat von den rund 1,1 Millionen Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, mehr als 150.000 aufgenommen. Die meisten Asylbewerber kommen auch im laufenden Jahr aus Syrien (40,4 Prozent), gefolgt von Afghanistan (17,4 Prozent) und dem Irak (17,3 Prozent).

Was aus den Menschen geworden ist, die vor einem Jahr nach München kamen, was die Helfer von damals heute tun, das erzählen die Betroffenen in der tz:

Die Flüchtlinge: Ich kämpfe um meine Familie

Ibrahim.

Seit Tagen hat Ibrahim (17) keine Nachricht von seinen Eltern erhalten. In der Nacht hält ihn die Verzweiflung stundenlang wach. Der sonst so freundliche Junge ist leicht reizbar, reißt Poster von den Wänden und schmeißt Türen, sodass das Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Straubing vor seiner Wut erzittert.

"Wenn ich nicht weiß, ob es ihnen gut geht, ob sie noch am Leben sind, dann werde ich erst traurig und dann wütend", sagt Ibrahim in fließendem Deutsch. Weil die Behörden in Deutschland und der Türkei so lange brauchen, fürchtet er, dass er seine Familie nie wieder sehen wird.

Drei Wochen lang war der Bub aus der Rebellenhochburg Homs nach München unterwegs. 3300 Kilometer mit dem Lastwagen, mit der Fähre, dem Zug, zu Fuß. Am 1. September 2015 erreicht er München. Auf dem Bahnhofsvorplatz lernt er die tz-Reporterin kennen, zeigt ihr Fotos von seiner Flucht. Der Geflüchtete und die Reporterin bleiben in Kontakt.

Ibrahim kommt nach Straubing ins Wohnheim für minderjährige Flüchtlinge der AWO. Schon nach einem halben Jahr wechselt er in die 8. Klasse einer normalen Mittelschule. Zum neuen Schuljahr wird er aufs Gymnasium wechseln - dann ist er ein Jahr in Deutschland. "Ich wollte immer Arzt werden, aber das dauert mir zu lange. Deshalb werde ich Informatik studieren", sagt Ibrahim.

Schon als kleiner Bub hat er eine Kalkulationssoftware und ein Quiz selbst programmiert.

Seit dem 11. August 2016 ist er anerkannter Flüchtling. Obwohl er alle Papiere beisammen hatte, hat es fast ein Jahr gedauert, bis sein Asylantrag bewilligt wurde. Als UMF hat Ibrahim das Recht, seine Eltern und seinen acht Jahre alten Bruder Nuretin nachzuholen. Doch nur so lange er minderjährig ist …

Ibrahims Familie.

Am 1. Januar 2017 wird Ibrahim 18 Jahre alt. Laut Pro Asyl dauertes fast ein Jahr, um einen Termin für einen ­Visumsantrag in einer deutschen Auslandsvertretung in der Türkei zu bekommen. Zu spät für Ibrahim und seine Familie. Deshalb hat er sich mit einer Mail an das Auswärtige Amt gewandt, die für UMF, die zwölf Monate vor ihrem 18. Geburtstag noch keinen Termin für einen Visumsantrag haben, eine Mailadresse eingerichtet haben. Da das neu ist, haben auch Flüchtlingsorganisationen keine Erfahrung damit, ob so die Terminvergabe schneller geht.

"Es ist eine Sache, den Termin zu bekommen. Die andere Sache ist, in die Türkei einzureisen. Denn laut unserer derzeitigen Informationen dürfen seit Anfang Juli Syrer ohne Visum nicht in die Türkei einreisen", sagt Ulrike Schwarz vom Bundesfachverband UMF.

Die Situation ändert sich ständig, deshalb kann niemand sagen, ob eine Einreise möglich sein wird, wenn die Familie einen Termin bei der deutschen Botschaft in der Türkei bekommen sollte.

Ibrahim wird bis zum 1. Januar kämpfen, dass seine Familie in der Türkei in ein Flugzeug zu ihm nach Deutschland steigen kann.

Der Helfer: Das ging um die Welt

Mit einem Rucksack voller Brezn und Mineralwasser ging es los, als Colin Turner (36) vor einem Jahr am Hauptbahnhof mithalf, die Flüchtlinge zu versorgen. "Es war alles improvisiert, aber eine unglaublich gute Stimmung unter Hunderten von Helfern."

Helfer Colin Turner.

Colin Turner arbeitet im Wahlkreisbüro der Linkspartei. Am Hauptbahnhof beobachtete er eine ganz große Koalition aus Helfern: "Da waren Menschen, die aus christlicher Motivation halfen, Muslime, Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Grüne, Sozialdemokraten, CSUler." Und dann wurde applaudiert: "Wir fragten uns, ob das für die Flüchtlinge nach ihren Strapazen zu viel des Guten ist, ob nicht unerfüllbare Erwartungen geweckt werden." Denn nicht alle Flüchtlinge erhalten Asyl, und der Weg zur Integration kann lang sein. "Es zeigte sich aber, dass es die Ankommenden freute und es als Zeichen der Willkommenskultur um die Welt ging."

Ist die Euporie verflogen? "Überhaupt nicht, wir haben einen Email-Verteiler von 4000 Menschen, die helfen möchten, und es melden sich täglich neue."

Es geht nicht mehr um Wasser und Schlafsäcke: "Die Geflüchteten brauchen Orientierung und Sprachvermittlung." Einen Rechtsruck kann Turner nicht entdecken. "Pegida hat keinen großen Zulauf mehr, OB Dieter Reiter bleibt bei seinem Kurs, die Parteiführung der CSU war schon immer asylkritisch." Wer helfen will: Infos erhalten Sie unter www.willkommen-in-muenchen.de

Adnan floh vorm Töten

Noch immer quetschen sich Tausende Flüchtlinge in völlig überfüllte Schlauchboote - getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben ohne Krieg und ohne die quälende Angst, den morgigen Tag nicht mehr zu erleben.

Adnan.

Adnan Albash kennt diese Angst. Als der gebürtige Syrer 21 war, musste er sein Medizinstudium beenden. Denn: Er wurde auf dem Schlachtfeld gebraucht. Für den angehenden Arzt bedeutete das: Leben nehmen anstatt Leben zu retten. Unvorstellbar! Aber den Befehl verweigern? Unmöglich! Der einzige Ausweg: die Flucht nach Deutschland. Adnan wählte den Weg durch die Türkei. Sein Ziel: München. Ganze fünf Monate war der Syrer unterwegs. Drei davon saß er in mazedonischer Gefangenschaft. Mittlerweile lebt der 23-Jährige in München, hat zahlreiche Freunde und eine passende Arbeit gefunden: in einem medizinischen Labor. Die Verständigung? Für Adnan überhaupt kein Problem: "Ich feile Tag und Nacht an meinem Deutsch, damit ich endlich wieder Medizin studieren kann."

Johannes Welte, Jasmin Menrad, Sarah Brenner

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