Per Brief abgestimmt

Fünf US-Münchner erklären: Darum haben wir Clinton gewählt

Womit kaum ein Politik-Experte Anfang des Jahres gerechnet hatte, ist wahr geworden. Donald Trump, der wohlhabende wie polarisierende US-Geschäftsmann, ist einer der letzten beiden Präsidentschaftskandidaten.

Womit kaum ein Politik-Experte Anfang des Jahres gerechnet hatte, ist wahr geworden. Donald Trump, der wohlhabende wie polarisierende US-Geschäftsmann, ist einer der letzten beiden Präsidentschaftskandidaten. Heute wählen die USA, in Deutschland wird man irgendwann in den Nachtstunde wissen, wer künftig die Geschicke der Weltmacht lenken wird: tatsächlich Trump oder doch Hillary Clinton? Sie wäre die erste Präsidentin der USA. Trump wäre der erste Präsident fast ohne Politikerfahrung – der Kandidat der Protest- und Wutwähler.

Auch viele Münchner US-Amerikaner haben ihr Wahlrecht genutzt, per Briefwahl. Vielen macht es Angst, dass Trump Präsident werden könnte. Wir haben versucht, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Trump- und Clinton-Wählern abzubilden. Aber Trump-Wähler in München? Fehlanzeige. Nordamerika-Experte Professor Michael Hochgeschwender von der LMU München sagt: „US-Amerikaner, die im Ausland leben, sind weniger anfällig für Trumps Katastrophenpropaganda“.

Wann das Wahl-Ergebnis feststeht sowie Antworten auf alle wichtigen Fragen finden Sie hier.

Fünf US-Münchner erklären, warum sie Hillary Clinton gewählt haben.

„Furchtbar traurig“

Bei Beth Berr (32) verläuft der gesellschaftliche Riss, den der populistische Trump-Wahlkampf verursacht hat, mitten durch die Familie. Die Wahlmünchnerin mied das Thema US-Präsidentenwahl, als sie Mitte des Jahres ihre Eltern im US-Bundesstaat Missouri zuletzt besuchte. Denn sie sind im Gegensatz zu ihr treue Trump-Anhänger und für Argumente kaum zugänglich, wie Beth Berr sagt.

Die US-Journalistin lebt seit fünf Jahren in München. Eigentlich wollte sie Clinton gar nicht wählen. „In den Vorwahlen habe ich Bernie Sanders gewählt. Und im Endeffekt entschied ich mich für Clinton, weil sie die bessere Alternative zu Trump ist. Er verbreitet Angst, statt die Menschen zu einen“, sagt Berr. Durch ihre Haltung war der Konflikt in der Familie vorprogrammiert. „Meine Eltern sind sehr gläubige Katholiken. Sie sehen nur Teile des Trump-Wahlkampfes. Für sie ist entscheidend, dass Trump ,Pro-Life‘ unterstützt, eine radikale Anti-Abtreibungs-Bewegung in den USA. Deshalb wählen sie ihn. Ich wollte mich mit ihnen nicht mehr streiten. Daher sprechen wir nicht mehr über Politik, wenn ich zu Hause bin. Das macht mich furchtbar traurig.“

Berr hat sich durchaus mit den Details des Wahlkampfes auseinandergesetzt. „Clinton möchte sich für die Familie einsetzen. In den USA kehren derzeit Frauen drei Monate nach der Geburt wieder in ihren Job zurück. Clinton könnte diese Zeitspanne erweitern.“ Womit Berr überhaupt nicht zurechtkommt, ist die Haltung Trumps zum Thema Waffen. „Seine Nähe zur Waffenlobby ist bekannt. Ich dagegen bin für schärfere Waffengesetze – im Gegensatz zu meinen Eltern.“

„D.T. – Don’t touch!“

Der US-Amerikaner Grantly Marshall (67) ist Gründer und Leiter der „American Drama Group“ in München. Er inszeniert Bühnenstücke auf Englisch wie „Dracula“ oder „Oliver Twist“. Ist der US-Wahlkampf diesmal ein Drama? „Das auch, aber er ist vielmehr zu einer Reality-Show verkommen. Der Charakter einer halbwegs normalen US-Präsidentschaftswahl ist komplett verloren. Es wirkt lächerlich und unseriös, wie sich Clinton und Trump gegenseitig anschwärzen“, sagt Marshall, der Clinton-Wähler. „Eine Mauer gegen die Mexikaner? Donald Trump, D.T., sollte für ,Don’t Touch!‘ stehen. Er fängt Wählerstimmen, indem er Angst und Schrecken verbreitet. Seine Agenda ist sehr bedenklich, insbesondere seine Nähe zur Waffenlobby“, sagt Grantly Marshall.

Hillary Clinton ist für den Münchner US-Amerikaner auch nicht die optimale Kandidatin. „Sie ist kühl, berechnend, unnahbar – aber professionell, eine erfahrene Politikerin eben“, begründet Marshall seine Wahl für die vielleicht erste Präsidentin der US-Geschichte. Auch er hätte sich gefreut, wenn ein linksliberaler Kandidat wie Bernie Sanders für die Demokraten angetreten wäre.

Weshalb Grantly Marshall trotz seines dauerhaften Wohnsitzes in München sein Wahlrecht wahrnimmt, erklärt er so: „US-Außenpolitik hat so viel Einfluss in der Welt, dass eigentlich jeder Bürger dieser Erde den US-Präsidenten mitwählen sollte!“

„Trump kann man nicht ernst nehmen“

Der Münchner US-Bürger Henning Lange (28) wird wütend, wenn er Trump sieht oder hört. Dessen Haltung gegenüber Frauen, die fehlende politische Erfahrung, seine leeren Versprechen – all das sind Ausschlusskriterien für Lange, den studierten Mediziner. Fazit: Trump sei nicht wählbar. „Ich kann ihn nicht ernst nehmen“, sagt der Assistenzarzt der Schön-Klinik Harlaching.

Langes Mutter ist US-Amerikanerin, der Vater ein Deutscher. Er selbst ist in den USA geboren, in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota. Bis zu drei Mal im Jahr besucht er dort seine Verwandten, vor allem seine Schwester, eine Ärztin in Minnesota.

Insbesondere Trumps Ankündigung, die Reform Obamas im Gesundheitswesen rückgängig zu machen („Obama-Care“), hält er für falsch. „Ich weiß von meiner Schwester, dass ,Obama-Care‘ funktioniert. Fast alle US-Amerikaner haben jetzt eine Krankenversicherung und können sich in Krankenhäusern kostengünstig behandeln lassen. Das ist ein riesen Fortschritt. Und den will Trump aufgeben?“, fragt sich Lange.

Und wenn doch Trump US-Präsident werden sollte? „Klar, das kann leider passieren. Mit dem Brexit hat ja auch keiner gerechnet. Dann hoffe ich, dass Trump im US-Senat und im Repräsentantenhaus keine Mehrheiten bekommt. So kann er weniger anstellen“, sagt Lange.

„Niveauloser Schulhof-Tyrann“

Wenn Eric Loerke (65) US-Touristen durch München führt, erzählt er auf seiner Tour viel über den deutschen Faschismus und Populismus unter Hitler, bei der sogenannten „Third Reich Tour“. „Trump ist auch ein Populist. Ich verstehe nicht, warum ihm die Leute zuhören und ihn wählen. Trump ist ein Idiot!“, sagt Loerke, der US-Münchner, geboren und aufgewachsen in Rhode Island.

Loerke ist seit 1974 in München. Warum er trotzdem darauf besteht, sein Wahlrecht zu nutzen? „Es wäre unverantwortlich, das Wahlrecht nicht zu nutzen“, sagt er. „Wir wissen ja alle, welchen Einfluss die US-Außenpolitik auf die ganze Welt hat. Ich habe natürlich Clinton gewählt und nicht diesen orangefarbenen Kerl mit dem Nest auf dem Kopf. Außerdem ist es einfach an der Zeit, dass endlich eine Frau an die Macht kommt“, sagt Loerke.

Er versteht nicht, wer Trump mit gutem Gewissen wählen kann. „Der Kerl weckt bei mir Aggressionsfantasien. Er ist ein niveauloser Schulhof-Tyrann. Solche Typen kennt man. Sie sind willkürlich, unerträglich. Das ist für die ganze Welt gefährlich, so einem so viel Macht zu geben. Wie kann man – so wie er – die Klimaerwärmung leugnen?“, wettert Loerke. „Wenn es Trump tatsächlich werden sollte, bin ich froh, in Deutschland zu leben.“

„Sprache aus zwei Welten“

Der Münchner Sprachwissenschaftler, Englisch-Dozent und Poet Mark Olival-Bartley (47) muss oft über die Sprachwahl der beiden Kandidaten nachdenken. Der gebürtige Hawaiianer sagt: „Trump benutzt Kindersprache. Er ist ein schlechter Witz. Clinton hingegen spricht rational Erwachsene an. Die sind aus zwei verschiedenen Welten.“ Warum Trump trotzdem so viele Anhänger hat? „Das macht mich traurig, denn es bedeutet, dass viele US-Bürger Trumps Lügen nicht durchschauen“, sagt Olival-Bartley.

Was den Sprachwissenschaftler an Trump besonders stört, ist sein fehlender Sportsgeist, „in den USA ist das ein hohes Ideal! Trump sagt bereits jetzt, dass er den Ausgang der Wahl nicht anerkennt, wenn er verliert, weil er bezweifelt, wie sie dann zustande gekommen wäre. Damit verrät er dieses Ideal, als schlechter Verlierer“, schimpft Olival-Bartley, der überzeugte Clinton-Wähler.

„Schon in den Vorwahlen 2008 habe ich Clinton gewählt. Und weil die Demokraten dann Obama aufgestellt haben, wählte ich den amtierenden Präsidenten“, sagt er. Clinton sei eine starke Frau, die bereit sei für das Amt als erste US-Präsidentin. „Es wäre ein großer Schritt für die US-amerikanische Gesellschaft“, sagt Olival-Bartley. Ihm gefällt, dass Clinton die Last der US-Studiengebühren verringern will. „Ich musste für mein Studium 40 000 US-Dollar Kredit aufnehmen und habe 20 Jahre lang 46 000 Dollar zurückgezahlt, samt Zins also. Ich hoffe, das wird für die kommenden Generationen einfacher.“

Hüseyin Ince

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