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Erklärte das Projekt zur Chefsache: Ex-Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) vor dem jüdischen Zentrum am Jakobsplatz.

Ein Gastbeitrag von Christian Ude

10 Jahre Jüdisches Zentrum: „Ein Sieg der Opfer über die Täter“

München - Zum Jubiläum erinnert sich Alt-OB Christian Ude, wie es zum Bau des jüdischen Zentrums am Jakobs-Platz kam und welche Bedeutung es heute hat.

Der St.-Jakobs-Platz war ein Verdrussthema. Schon seit langer Zeit. Mitten in der Altstadt, in der jeder Quadratmeter umkämpft und unbezahlbar ist, eine Brachfläche! Innerhalb des Altstadtrings ein Abstellplatz für Busse und Autos. München-Liebhaber sprachen wegen des Stadtmuseums von einem Platz der Stadtgeschichte, Vertreter der Immobilienbranche von einem Filet-Grundstück. Doch es ging nichts voran, weil das Geld für den beabsichtigten 5. Bauabschnitt des Museums nicht aufzutreiben war und auch andere öffentliche oder kulturelle Nutzungen scheiterten. Im Herzen der Stadt wurde auf einer Kiesfläche – geparkt. Ein Verdruss.

Da erschien – schon bald nach meiner Wahl – die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, in meinem Amtszimmer: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werde ihre Gemeinde wieder wachsen, und deshalb brauche sie eine neue Synagoge, die nicht im Hinterhof versteckt ist, und weitere Einrichtungen für jüdisches Leben. Und zwar auf dem St. Jakobs-Platz, der kaum genutzt wird, aber zentral liegt und repräsentativ wirkt und der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung als Standort eines Jüdischen Zentrums gut anstehen würde. Dieser Gedanke hat mich sofort elektrisiert, nicht nur wegen der Perspektive für den stiefmütterlich vernachlässigten Platz, sondern wegen der Zukunft des jüdischen Lebens in München.

Dieses Thema hatte mich seit meiner Schulzeit bedrückt. Damals war ich Landesvorsitzender der bayerischen Schülerredakteure, und unser wichtigster Schutzpatron war der Volkshochschuldirektor Dr. Hans Lamm, der Amtsvorgänger von Charlotte Knobloch. Er hatte mir sein Buch „Vergangene Tage“ geschenkt, ein umfangreiches Werk über jüdische Kultur in München. Der Umschlag zeigt die große, stattliche Synagoge im Vordergrund und die Frauenkirche dahinter. Auf Führerbefehl war sie von der Stadt München (!) abgerissen worden, schon vor den Brandschatzungen des 9. November 1938. Durfte dieser barbarische Akt das letzte Wort bleiben? Natürlich nicht. Aber was konnte man tun?

Ein Schwabinger Jugendfreund, Richard Grimm, gründete privat ein klitzekleines jüdisches Museum. Anrührend als private Initiative, aber beschämend für die Stadt. Rachel Salamander gründete die Literaturhandlung und präsentierte Judaika, entfachte intellektuelles Leben. Aber auch dies war – privat. Max Mannheimer, der die Hölle des Holocaust miterleben musste und ihr nur knapp entkam, entschied sich in hohem Alter, seine Erfahrungen und die Lehren daraus an die Jugend weiterzugeben – aber dies lebte von einer einzigen Person, ihrer Betroffenheit, Glaubwürdigkeit und Versöhnungsbereitschaft.

Eine Vision wird wahr: Charlotte Knobloch (v. li.) im MÄrz 2002 mit den Architekten Wolfgang Lorch und Rena Wandel-Hoefer vor dem Modell des Zentrums.

Charlotte Knobloch hatte ebenfalls Unfassbares erlebt, schon als Kind die Grausamkeit der Pogromnacht, aber sie war die offizielle Stimme des Judentums in unserer Stadt, und sie hatte eine Vision: ein Ort jüdischen Lebens, eine Zukunft im Herzen der Stadt! Das war ein Weg, den Sieg der Opfer über die Täter sichtbar und spürbar zu machen, den anfangs hier nur „auf Koffern lebenden“ Menschen Geborgenheit und Zuversicht zu vermitteln. Und für die Stadt die Chance, dem finstersten Kapitel ihrer Geschichte, die nicht verdrängt oder übertönt werden darf, eine Aufarbeitung der Vergangenheit, einen Neuanfang des Zusammenlebens mit jüdischen Bürgern entgegenzusetzen.

Schon beim ersten Gespräch über diese Vision sagte ich Charlotte Knobloch zu, ihr Anliegen zur „Chefsache“ zu machen – was nichts daran änderte, dass ein zehnjähriger Hürdenlauf begann. Aber jede Hürde konnte genommen werden. Es spricht für das Projekt, dass seine Kritiker ihre damaligen Einwände nicht mehr erheben und nicht einmal mehr wahrhaben wollen, dass sie jemals vorgetragen wurden: Das Raumprogramm sei zu umfangreich, die Sicherheit nicht zu gewährleisten, eine Finanzierung nicht hinzubekommen, der Bus-Parkplatz für die Tourismus-Destination München unentbehrlich… Es gab sogar jüdische Bedenken: Die Stadt errichte hier „wieder einmal“ ein Ghetto …

Als zur Eröffnung eingeladen wurde, planten Neonazis einen Anschlag, der zum Glück vereitelt werden konnte. Durch den Hass der Rechtsextremisten wurde deutlich: Es ging hier nicht nur um einen Raum für eine Glaubensgemeinschaft, es ging um eine Standortbestimmung, um das Selbstverständnis und eine Zukunftsperspektive der gesamten Stadtgesellschaft.

Als der Bauzaun fiel, empfand ich Glück: Der Sockel der Synagoge erinnert an die Klagemauer und vermittelt Zeitlosigkeit, der transparente Aufbau ruft die Zelte Jakobs ins Gedächtnis und weist auf die zahllosen Provisorien jüdischen Lebens hin. Ein großer Wurf der Architektin Rena Wandel-Hoefer und ihres Büros. Und der „Gang der Erinnerung“, der Synagoge und Gemeindezentrum verbindet, erinnert an die rund 4500 deportierten und ermordeten Juden aus München: an alle und namentlich an jeden einzelnen.

Später habe ich es als beklemmend empfunden, dass auch Teile meiner Partei der jüdischen Gemeinde das Recht absprechen wollten, über die angemessenen Formen des Gedenkens mitzuentscheiden – weil sie doch„nur eine Opfergruppe von vielen“ darstelle. Ich stimme der Gemeinde zu: Wenn einzelne, dann alle. Und in würdiger Form, nicht im Straßenstaub. Der Gang der Erinnerung hat Maßstäbe gesetzt, hinter die niemand mehr zurück sollte.

Am 9. November 2006 wurde das jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz im Beisein bundespolitischer Prominenz eröffnet. Vorne ganz links Wolfgang Schäuble (CDU) – damals Innenminister, zwei Sitze weiter der damalige Vizekanzler Franz Müntefering (SPD), ganz rechts der damalige Bundespräsident Horst Köhler (CDU).

Und das Zentrum? Es dient natürlich vor allem der Gemeinde, die schneller wächst, als man sich beim Fall des Eisernen Vorhangs vorstellen konnte. Aber es ist mehr. Bei der Grundsteinlegung hatte ich den Wunsch geäußert: „Es möge nicht nur die Hochburg einer Gemeinschaft sein, sondern ein Forum der Stadtgesellschaft, mit einer großen Binnenpluralität.“

Tatsächlich ist diese Erwartung übertroffen worden. Nur ein Beispiel: Der Empfang zur Eröffnung des ökumenischen Kirchentags fand im jüdischen Gemeindezentrum statt. Ein bewegendes Ereignis, wenn man an Verirrungen der Vergangenheit denkt. Es spricht nicht nur für die Gastgeberin, sondern auch für die Gäste, dass dieses großartige Symbol Interreligiöser Zusammenarbeit möglich war. Ein Gemeindezentrum mit diesem Selbstverständnis ist nicht nur ein Glücksfall für die „eigenen Leute“, sondern für die ganze Stadt. Eine Zukunftsperspektive nicht nur für die jüdische Gemeinde, sondern für alle, die noch lernen müssen, dass Integration nicht nur Anerkennung von Regeln bedeutet, sondern auch, dass man sich einbringen darf und muss, dass man sich austauschen und auch andere zusammenführen sollte, statt bevormunden oder abschotten zu wollen oder nur unter Gleichgesinnten zu bleiben.

Der große Max Mannheimer hat einmal in eher spöttischem Tonfall gesagt, man sollle das Zentrum am St.-Jakobs-Platz „Charlottenburg“ nennen. Ich halte das für einen guten Vorschlag, weil er deutlich macht, was hier eine ganze Stadt einer Frau zu verdanken hat.

Jubiläumsfeier mit Merkel

Am Mittwoch begeht die Kultusgemeinde den 10. Jahrestag der Eröffnung des jüdischen Zentrums mit einem Festakt. Dabei wird sie Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Verdienste um das Judentum in Deutschland mit der Ohel-Jakob-Medaille würdigen.

Die alte Synagoge an der Reichenbachstraße soll saniert und wiederbelebt werden

Als die jüdische Gemeinde vor zehn Jahren mit den Thora-Rollen in die neue Synagoge Ohel Jakob zog, verlor die alte Synagoge an der Reichenbachstraße ihre Bedeutung als religiöses Zentrum der Juden in München. Doch historisch und architektonisch bedeutend blieb das Gebäude. 

Und bald, so hofft Rachel Salamander,soll es wieder in alter Pracht erstrahlen. Die Buchhändlerin hat dazu im Sommer 2012 den Verein Synagoge Reichenbachstraße gegründet, der inzwischen alle Planungen und Vorbereitungen für das Projekt abgeschlossen habe, wie sie berichtet. Ihr Motiv beschreibt die 67-Jährige so: „Ich bin da eines Tages vorbeigegangen und habe mit Schrecken festgestellt, wie die Synagoge verkommt. Und ich habe mir gedacht, dass man da was machen muss.“ 

Salamander, als Kind jüdischer Eltern in einem Lager für Überlebende des Holocaust geboren, sieht es als Verpflichtung an, das Haus zu erhalten. Schließlich sei es das einzige erhaltene Baudenkmal des Münchner Vorkriegs-Judentums. 1931 hatte Architekt Gustav Meyerstein den dreischiffigen Bau mit Platz für 850 Menschen in einem Hinterhof an der Reichenbachstraße errichtet. Das Geld sei knapp gewesen, sagt Salamander, der Bauhaus-Stil der neuen Sachlichkeit sei dem entgegengekommen. Doch im Inneren setzte Meyerstein unglaubliche Farbeffekte in Pastelltönen. Der Verein hat die ursprüngliche Farbgebung und die Form der Original-Fenster recherchiert. Viel von Meyerstein ist heute nicht mehr übrig. 

Die Synagoge wurde in der Reichspogromnacht demoliert – aber nicht angezündet, aus Angst, das Feuer könnte auf Arier-Häuser übergreifen. Die verwüsteten Räume wurden als Kfz-Werkstatt benutzt. 1945 konstituierte sich in München wieder eine jüdische Gemeinde und setzte das Gebäude notdürftig instand. Im Mai 1947 wurde die Synagoge wieder eingeweiht. 59 Jahre, bis zum Umzug an den St.-Jakobs-Platz, blieb sie Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Dann wurde es still um das Bauwerk. 

Nun will Salamander es wieder zum Leben erwecken, als Museum und Mahnmal, als Raum für jüdische Kultur. Was gemacht werde, müsse die Gemeinde entscheiden, sagt Salamander. An Ideen fehlt es ihr nicht: „Die Kantorengesänge, die immer im Prinzregententheater stattfinden, hätten hier einen idealen Rahmen. Die Akustik ist phänomenal.“ Salamander verspricht: „Die Bauarbeiten fangen demnächst an.“

sc

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