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Franz Wolf.

Er lindert mit Cannabis seine chronischen Schmerzen

Hanf als Medizin: "Du weißt, es hilft – aber es ist zu teuer"

München - Franz Wolf lindert mit Cannabis seine chronischen Schmerzen. Er gründet einen Verein, um selbst anbauen zu dürfen

Cannabis-Konsument Franz Wolf bekommt das Gras auf Rezept aus der Apotheke.

Als Franz Wolf die Tür zu seiner kleinen Pasinger Dachgeschosswohnung aufschließt, trägt er unter dem Arm eine schwarze Plastiktüte. Das klassische Zeichen für einen Einkauf, der Diskretion erfordert. In dem Beutel: Zwölf Döschen, gefüllt mit insgesamt 60 Gramm Cannabis. Wolfs Monatsration, frisch aus der Apotheke. Für den 49-Jährigen ist es Medizin. Er ist einer von 581 Menschen in Deutschland, die ganz legal kiffen dürfen. Uns hat er erklärt, woran das liegt und warum er findet, dass Cannabis vom Staat zugänglicher gemacht werden sollte.

Um Cannabis konsumieren zu dürfen, braucht man in Deutschland eine juristische Ausnahmegenehmigung. Wie kamen Sie zu Ihrer, Herr Wolf?

Wolf: Ich leide an einem „mehrfach sequentiellen Trauma“, so heißt das in der Medizin. Ich selbst formuliere es gerne so: Ich habe in meinem Leben so viel Gewalt erfahren, dass es für drei Menschenleben reicht. Die Voraussetzung für die Ausnahmegenehmigung sind massive chronische Schmerzen. Im November 1984 hatte ich einen schweren Motorradunfall. Das Auto fährt rückwärts aus der Einfahrt raus, und ich weiß gleich: Das schaffe ich nicht. Wenn ich in den reinballer’, bin ich tot. Also bin ich in den Acker daneben ausgewichen. Da war alles gefroren. Ich bin in eine tiefe Furche geschossen und über den Lenker gestürzt. Auf dem Kopf gelandet, sechster Halswirbel angebrochen. Später hatte ich noch eine ganze Reihe von Autounfällen – jedesmal unverschuldet, möchte ich betonen. Seitdem ist nur noch ein ganz winziger Teil meiner Wirbelsäule schmerzfrei. Der Rest tut weh wie Sau.

Seit wann dürfen Sie Cannabis konsumieren?

Wolf: Seit dem 10. September 2015. Der Tag geht für mich in die Geschichte ein. Ich bring’s mal auf den Punkt: Seitdem bin ich froh und glücklich, mich nicht mehr auf dem Schwarzmarkt um meine Medizin bemühen zu müssen.

Wie kommen Sie an die Droge?

Wolf: Es gibt fünf verschiedene Sorten in der Apotheke. Damit kann ich es gut aushalten. Und ich habe überhaupt kein Verlangen, mich am schwarzen Markt zu bedienen. Ich rauche vor allem Hanfblüten, die werden aus Holland importiert. Davon konsumiere ich ungefähr zwei Gramm am Tag. Das ist eine Dosis, mit der ich mein Leben auf die Reihe bekomme. Die Schmerzen sind nicht weg. Aber sie sind erträglich.

Wieviel kostet Sie das Cannabis?

Wolf: In der Apotheke kostet das Gramm satte 15 Euro. Das heißt, ich gebe im Monat 900 Euro für Cannabis aus.

Zahlt das die Krankenkasse?

Wolf: Nein. Weil es kein zugelassenes Arzneimittel ist. Es ist, auf deutsch gesagt, nicht verordnungsfähig. Alles was ich vorher an Medikamenten eingeschmissen habe, war zwar verordnungsfähig, hat mir aber nicht gutgetan. Das synthetische Zeug packe ich nicht. Da begehe ich lieber Selbstmord.

Was halten Sie vom neuen Gesetzesentwurf des Gesundheitsministeriums für eine behördliche Cannabis-Agentur?

Wolf: Ich hab diesen Entwurf eingesehen. Da stehen einem die Haare zu Berge. Die wollen das unter dem Dach des des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte laufen lassen. Das fuktioniert meiner Meinung nach nicht. Wenn ich Cannabis als Medikament ernst nehme, muss ich eine komplett neue Verwaltung schaffen. So, wie es geplant ist, wird sich für den Patienten nichts ändern. Die Hürden bleiben endlos hoch.

Was sind das für Hürden?

Wolf: Es ist enorm schwierig, Medizinalhanf überhaupt genehmigt zu bekommen. Ich muss meine kompletten ärztlichen Unterlagen zusammentragen – die ganze Lebensgeschichte mit jedem noch so kleinen Krankheitsfall. Dann brauche ich einen Arzt, der Hanf befürwortet und mir den ganzen Schwachsinn nochmal so zusammenschreibt, dass die Bundesopiumstelle damit was anfangen kann. Und dann erdreistet sich eine Behörde zu entscheiden, ob mir das Medikament, das ich selbst bezahlen muss, zuteil wird oder nicht.

Nach welchen Kriterien wird entschieden, wer zu Cannabis greifen darf und wer nicht?

Wolf: Der Gesetzesentwurf vom Bundesgesundheitsministerium sieht explizit vor, dass nur Schwerstkranke und Chroniker etwas bekommen. Ehrlich gesagt, finde ich das bescheuert. Ich kann nicht verstehen, warum man die Nutzung dieser Pflanze nicht ausbaut, und vor allem: sie mal solide erforscht. Es geht ja nicht um viel Geld. In dem Referentenentwurf steht drin, dass Medizinalhanf im Jahr 2014 ingesamt Kosten in Höhe von 864 000 Euro verursacht hat. In welcher Solidargemeinschaft leben wir eigentlich? Das ist Trinkgeld!

Im Januar hat das Verfassungsgericht ein Volksbegehren zur Hanf-Legalisierung für unzulässig erklärt. An dem Begehren waren Sie maßgeblich beteiligt. Wie kam’s dazu?

Wolf: Im Februar 2014 bin ich durch die Fußgängerzone gelatscht, auf dem Weg zum Doktor. Da sehe ich plötzlich ein Wohnmobil stehen. Und davor steht dieser Mann und sagt: „Wir müssen das Cannabis freigeben.“ Da hab’ ich gedacht: Wahnsinn, was ist das denn für ein Irrer? Steht da ganz alleine und predigt die Legalisierung. Er hatte das als Demonstration angemeldet. Wir haben dann kurz geplaudert, und er hat mir seine Position nahegebracht. Er meinte, das sei eigentlich ein Freiheitsthema. Es müsse den Leuten selbst überlassen sein, womit sie sich berauschen oder nicht. Nach meinem Arzttermin bin ich wieder zu ihm gegangen und wir haben vier Stunden lang geratscht. Danach war für mich klar: Ich bin dabei. Ich helfe, wo ich kann. Kurz darauf standen wir in der Fußgängerzone und haben Unterschriften gesammelt. So hat das mit dem Volksbegehren angefangen.

Was haben Sie sich damals davon versprochen?

Wolf: Zu dem Zeitpunkt wusste ja noch keiner, dass das Bayerische Verfassungsgericht nein sagen würde. Wir haben an die Möglichkeit geglaubt, zu prüfen, was die Leute wirklich denken. Wir wollten sehen, was passiert, wenn der Stimmzettel „Cannabis – ja oder nein?“ tatsächlich vorliegt. Das war die Triebfeder hinter dieser ganzen Bewegung – die CSU-Drogenbeauftragte Marlene Mortler würde sagen: „Hanfspinnern“.

Diesen Samstag planen Sie, einen Verein zu gründen. Wie heißt er und was steckt dahinter?

Wolf: „Grüne Hoffnung Bayern“ wird er heißen. Das ist ein Verein für Menschen, die im Besitz einer Ausnahmegenehmigung sind. Diesen Patienten ist nämlich eines gemein: Sie haben in aller Regel zu wenige oder gar keine Mittel, um ihre Medizin bezahlen zu können. Das ist ein fürchterliches Schicksal. Du lebst damit, dass du weißt: Es gibt etwas, das mir hilft – aber ich kann’s mir nicht leisten. Ich hoffe, dass der Verein auch wirklich zustande kommt.

Warum sollte er das nicht?

Wolf: Wir brauchen sieben Leute, um ihn ins Vereinsregister und ins Handelsregister eintragen zu können. So viele sind wir zwar – aber da kommt wieder dazu, was man bei allen Kiffern auf dem Schirm haben muss: Kiffer sind Maulhelden. Geredet wird viel, gemacht wird wenig. Ich hoffe, dass über Facebook noch ein paar Leute dazukommen.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Verein?

Wolf: Wenn mit der Gründung alles klappt, dann wird am Samstag eine „juristische Person“ geboren. Die kann sich wiederum bei der Bundesopiumstelle um eine Anbauerlaubnis bemühen. Was nämlich alle Patienten betrifft, ist der übergesetzliche Notstand. Dieser Begriff bedeutet, dass zum einen die Versorgung nicht sichergestellt ist und zum anderen die wirtschaftliche Situation der meisten Patienten es ihnen gar nicht erlaubt, ihre volle Dosis abzurufen.

Mit dem Verein wären Sie also Ihr Beschaffungsproblem los?

Wolf: Ja. Wir könnten für unsere Vereinsmitglieder anbauen. Wir hoffen aber auch, durch diese Initiative eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Ich finde, dass Cannabis für jeden zugänglich sein sollte, der es braucht.

Das Interview führte Marian Meidel.

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