+
Die große Dame des Liberalismus: Hildgard Hamm-Brücher, die morgen 95 Jahre alt wird.

Grande Dame des Liberalismus

Hildegard Hamm-Brücher: Die Unbeirrbare wird 95

München - Hildegard Hamm-Brücher hat sich nie verbiegen lassen, brach nach Jahrzehnten sogar mit ihrer Partei, der FDP, als sie ihr zu populistisch wurde. Eine unbeugsame Demokratin ist sie noch immer. Am Mittwoch wird die Ehrenbürgerin Münchens 95 Jahre alt.

Der Rummel, er ist wieder einmal groß. Dauernd klingelt das Telefon. „Das ist mir alles zu viel“, hatte Hildegard Hamm-Brücher schon 2011, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, gesagt. Auch heuer werde sie an ihrem Ehrentag „Anti-Geburtstagsrummel-Urlaub“ machen, sagt sie – und nicht zuhause in ihrer Münchner Wohnung sein.

Die junge Hildegard 1933 als Pfadfinderin-.

95 Jahre alt wird die lange als Grande Dame der FDP gefeierte Liberale am Mittwoch. Und das Alter macht ihr mehr und mehr zu schaffen. Zwei Oberschenkelhalsbrüche hat sie hinter sich. Gedächtnislücken und Gleichgewichtsstörungen plagen sie. „Seit etwa einem Jahr kränkle ich, wie man das so nennt.“

Doch auch wenn alles viel Anstrengung kostet: Nicht mehr am Leben teilnehmen? Kommt nicht in Frage. Erst am Wochenende war Hamm-Brücher bei einer Konfirmation in Wiesbaden. Und auch das politische Geschehen verfolgt sie – zum Teil mit Sorge. So beunruhigt sie etwa die rechtspopulistische AfD. Sie warnt: Für Tendenzen „kurz vor echtem Nazismus“ bestehe in Deutschland großes Potenzial. Vom Erbe des Nationalsozialismus gehe weiterhin Gefahr aus. Man müsse „fürchten, dass dass da eine ganze Menge nachgewachsen ist“.

Bis vor ein paar Jahren war Hamm-Brücher noch in Schulen unterwegs, um jungen Menschen von der NS-Diktatur zu erzählen. „Wir haben die verdammte Pflicht, über dieses Kapitel unserer Geschichte aufzuklären“, betont sie immer wieder. „Junge Menschen müssen Demokratie erleben können. Das ist alles zu kurz gekommen.“ Jetzt müssten aktive Politiker dafür sorgen, dass die Erinnerung nicht schwinde.

„Eine brave Mitläuferin war ich nie“, hat Hamm-Brücher 2011 in ihrem Buch „Und dennoch... Nachdenken über Zeitgeschichte, Erinnern für die Zukunft“ geschrieben. Und: Dass sie viel von dem Ärger, den sie sich in der Politik eingehandelt hat, nur bekommen habe, weil sie nicht schwindeln wollte. „Vielleicht bin ich aus diesem Grunde eigentlich keine gute Politikerin“, hat sie einmal vermutet. Man kann das auch anders sehen: Eine Querdenkerin, eine die unbeirrt ihre Haltung vertritt, wird heute im Politikbetrieb schmerzlich vermisst.

Aufgewachsen ist die in Essen geborene Hildegard Hamm-Brücher in Berlin-Dahlem. Nach dem frühen Tod beider Eltern lebte sie bei ihrer Großmutter in Dresden. Die Karriere der promovierten Chemikerin aber beginnt 1948 im Münchner Rathaus. Hamm-Brücher zieht mit 27 Jahren für die FDP in den Stadtrat ein. Zwei Jahre später sitzt sie im Landtag. Dann prägt sie über Jahrzehnte die Politik der Liberalen, als Bundestagsabgeordnete und Staatsministerin im Auswärtigen Amt unter dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Die Krönung ihrer Laufbahn aber bleibt ihr versagt: 1994 kandidiert Hamm-Brücher für das Bundespräsidentenamt. Im dritten Wahlgang opfert ihre Partei sie dem Koalitionskalkül – Staatsoberhaupt wird der Unionskandidat Roman Herzog.

Zuneigung: Hamm-Brücher 1978 mit Kanzler Helmut Schmidt, hinten Bundespräsident Walter Scheel.

Schwierig wird es für sie, als sich die FDP 1982 auf die Seite der Union schlägt, so dass Helmut Kohl (CDU) nach einem konstruktiven Misstrauensvotum Helmut Schmidt (SPD) als Kanzler ablösen kann. Hamm-Brücher macht nicht mit, geißelt das Vorgehen in einer mutigen Rede als Verrat. Sie sei als Abgeordnete nur ihrem Gewissen unterworfen, nicht den Weisungen der Partei. Die Folge: Hamm-Brücher verliert alle politischen Ämter. Alt-OB Hans-Jochen Vogel (SPD) sagt noch heute über den Auftritt der couragierten Politikerin, er sei „ihre Sternstunde und in gewissem Sinne eine Sternstunde des Parlaments“ gewesen.

20 Jahre später gibt Hamm-Brücher ihr Parteibuch ab – wegen der antiisraelischen Äußerungen des damaligen Parteivizes Jürgen Möllemann, die eine „unerträgliche Entfremdung“ zwischen ihr und ihrer Partei ausgelöst haben. Die FDP sei „zur rechten Spaßpartei“ geworden. „Schade, dass niemand von den FDP-Granden es je für nötig befunden hat, mit mir ein Gespräch darüber zu führen“, findet Hamm-Brücher.

Bei der Grundsteinlegung für das NS-Dokuzentrum 2012: Die Ehrenbürger Hildegard Hamm- Brücher (re.), Charlotte Knobloch, Hans-Jochen Vogel und Otto Meitinger (li.).

Bereut habe sie ihre Entscheidung aber bis heute nicht, sagt die Jubilarin. Und auch jetzt könne sie noch nicht behaupten, dass die FDP wieder ihre Partei sei. Zuerst müsse die sich „ein bisschen beweisen“. Es fehlten zudem konkrete politische Vorschläge. Einen Hoffnungsträger hat Hamm-Brücher aber zuletzt ausgemacht. Keinen Liberalen allerdings. Sondern: Winfried Kretschmann, den Grünen-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der bald eine grün-schwarze Koalition führen wird. Hamm-Brücher: „Wenn der in ein paar Wochen die alten Streithammel zu einer Koalition zusammenkriegt, dann wird Baden-Württemberg vernünftig reagiert, da bin ich mir sicher.“

Die Kraft, unbequem zu sein, hat Hildegard Hamm-Brücher immer ihre Familie gegeben. 56 Jahre lang war sie mit dem CSU-Kommunalpolitiker Erwin Hamm verheiratet, der 2008 starb. Dass sie „trotz aller Wechselbäder weder verbitterte noch resignierte und auch nicht abhob“, verdanke sie vor allem ihrem Mann und ihren Kindern Miriam Verena und Florian, hat sie einmal gesagt. Und ihrem unverwüstlichen Naturell. Im Rückblick stellt sie heute zufrieden fest: „Mein Leben hatte nichts zu wünschen übrig.“

Auch interessant

<center>Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l</center>

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l
<center>Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l</center>

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen
<center>Schokoladen-Set zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Meistgelesene Artikel

Kleiner Geldbeutel? Hier können Sie in München sparen

München - 260.000 Münchner sind arm oder von Armut bedroht - und das in einer Großstadt, die alles andere als günstig ist. Nun hat die Stadt eine Broschüre mit …
Kleiner Geldbeutel? Hier können Sie in München sparen

Stammstrecke: Personen im Gleis sorgten für Verspätungen

München - Am Samstagmorgen gab es Probleme auf der Stammstrecke, weil sich zwischen Leuchtenbergring und Trudering sowie bei Daglfing Personen im Gleis aufhielten.
Stammstrecke: Personen im Gleis sorgten für Verspätungen

Tunnel-Frage: Zuerst Englischer Garten oder Landshuter Allee?

München - Vor wenigen Tagen hat Finanzminister Söder den Bescheid an Oberbürgermeister Reiter geschickt: 35 Millionen Euro zahlt der Freistaat für den Bau des …
Tunnel-Frage: Zuerst Englischer Garten oder Landshuter Allee?

Fahnder verrät: So enttarne ich Taschendiebe

München - Wo Gedränge herrscht, sind Taschendiebe in ihrem Element – so wie derzeit auf den Christkindlmärkten. Stefan Stark (31) ist ein Grund dafür, warum sich immer …
Fahnder verrät: So enttarne ich Taschendiebe

Kommentare