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Sabine Wieninger, Vorstand des Vereins Imma, der sich um Frauen kümmert.

Berater alarmiert

Immer mehr Zwangsehen in München

Zwangsverheiratung und Gewalt im Namen der Ehre kennen viele von Berichten aus dem Ausland. Dabei spielen diese Themen auch in München eine immer größere Rolle. Das belegen die aktuellen Zahlen der Beratungsstelle „Wüstenrose“, die sich um Betroffene kümmert.

Die Zahlen, die der Stadtrat am Dienstag vorgelegt bekommt, sprechen eine deutliche Sprache. Auch in der Landeshauptstadt ist Zwangsverheiratung ein Problem: Von 2013 auf 2015 haben sich die Zahlen der persönlichen und telefonischen Beratungen von 95 auf 187 verdoppelt. Das geht aus dem aktuellen Bericht der Beratungsstelle „Wüstenrose“ hervor.

Sozialarbeiter haben diese Entwicklung schon länger bemerkt. Auf ihr Anraten richtete der Stadtrat 2013 die Fach- und Anlaufstelle Zwangsheirat ein, die 2015 in „Wüstenrose“ umbenannt wurde. Getragen wird sie vom Verein Imma, der sich für Mädchen und junge Frauen in schwierigen Situationen einsetzt.

Zwei Vollzeitstellen hat der Stadtrat einst für das Projekt genehmigt. Doch die Mitarbeiterinnen stoßen längst an ihre Grenzen. Denn das Angebot wird rege genutzt. Schulen, Ämter, Sozialarbeiter und andere Beratungsstellen schicken reihenweise Mädchen und junge Frauen, selten auch junge Männer. Nach Aufklärungskampagnen in Schulen kommen einige wenige auch von selbst. Oft in letzter Minute. „Wir haben Fälle, wo uns ein Mädchen erzählt, dass es am nächsten Tag in die Türkei fliegen soll, um dort mit dem Cousin zwangsverheiratet zu werden“, erklärt Imma-Vorstandsmitglied Sabine Wieninger. In anderen Fällen stehe das Thema Zwangsehe zumindest im Raum.

In beiden Fällen versucht man bei der Wüstenrose zu helfen – bringt das Mädchen im Notfall in einer Hilfseinrichtung unter, weg von der Familie. Ansonsten sucht man gemeinsam nach Lösungen, unterstützt und stärkt die Mädchen. Manchmal versucht man auch, mit den Eltern zu sprechen. Dabei bewegen sich die Beraterinnen immer auf dünnem Eis. Denn oft kommt vieles zusammen: In fast allen Fällen haben sie es mit patriarchalen Familienstrukturen zu tun, in denen Mädchen und Frauen nichts zu melden haben. Gewalt – psychische und körperliche – ist keine Seltenheit. Genauso wie die Aussicht, verschleppt zu werden, oder sogar die Androhung von „Ehrenmord“.

Ein Beispiel: Tugce, 18 Jahre alt. Sie ist gut integriert, hilft ihren Eltern bei Ämtern, übersetzt Briefe für sie. Die junge Frau steckt mitten in den Abiturprüfungen, als sie vor ihren Eltern flieht und ihre zwei kleinen Schwestern zurücklässt. Die Kontrollsucht des Vaters und die Beschimpfungen der Mutter waren unerträglich geworden. Man unterstellte ihr, mit Männern unterwegs zu sein, ortete regelmäßig ihr Handy, beschimpfte sie als Schlampe und drohte, sie zur Oma in die Türkei zu bringen. Schläge vom Vater waren zur Normalität geworden.

Kein Einzelfall. „Viele Familien mit ausländischen Wurzeln halten hier ihre traditionellen Werte besonders hoch“, weiß Sabine Wieninger. 21 Prozent der Hilfesuchenden im vergangenen Jahr hatten die deutsche Staatsangehörigkeit – jedoch ausländischen Wurzeln. Je 17,7 Prozent stammten aus Afghanistan und dem Irak, 11,7 aus der Türkei und 9,7 Prozent aus dem Kosovo. Etwa die Hälfte suchte vor einer Zwangsehe Hilfe, 31 Prozent waren bereits verheiratet. Die übrigen waren mit Gewalt im Namen der Ehre konfrontiert. 20 Prozent waren minderjährig, 40 Prozent zwischen 18 und 21 Jahre alt, der Rest älter. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

Einfache Lösungen gibt es selten. „Die Betroffenen sind oft hin- und hergerissen“, erklärt Sabine Wieninger. Denn trotz aller Not spielt die Familie eine große Rolle in deren Leben. „Viele können es sich kaum vorstellen, ohne die Eltern und vor allem die Geschwister zu leben.“ Die Zeit, in der Betroffene Unterstützung brauchen, wird immer länger. Die Zahl der Kontakte hat sich verdreifacht, von 511 auf 1878 pro Jahr.

Trotzdem legen die Mitarbeiterinnen auch großen Wert auf Prävention. Sie organisieren Workshops an Schulen und in Müttergruppen und sind zudem Ansprechpartner für andere Fachstellen, Ämter, aber auch für Angehörige oder Bezugspersonen ihrer Klientinnen. Und die Arbeit wird nicht weniger werden. Im Gegenteil: Viele Flüchtlingsfamilien, die in den vergangenen Jahren in München angekommen sind, werden hier bleiben. Unter ihnen einige, bei denen Zwangsverheiratung Normalität ist.

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